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Full text of "Beiträge zur Würdigung Schillers, Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen;"

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UNIVERSITY 
OF 

TORONTO 
LSBRARY 



GOETHEANUM BÜCHEREI 



HEINRICH DEINHARDT 

BEITRÄGE ZUR 
WÜRDIGUNG SCHILLERS 

Briefe über die 

ästhetische Erziehung 

des Menschen 

neu herausgegeben und eingeleitet 
von 

DR. GÜNTHER WACHSMUTH 




Mi'J SU. 



9-M.^H. 



1922 



DER KOMMENDE TAG A.G.VERLAG 
STUTTGART 



Erste Auflage 

1,-3. Tausend 

Alle Rechte vorbehalten 

Der Kommende Tag A.G.Verlag 

Stuttgart 



Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft Stuttgart 



GermaDy 



Einleitung des Herausgebers 

Das Dichterische im Menschen ist wie das Feuer- 
element im Inneren der Erde: es hat drei Wege des 
OfFenbarens. Die Erscheinungswelt der Erde unterliegt 
oft einer schöpferischen Umwandlung durch die Feuer- 
elemente des Erdinneren im Vulkanischen. Was da ge- 
schieht, ist Ergebnis eines unorganischen, gleichsam un- 
bedachtsamen plötzlichen Tuns, die gewaltsame Eruption 
lang verhaltener innerer Kräfte, ein Schaffen aus unge- 
zügeltem Befreiungsdrang innerer Impulse. Der Vulkan 
erlöst das ziellos zur Äußerung drängende Innere und 
ergreift die Außenwelt unbekümmert um die Erforder- 
nisse einer Weltenharmonie von Innen und Außen. Er- 
lösung der Innenwelt wird hier zum lieblos Verderblichen 
für die Außenwelt. 

Der Gegenpol solchen Wirkens von innen nach außen 
zeigt sich im Nur-Gesetzmäßigen. Hier führt das Wärme- 
element — in seinem Tun und Lassen von Anbeginn 
angeblich »apriorisch« festgelegt — den Erdenzustand 
als gesetzgebundenen Mechanismus vom Urnebel zum 
Wärmetod. So denkt es sich ja meist unsere abendlän- 
dische Naturwissenschaft. Innere Wärme, in mechanische 
Gesetze eingespannt, führt zum Wärme tod von Erde 
und Welt! 



Aber zwischen den Polaritäten des Vulkanischen hier 
und der Gesetzesmechanik dort bleibt dem Feuerelement 
des Erdinnern ein dritter Weg: das organische Wirken, 
das schöpferische Hineinverwobensein in den |harmoni- 
schen Werdeprozeß von Innen und Außen, das befruch- 
tende Miterleben der Außenwelt durch die in ihr pul- 
sierende, erwärmende Innenwelt; ein Wärmewirken ohne 
Zerstörung und ohne Wärmetod, ein Wärmewirken als 
schöpferisch-tätiges Element des organischen Lebens. 

So auch das Dichterische.^ Trägt es nur ungezügelte 
Impulsivität 'aus dem Inneren [des Einzelnen unbedacht 
in die Außenwelt der Mitmenschheit, dann wird sein Er- 
gebnis Zerstörung sein, oder doch Sinnlosigkeit, Ver- 
geudung, Unwert. Wert erlangt das gleichsam vulka- 
nische Element der Dichtung erst in solcher Lyrik z. B., 
die im Phantastischen doch erhaben, im Unbedachten 
doch ästhetisch ist. 

Gesetzesmechanik hingegen lebt im Philosophisch-Be- 
grifflichen. Wird dieses Element]zum überwiegenden Be- 
herrscher des Dichterischen, so wird Dichtung in Ge- 
dankenmechanik, Poesie in Logik, das ursprünglich Schöp- 
ferische in seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten absterben. 
Wie viel Dichtung der letzten Zeiten ist nicht in die 
Sphären dieser beiden Polaritäten gemündet! 

Welches der dritte Weg ist, den die Dichtung, gleich 
dem Feuerelemente des Erdinneren, wählen kann, dies 
läßt sich nicht aussprechen, es läßt sich nur anschauend 
erfassen, wenn wir uns Menschen vor die Seele führen 
wie Goethe und Schiller. 

Goethe und Schiller mußten ihren Weg gehen durch 
die Gefahren der Scylla und Charybdis westlicher und 
östlicher Geistigkeit des achtzehnten und neunzehnten 

VI 



Jahrhunderts. Das Gigantische des von ihnen Vollbrachten 
liegt — neben den Inhalten des Geleisteten selbst — 
schon auch darin, daß sie diesen beiden Gefahren nicht 
erlegen sind. Dies aber war für die zukünftigen Epochen 
von ganz unmittelbarer Bedeutung. Die westliche Kultur 
hatte damals ein bestricke,ndes System philosophischer 
Abstraktionen ausgebildet, durch die das lebendige Ge- 
dankenelement des Menschen in eine apriorisch sein sol- 
lende Gesetzesmechanik eingespannt wurde und damit 
den Todeskeim empfing. 

Schillers Natur setzte ihn der Gefahr aus, von diesem 
Todeskeim alles Dichterisch-Schöpferischen angesteckt 
zu werden. Er entrang sich der Versuchung und blieb 
Sieger in den »Briefen über die ästhetische Erziehung 
des Menschen«. Ein Mensch wie Kant z. B. unterlag. 
Schiller streifte die Sphäre Kants, aber da wo Leben- 
diges, Entwicklungsfähiges in Schiller atmet, da ist er 
schon über Kant hinaus, der Gefahr des WestUchen ent- 
ronnen, sonst hätte seine Anschauung über das Wesen 
und Wirken des Ästhetisch-Schönen im Menschen in 
ihm nicht geboren werden können. 

Goethes Natur neigt mehr zur Gefahr der östhchen 
Abirrung. Er schreibt einmal (4. Februar 1797) einen 
Brief an Schiller, in dem er sagt: »Vielleicht bildet sich 
die Idee zu einem Märchen, die mir gekommen ist, 
.weiter aus. Es ist nur gar zu verständig und verständ- 
lich, drum will mir's nicht recht behagen ; kann ich aber 
das Schiffchen auf dem Ozean der Imagination recht 
herumjagen, so gibt es doch vielleicht eine leidliche 
Komposition . . .« Goethe weiß selbst sehr gut, daß er 
Gefahr läuft, vielleicht auch im Ozeane der Imaginationen 
zu ertrinken. Auch er besiegt den Gegner in sich selbst, 

VII 



und, anstatt sich von den Bildern seiner Phantasie trei- 
ben zu lassen, zügelt und ordnet er sie zu dem ewig 
herrlichen »Märchen von der grünen Schlange und der 
LiHe«. 

Rudolf Steiner hat in seiner Schrift »Goethes Geistes- 
art in ihrer Offenbarung durch seinen Faust und durch 
das Märchen«^) und in mehreren Vorträgen auf dies tief 
bedeutsame Phänomen hingewiesen, wie zu gleicher Zeit 
das gleiche Thema von zwei größten Menschen, wie Goethe 
und Schiller, so grundverschieden angeschaut und darge- 
stellt wird. Das Problem der Freiheit, der Staatsform, der 
menschlichen Gesellschaft klärt Schiller — die westHche, 
philosophisch-abstrakte Abirrung und die des Kantianismus 
vermeidend — in der Sphäre des Ästhetischen, des Künstle- 
risch-Schönen. Aber selbst in dieser Sphäre arbeitet Schiller 
doch noch mit dem Rüstzeug des Verstandesmäßigen, trägt 
noch| einen Rest toter Geistigkeit in das Gebiet lebendiger 
Anschauung. Goethe klärt das gleiche Problem, indem er 
es bildhaft-imaginativ sich selbst aussprechen läßt. Bei 
Sch|iller gruppieren sich die Gedanken, bei Goethe die 
Bilder zu einer Erkenntnis. Was Schiller in den »Briefen 
über die ästhetische Erziehung« als Postulat hinstellt, das 
tut Goethe im »Märchen« in bezug auf den gleichen 
Inhalt. Schiller entreißt das Gedankenelement der toten 
Abstraktion ethisch-philosophischer Lehrsysteme und for- 
dert es in die Schranken des Künstlerisch-Lebendigen. 
Goethe läßt das Gedankenelement von vornherein in 
lebendiger Bildgestalt auftreten. Will Goethe sich selbst 
über das Problem aussprechen, so läßt er den goldenen 



^) Dr. Rudolf Steiner, Goethes Geistesart. Philos.-Anthrop. Verlag 
Berlin. 

VIII 



König, den silbernen König, den ehernen König als Drei- 
heit,. und neben diesen den abscheulichen gemischten 
König, die sie krönende Liebe und manche andere Mär- 
chengestalten in bewegten Bildern handelnd ihr Verhält- 
nis untereinander und zu den Weltfragen dartun, aus- 
leben. Ist dieses Bilderweben zu Ende, so hat der tief- 
sinnige Beschauer das Ergebnis in sich, er bedarf nicht 
des Aussprechens und Deduzierens der Wahrheit, er 
weiß sie, und sie bleibt lebendig fortwirkend in ihm. 
Dies ist die ewig junge, wachstumsfähige Bilderwelt, 
die durch Goethesche Geistesart im Menschen gepflanzt 
wird. 

Nähert sich Goethe jedoch mit dem Mittel des Ver- 
standes der problematischen Frage, so bejaht er die 
Worte Schillers von ganzem Herzen. Goethe schrieb am 
28. Oktober 1794 an Schiller über dessen »Briefe zur 
ästhetischen Erziehung« aus Weimar: »Hierbei folgen 
Ihre Briefe mit Dank zurück. Hatte ich das erste Mal 
sie bloß als betrachtender Mensch gelesen und dabei viel, 
ich darf fast sagen völlige Übereinstimmung mit meiner 
Denkensweise gefunden, so las ich sie das zweite Mal im 
praktischen Sinne und beobachtete genau: ob ich etwas 
fände, das mich als handelnden Menschen von seinem 
Wege ableiten könnte; aber auch da fand ich mich nur 
gestärkt und gefördert, und wir wollen uns also mit 
freiem Zutrauen dieser Harmonie erfreuen.« 

So werden diese zwei gewaltigen Gestalten in der Ge- 
schichte mitteleuropäischer Geistigkeit dadurch, daß sie 
gemeinsam — und doch ein jeder auf seine Weise — 
die Gefahren vulkanischer östHcher Phantastik und toter 
westlicher Gedankenmechanik vermeiden, zu einem wachs- 
tumskräftigen Wesenskern für die organisch-lebendige 

IX 



Entwicklung des Geistigen einer Gesamtmenschheit der 
Zukunft. 

Um das Wesen der von Schiller gebrachten neuen An- 
schauung voll zu verstehen, wird es notwendig sein, die 
Genesis des Entwicklungsgedankens selbst zu verfolgen. 
Man kann sagen : Eine frühere Geistigkeit betrachtete 
das Menschenwesen mehr gemäß seiner Entwicklung in 
der Zeit, den Menschen, wie er sich umbildet im ewi- 
gen Werden. Schiller hingegen geht aus von einer An- 
schauung des Menschen gleichsam im Raum, wie er 
jetzt ist, und knüpft erst daran seine Postulate über das, 
was werden soll. Es ist interessant, wie die Philosophie 
sich historisch derart ändert, daß sie den Menschen zu- 
erst vorwiegend in der Zeit, später vorwiegend im Räume 
betrachtet, und daraus ihre Erkenntnisse und Willens- 
richtungen bestimmt. Buddha schaute hin über die end- 
lose Wanderung der Menschheit auf dem Wege zur Über- 
windung des Leidens. Das allmähliche Verstricktwerden 
des Menschen in das Sinnlich-Physische ist der Werde- 
prozeß des Leidens, die [allmähliche Überwindung des 
Physischen ist der Werdeprozeß der Erlösung der Mensch- 
heit. Wer diesen schier ewigen Weg des von Brahman 
sich entfernenden und zu ihm zurückkehrenden Men- 
schen durch die Äonen hindurch anschaut, der erfaßt 
im Sinne der Lehre Buddhas das Wesen des Menschen. 
Die jeweilige, vorübergehende innere Struktur des Men- 
schen ist hierbei von verschwindend] geringer Bedeu- 
tung. Werden und Vergehen, die Elemente des Zeit- 
lichen, sind das Wesentliche einer solchen Anschauung 
vom Menschen. Gleicherweise dachte noch der Ägypter, 
seine Philosophie gipfelt im »Totenbuch«, welches da- 
von spricht, woher der Mensch kommt, wohin er geht, 

X 



was aus ihm wird, nicht aber wie er ist. Erst mit 
dem Aufkommen des mehr auf das menschliche Ich hin- 
gerichteten Gedankens im späteren Griechentum, im Neu- 
platonismus und in der christlichen Gnosis setzt eine 
punktuellere Betrachtung des Menschenwesens ein. Der 
Mensch will nun vor allem' erkennen, wie geistige und 
physische Elemente räumlich in ihm selbst wirksam sind, 
das Problem geht dahin, zu entdecken, wie Gedanke, 
Gefühl und Wille im menschlichen Organismus räum- 
lich verankert sind, wie der Grundriß der geistigen und 
physischen Struktur des Menschen gezeichnet ist. — 
Das Hineinstellen des Menschen in ewige makrokos- 
mische Zeitenrhythmen macht Platz einer Anschauung 
der menschlichen Struktur, wie sie jetzt ist, im Raum, 
in ihrer Wechselbeziehung von Materie und Geist. 

Das Mysterienstandbild der ägyptischen Weisen und 
Priester zu Sais trug einst die Inschrift: »Ich bin, die 
da war, die da ist, die da sein wird.« Man dachte da- 
mals: Wer vom Werdenden den Schleier hebt, ver- 
steht Welt und Mensch. — Die Erkenntnis seit Beginn 
des Christentums aber will sich durchringen zum Ver- 
stehen des »Ich bin der Ich-bin«. — Wer vom Seien- 
den den Schleier hebt, versteht Welt und Mensch. Doch 
man trat bisher an diese Aufgabe nur mit dem Rüst- 
zeug des abstrakten Gedankens heran, daher gelang es 
letztlich noch keinem, den Schleier zu lüften. 

Noch einmal bricht die genetische Philosophie durch 
in Lessings »Erziehung des Menschengeschlechts«. Er 
sagt sich, daß man kein Verständnis für den Sinn und 
das Geartetsein des Menschenwesens finden kann, wenn 
man nur die geistig-seelische Organisation des heutigen 
Einzelmenschen betrachtet, sondern erst dann, wenn man 

XI 



jede Einzelseele immer wieder hineingestellt weiß in 
den zeitlichen Entwicklungsprozeß, wenn man sie ver- 
folgt, wie sie immer wieder und wieder herabsteigt in 
die Verkörperung auf Erden, um dasjenige aufzunehmen, 
was die sich fortentwickelnde Erde mit ihren wechseln- 
den Kulturen ihr immer in neuer Weise zu bieten hat. 
Lessing will die menschliche Seele erkennen als eine 
Summe von Weltenerfahrung, deshalb muß er zur An- 
erkennung der Wiederverkörperungslehre kommen. Die 
Zeit ist ihm eine der wichtigsten Erzieherinnen des 
Menschengeschlechts. 

Von ganz anderen Gesichtspunkten geht Schiller aus. 
Er fragt zuerst nach der inneren Struktur des jetzigen Men- 
schen, um aus ihr die Erziehung der Zukunft ableiten zu 
können. Er geht nicht aus von dem Nacheinander der 
Seelenentwicklung, sondern betrachtet zuerst das Neben- 
einander der Triebe im Menschen, wie er heute ist. Und 
da sagt er sich, daß man im Menschen vor allem eine 
GegensätzHchkeit vorfindet zwischen zwei Grundtrieben, 
dem Vernunfttrieb und dem Naturtrieb. Beides sind keine 
Elemente, die den Menschen zur wahren Freiheit hinführen 
können. Schiller suchte aber diejenigen Seins- und Wir- 
kenssphären des Menschen, in denen er wahrhaft frei 
sein kann. Lebt sich der Mensch im Gebiet des Natur- 
trieb es aus, so ist er in die Naturnotwendigkeiten, in 
den Zwang der Naturgesetzlichkeit eingespannt. Die phy- 
sische Natur des Menschen als Grundlage seiner dorthin 
gerichteten Triebe ist eingebaut in das Räderwerk des 
geregelten Naturgeschehens, hier ist der Mensch unfrei. 
Aber auch am Gegenpol liegt nicht die Erlösung. Denn 
der Vernunfttrieb des Menschen unterliegt der Vernunft- 
notwendigkeit, dort trägt er die Zwangsjacke der Logik, 

XII 



der geistigen Gesetzmäßigkeiten, nach denen die Welt 
gleichsam durchmathematisiert ist. Auch hier ist er un- 
frei. Pendelt der Mensch nur zwischen Naturtrieb und 
Vernunfttrieb hin und her, so ist er eingespannt in Natur- 
notwendigkeit und Vernunftnotwendigkeit. Die Freiheit 
wird er in diesen Sphären niemals finden können. Aber 
Schiller weist nun dem Menschen noch einen mittleren 
Zustand zu, den des Spieltriebes. Es ist die Sphäre des 
Schönen, des Ästhetischen, es ist diejenige, wo er sich 
nicht durch gedankliche oder leiblich-natürliche Notwen- 
digkeit bestimmen läßt, sondern im mittleren Zustande 
zwischen beiden frei ist im Lieben oder Nichtlieben, im 
ästhetischen Erlebnis, aktiv im künstlerischen Schaffen, 
passiv im künstlerischen Genießen. Ja, erst aus dieser 
Freiheit heraus gibt er dann von sich aus dem Gedank- 
lichen und dem Naturgegebenen neue Normen hinzu in 
der künstlerischen Schöpfung, sei es in der Dichtung, 
in der Plastik oder irgendeinem anderen Ausdrucks- 
mittel des freien Künstlers. — Die Erfassung dieses mitt- 
leren Zustandes des Menschen im Spieltrieb war gewiß 
eine der genialsten Konzeptionen Schillers. 

Wo Gedanke und Wille des Menschen nichts mehr 
vermögen, weil sie in die Zwangsjacke der Notwendig- 
keiten eingeengt sind, da kann sich der Mensch im Spiel- 
trieb doch noch in Gebiete befreiend erheben, die jen- 
seits des abstrakten Gedankens und des naturbegrenzten 
Willens liegen, da kann gleichsam das Herz des Men- 
schen aus dem Erlebnis der symphonischen Sphären des 
Ästhetischen und des Schönen heraus frei und schöpfe- 
risch in die Welten der Vernunftnotwendigkeit und Natur- 
notwendigkeit gestaltend hineinwirken. Goethe sprach es 
dichterisch aus, daß dort ein Wissen waltet, das durch 

XIII 



das Denken allein nicht herbeigezwungen werden kann, 
dessen Erwerbung noch andere Kräfte erfordert, die aus 
dem ganzen Menschen genommen sein wollen. In der 
Apotheose am Ende des Faustdramas fleht der Pater 
Profundus zu höheren Regionen, zu den Liebesboten 
der Engelsphären hinauf, ihm zu verkünden : 

»Was ewig schaffend uns umwallt, 

Mein Innres mög' es auch entzünden. 

Wo sich der Geist, verworren, kalt, 

Verquält in stumpfer Sinne Schranken, 

Scharfangeschloßnem Kettenschmerz. 

O Gott! beschwichtige die Gedanken, 

Erleuchte mein bedürftig Herz!« 

So nahe Schiller dem Erfassen der Wirklichkeiten im 
Erkennen des Spieltriebes, als eines freien mittleren Zu- 
stands zwischen zwei Polen des Zwanges kam, so näherte 
er sich doch immer wieder der Wahrheit noch von der 
Seite des abstrakten Gedankens. Dadurch aber blieb er 
immer etwas vor dem Ziele stehen, erlahmten ihm die 
unzulänglichen Mittel vorzeitig. Goethe tat auch hier 
wiederum, was Schiller theoretisch richtig forderte; Goethe 
näherte sich diesen letzten Wahrheiten nicht als Philo- 
soph, sondern als Künstler, und weil — vielleicht darf 
man es so aussprechen — die Welt von der Gottheit 
nicht abstrakt-philosophisch, sondern lebendig-künstle- 
risch von Anbeginn auferbaut ist, so wird ewig nur der- 
jenige zu den Urgründen von Natur und Welt wissend 
vordringen, der sich dieser ihrer eigenen Mittel bedient. 
Goethe stellt den Weg von der Notwendigkeit zur Frei- 
heit in lebendigen Bildern dar, Schiller in Begriffen. Ge- 
wiß ist auch dies notwendig, aber die Begriffe, die der 
Wirklichkeit abstrahiert sind, erlahmen, ersterben früher 

XIV 



als die Bilder, die ihrem lebendigen Wirken abgeschaut 
sind und deshalb lebendig-tätig weiter vordringen kön- 
nen, die Wirklichkeit bis in ihr tieferes Wesen hinein 
zu spiegeln vermögen. 

Die Ansicht der letzten zwei bis drei Jahrhunderte von 
der Erdenentwicklung als einem automatisch-mechanisch 
verlaufenden Prozeß zwischen Urnebel und Wärmetod — 
das Ganze notdürftig überbaut mit einem abstrakten Ethik- 
system, um ihm irgendeinen Sinn zu geben — ist ein 
totgeborenes Weltbild, dessen Mutter die quantitative 
Naturwissenschaft, dessen Vater die neuere Philosophie 
ist. Schiller gelang es, sich von letzterem Elemente, dem 
Kantianismus, loszuringen. In den wunderschönen, von 
innerster seelischer Wärme getragenen Worten, die er 
der Schilderung des freien, ästhetischen Zustandes, des 
Spieltriebes im Menschen weiht, erhebt er sich hoch über 
den eiskalt-abstrakten, toten Pflichtbegriff Kants. Hätte 
Schiller seine Erkenntnisse noch mit dem imaginativen 
Elemente Goethes durchdrungen, dann hätte er das letzte 
Bleigewicht von seinen Füßen geschüttelt und den Frei- 
heitszustand des Menschen in einer Weise darstellen 
können, die auf Jahrhunderte hinaus das Innerste der 
Menschheit in solcher Richtung befruchtet und impul- 
siert hätte. — Es soll gewiß nicht das Großartige der 
»Briefe über die ästhetische Erziehung« in Schatten stellen, 
sondern nur hindeuten, wo die Elemente zu ihrer Frucht- 
barmachung und Fortführung in Zukunft gesucht werden 
müssen, wenn wir zu zeigen versuchen, wo die Hem- 
mungen liegen, die dieses Werk bisher verhinderten, zu 
einem wirksamen Faktor im öffentlichen Leben der heu- 
tigen menschlichen Gemeinschaft und im Seelenleben der 
meisten Einzclmenschen zu werden. 

XV 



Es ist deshalb ein großes Verdienst Deinhardts, wenn 
er den Versuch gewagt hat, mit einer solchen Diskus- 
sion dieses Werkes Schillers zu beginnen, die neben 
seinen Grenzen vor allem aber diejenigen Ausgangs- 
punkte aufzeigen will, wo aufbauend weitergearbeitet 
werden kann an dem, was Schiller begann. Deinhardt 
wollte den Blick seiner Mitmenschen auf die erhebend 
schönen Perspektiven hinlenken, die sich aus einem Fort- 
entwickeln der Gedankenwelt Schillers erzeugen würden. 
R. Steiner hat einmal erzählt, daß Deinhardt zu jenen 
Unglücklichen gehörte, die trotz allem, was sie geben 
konnten, im Trubel einer modernen Großstadt, Wien, 
zugrunde gingen; »er hatte einmal das Unglück, auf der 
Straße hinzufallen und ein Bein zu brechen, und als der 
Arzt dann kam und ihn untersuchte, sagte dieser, daß 
er nicht wieder aufkommen könnte, weil er zu schlecht 
ernährt sei. So starb er«. 

Deinhardt kennzeichnet ebenfalls das Tragische, daß 
Schiller mit den von ihm gewählten Mitteln zwar der Er- 
fassung der WirkHchkeit sich wesentlich nähert, aber sie 
doch nicht in so anschaulicher Weise ergreifen kann, daß er 
das Erkannte nun wiederum als lebendig Wirksames dem 
menschlichen Einzel- und Gemeinschaftsleben einimpfen 
kann. Schiller bleibt beim schönen, richtigen Postulat 
stehen, wagt es aber nicht mit den — wie er vielleicht 
selbst fühlte — noch nicht ganz wirklichkeitsgesättigten 
Begriffen an die konkrete Gestaltung des menschlichen 
und sozialen Lebens heranzutreten. Deinhardt sagt (S. 8) 
von Schillers Briefen: »er zwingt sich vielmehr, mit dem 
Verlangen eines , Staates im Staate', des ästhetischen in 
dem realen — einem Verlangen, das den Dualismus beider 
bestehen läßt — also mit einer Art von Resignation, 

XVI 



welche dies nicht weniger für. die volle Wirklichkeit der 
Kunst, wie für die volle Wirklichkeit des Staates ist, z u 
enden. Mit anderen Worten: seine Untersuchung hält 
da an, wo es sich darum handelt, über das unbestimmte 
Verlangen — die hoffende Voraussetzung und die an den 
Künstler gerichtete Mahnung — , daß die Kunst historisch 
erzieherisch wirken möge, hinausgehend, sie als einen 
ausdrücklich zu gestaltenden Geschichtsfaktor, also die 
ästhetische Erziehung als eine zu konstituierende und 
auszuführende in das Auge zu fassen«. 

Das ist es eben. Schillers Worte und Gedanken über- 
zeugen in herrlicher Weise den Kopf, aber das Herz des 
Menschen wird durch sie noch nicht impulsiert, noch 
nicht zu freudig freiwilligem Tun innerHchst angetrieben. 
Das heißt nun aber für den heutigen Menschen nicht, 
daß er das von Schiller Gegebene nicht brauche, im 
Gegenteil, es bedeutet für uns, dasjenige Geisteselement 
aufzusuchen, welches das von Schiller begonnene Werk 
zu ergänzen, zu erweitern, durchzuführen vermag! — 
Da das von Deinhardt in dieser Richtung Gesagte dem 
Leser im folgenden Bande vorliegt, wollen wir, da die 
Entwicklung seit Deinhardt ja wiederum gewaltig fort- 
geeilt ist, den nachdenkUchen Leser auf dasjenige hin- 
weisen, was aus unserer heutigen Zeit heraus an Geisti- 
gem geboren wurde, um das Werk Schillers lebendig 
fortzuführen. 

Die von Schiller erkannte Dreiheit von Triebsphären 
im Menschen fordert gebieterisch eine Seelenlehre, 
welche fähig ist, die Richtigkeit dieser menschHchen 
Struktur aus konkreter Erforschung des menschlichen Or- 
ganismus, in geistig-seehscher und leiblicher Hinsicht, 
nun auch wirkHch zu erweisen. Wer dies sucht, wird 

Deinhardt, Schiller. II 

XVII 



die fundamentalen Grundlagen solcher Erkenntnis finden 
in jenem Buche Dr. Rudolf Steiners: »Von Seelenrät- 
seln« ^), in dem er der Wissenschaft und Philosophie 
das Werkzeug gab, dessen sie sich in Zukunft wird be- 
dienen müssen, um das Wesen des Menschen aus seiner 
Organisation heraus auch wirklich zu verstehen und die 
große W^echselbeziehung zwischen Geistigem und Phy- 
sischem, wie sie uns im Menschen entgegentritt, bis in 
ihre konkretesten Einzelheiten hinein erforschen zu kön- 
nen. Es ist die Lehre von der »Dreigliederung des mensch- 
lichen Organismus«, wie sie Rudolf Steiner seit der Her- 
ausgabe des Buches »Von Seelenrätseln« auch noch in 
vielen anderen Schriften und Vorträgen bewiesen, aus- 
gebaut und erläutert hat. Auf diese Literatur kann hier 
natürhch nur zur Selbstorientierung hingewiesen werden. 
Wer durch solche Methodik das intime Ineinanderspielen 
von Geistig-Seelischem und Physischem im Menschen 
anschauen lernt, der steigt auch auf zu einem tieferen 
Einblick in die reale Wirkensart des Künstlerischen auf 
die menschliche Organisation. Rudolf Steiner hat bis ins 
einzelne gehend dargestellt, worauf wir hier nur hin- 
deuten können, wie das wirklich ästhetische Verhalten des 
Menschen nun konkret darinnen besteht, daß die Sinnes- 
organ e der menschhchen Wesenheit in einer gewissen 
Weise durch das Anschauen, das Erleben des Künstlerischen 
verlebendigt, und diese Lebensprozesse hinwiederum 
durchseelt werden. Die Wirkung des Ästhetischen, der 
Kunst, ist also ein realer Prozeß der läuternden Ver- 
geistigung des Physisch-Materiellen, der sich auf dem 



^) Dr. Rudolf Steiner, Von Seelenrätseln. Philos.-Anthrop. Verlag 
Berlin. 

XVIII 



Schauplatz des menschlichen Organismus abspielt. Gleich- 
wie der Makrokosmos, wenn er nur aus dem still- 
stehenden, starren Fixsternsystem des Tierkreises be- 
stünde, nur ein toter Kosmos wäre, aber durch die ewig 
wechselvolle Bewegtheit der Planetensphären verleben- 
digt, und durch deren lebendige Wesenheiten durchgei- 
stigt wird, so führt im Mikrokosmos des Men- 
schen die wahre Hingabe an den Kunstgenuß dahin, 
daß die tote, starr-gesetzmäßige Sinneswahrnehmung 
stärker durchpulst und verlebendigt wird von den Le- 
bensprozessen, die ihrerseits vom Erlebnis des Ästhe- 
tischen durchkraftet und durchseelt werden. Kunst- 
genuß, ästhetisches Schaffen und Genießen bewegt, ver- 
lebendigt also real die physische Sinneswahrnehmung 
des Menschenwesens, durchseelt wiederum diesen Lebens- 
prozeß, und erhebt somit dasjenige in ihm, was sonst 
nur als physisch-naturhafter Vorgang abläuft, in die 
Sphären des Geistig-Schöpferischen. Ist der Mensch 
aktiv künstlerisch tätig, so durchgeistigt er 
die Materie außer ihm. Nimmt derMensch das 
Künstlerische passiv auf, so durchgeistigt sich 
das Materielle in ihm. 

Wer unsere Zeit mit wachen Augen miterlebt hat, 
der wird auch zu dem freudigen Erlebnis kommen, daß 
in der Anschauung des Menschen, wie sie die Anthro- 
posophie gebracht hat, nun endlich ein Erkenntnisele- 
ment aufgetaucht ist, das nicht — wie noch Schiller — 
resignierend vor der Brücke halt zu machen braucht, die 
von der theoretischen Menschenerkenntnis zur prakti- 
schen sozialen Gemeinschaftsbildung hinüberführt, son- 
dern daß heute die geistigen Grundlagen gegeben worden 
sind, um in dem aus der »Dreigliederung des mensch- 

XIX 



liehen Organismus« Erschauten die lebendige Architek- 
tonik zu finden, welche der Mensch in Zukunft auch seiner 
sozialen Gemeinschaftsbildung wird zugrunde legen 
müssen, wenn er nicht gegen die Natur arbeiten und 
dadurch untergehen, sondern mit ihr schöpferisch wir- 
ken und somit zum bewußt aufbauenden Element der 
Weltentwicklung werden will. Schiller, als einer derjeni- 
gen, welche sich zu der Erkenntnis der lebendigen Archi- 
tektur des menschlichen und sozialen Organismus in 
der Geistesgeschichte am tiefsten durchgerungen haben, 
würde gewiß, wenn er heute lebte, schneller als viele 
seiner Epigonen, die umfassende Tragweite des schöpfe- 
rischen Gedankens der »Dreigliederung des sozialen Or- 
ganismus« ergreifen und stützen, wie sie von der An- 
throposophie in unserer Zeit vor die Menschen hinge- 
stellt wird. Wer wahrhaft will, der kann also in heutiger 
Zeit mithelfen, das von Schiller Begonnene weiterzu- 
denken und in die konkreteste Wirklichkeit schöpferisch 
einmünden zu lassen. Nur durch solches Wollen und 
Tun werden Schillers »Briefe über die ästhetische Er- 
ziehung des Menschen« ein ewig wirkungsvolles, in die 
Geschichte der Zukunft immer wieder und wieder ein- 
greifendes Werk sein und bleiben. Dies sei den Verehrern 
Schillers in unseren Tagen auf das allereindringlichste 
an ihr Herz gelegt. 

Niemand konnte schöner zum Ausdruck bringen, wie 
es dem heutigen Menschen wieder ermöglicht ist, das Werk 
Goethes und Schillers lebendig-organisch fortführen zu 
helfen, als der Dichter Albert Steffen, der uns sagt, 
was wir tun sollen^): 



^) Wochenschrift »Das Goetheanum«, April 1922, Nr. 37, 

XX 



»Solche Übungen (wie sie beschrieben sind in dem 
Buche: Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?) 
sind eine Fortsetzung der Metamorphosenlehre. In noch 
erhöhterem Maße als diese befreien sie den Menschen von 
Naturtrieben und Gedankendogmen. Sie machen ihn stark, 
auf sich selbst zu stehen und in Freiheit den Weg zum 
Geiste zu suchen. Sie bilden ihn zum selbständigen Mit- 
gliede jenes Staates, den Schiller den ästhetischen nennt. 
Daß dieser keine Utopie bleibe, hängt vom Willen der 
Einzelnen ab, die sich zusammentun. Heute, wo im 
Westen Europas eine nutzlose Konferenz der anderen 
folgt und im Osten Hungersnot und Kannibalismus 
wüten, wo also jene Staatsformen ad absurdum geführt 
werden, denen der Formtrieb und der Stofftrieb Existenz 
verheben, beginnt man nach und nach einzusehen, daß 
eine Wandlung der Zustände nur von einem neuen Gei- 
stesleben ausgehen kann, das so mächtige Impulse ent- 
wickelt, daß der Mensch als solcher anders werden will. 

»Eine Epoche der Selbstentwicklung aus Liebe zum 
,Weltbürgertum' muß einsetzen, wenn die Kultur nicht 
zugrunde gehen soll. 

»Was aber könnte die Menschen nach all den Zu- 
sammenbrüchen noch dazu begeistern ? 

»Nur eine Weltanschauung, welche die Wirklichkeit 
des Geistes und den Weg, wie man dazu gelangt, zu 
zeigen imstande ist. Das vermag die Anthroposophie, 
und deshalb treten diejenigen, denen an Europas Schick- 
sal gelegen ist, für ihren Schöpfer, Rudolf Steiner, mit 
ihrer Vollkraft ein.« 



Albert Steffen: »Schillers Staatsformen und die individuelle Ent- 
wicklung«. 

XXI 



Möchten die jetzigen und die kommenden Menschen, 
die auch für die Zukunft den guten Geist Goethes und 
Schillers in uns lebendig und tätig wissen wollen, Ohren 
haben, um diesen Ruf eines Dichters unserer Zeit zu 
hören ! 

Am Goetheanum, Dornach, Juli 1922 



Dr. Günther Wachsmuth 



XXII 



ÜBER 

SCHILLERS BRIEFE 

ÜBER DIE AESTHETISCHE ERZIEHUNG 

DES MENSCHEN 



I. »Die Resultate seiner Untersuchungen über das 
Schöne und die Kunst« zusammenhängend darzustellen 
und zu einem »Gesetzbuche für die ästhetische 
Welt« die Grundlinien zu geben, bezeichnet Schiller in 
den beiden ersten, die stattliche Reihe der übrigen ein- 
leitenden »Briefen« über die ästhetische Erziehung als die 
ihm zuvorkommend gestellte, seinem eigensten Bedürfnis 
entsprechende Aufgabe dieser »einseitigen Korrespondenz«, 
die den Umfang eines Buches gewinnt und deren Form 
so wenig die Strenge wie den Reichtum der Gedanken- 
entwicklung beeinträchtigt. Sofern also Schiller seine Ab- 
sicht ausgeführt hat — und dies ist ' genügend, wenn 
auch nicht allseitig geschehen — haben wir in den »Brie- 
fen« die umfassende und zusammenfassende Darstellung 
der Schillerschen Ästhetik zu sehen, womit an sich 
die hervorragende Stellung undBedeutung dieser Schiller- 
schen Schrift unter seinen übrigen, welche philosophische 
und ästhetische Themata behandeln, ausgesprochen ist. 
Dennoch ist gerade sie — im Verhältnis zu ihrer Wichtig- 
keit, und obgleich sie einerseits für den Zusammenhang 
der philosophischen und poetischen Arbeiten Schillers den 
Schlüssel gibt, andererseits Gesichtspunkte eröffnet, welche 
zum »Weitergehen«, zum Ausführen und Ergänzen ein- 
laden und auffordern — am wenigsten gewürdigt, ver- 
arbeitet und — wenn der Ausdruck erlaubt ist — aus- 
gebeutet worden. Ohne auf die Gründe dieser auffallen- 

Deinhardt, Schiller. I 



den Unterlassung augenblicklich eingehen zu wollen, 
dürfen wir doch ohne weiteres die Notwendigkeit und 
die Erwartung aussprechen, daß das Versäumte nachge- 
holt werde, und zwar nicht nur von selten der Ȁsthe- 
tiker«, sondern auch von selten der Pädagogen und über- 
haupt derer, welche die Verwirklichung einer wahrhaft 
humanen Kultur ernstlich interessiert und welche sich 
für verpflichtet halten, was der deutsche Geist in der 
Richtung auf dieses hohe, aber immer gegenwärtige und 
diesseitige Ziel errungen und geschafi"en, festzuhalten und 
auszugestalten. Denn wie schon die Überschrift beweist, 
stellen die Briefe die Ästhetik unter den pädagogischen 
Gesichtspunkt — sie fassen den ästhetischen Zweck zu- 
gleich als pädagogischen — der pädagogische Zweck aber 
kann von Schiller nicht als ein beschränkter, auf die 
vereinzelten oder unmittelbar zu erreichenden Resultate 
der ausdrücklichen pädagogischen Tätigkeit hinauslaufen- 
der, sondern muß in seiner unbedingten Allgemeinheit, 
folglich als Zweck der Kulturverwirklichung gefaßt wer- 
den. Sind nun die »Briefe« hinter der Absicht Schillers 
in ihrer Ausführung nicht zurückgeblieben — wobei so- 
gleich zu bemerken ist, daß sie zu den am sorgfältig- 
sten und liebevollsten ausgeführten Arbeiten des Dich- 
ters gehören — so müssen sie seinen kulturhistorischen 
Standpunkt, und zwar seine auf die Zukunft gerichtete 
und insofern praktische Geschichtsbetrachtung derartig 
entwickeln, daß sie sein ästhetisches und sein histo- 
risches Wollen in ein bestimmtes Verhältnis setzen, 
folglich die Einheit in Schillers Bestrebungen und Lei- 
stungen, wie sie ihm selbst zum Bewußtsein gekom- 
men ist, ausdrücklich herausstellen. Sie sind also jeden- 
falls für die Würdigung Schillers, für die Erkenntnis 



dessen, was er war, wollte und leistete, von besonderer 
Wichtigkeit, aber ihre Bedeutung reicht über dieses, ge- 
wissermaßen biographische Interesse weit hinaus, und 
zwar gerade deshalb, weil sie die ihnen zukommende 
Wirkung noch nicht hervorgebracht, die Kraft der An- 
regung, die in ihnen liegt, nicht entfaltet haben, wie 
dies auch von einer der poetischen Schöpfungen Schil- 
lers, der Braut von Messina, gilt, mit welcher der Dichter 
kühn in eine Zukunft des Dramas hinausgrifF, die sich 
zwar in verschiedenartigen Erscheinungen wiederholt an- 
kündigt, aber nicht in die »Zeit« eintreten wird, bis die 
Sintflut des gegenwärtigen, ein Allerhand von »Stoffen« 
zusammenschwemmenden Kunstrealismus abgelaufen ist. 
— Die Briefe enthalten Gedanken, welche noch lange 
nicht ausgedacht, viel weniger also bestimmend in die 
Praxis der Kunst und Pädagogik eingetreten sind, welche 
aber aufgenommen werden müssen, wenn wir nicht 
daran verzweifeln dürfen, das Ideal der humanen Kultur 
trotz des »unaufhaltsamen Fortschrittes« der Zivilisa- 
tion zu realisieren — eine Verzweiflung, mit welcher 
der deutsche Geist »abdanken« würde, und welcher wir 
uns fortgesetzt zu erwehren haben, wozu jede erneute 
Vertiefung in Schillers »Hinterlassenschaft« förderlich ist, 
obgleich, was die »Briefe« anbetrifft, der vertrauensvolle 
Enthusiasmus, mit dem sie beginnen, wie wir später zei- 
gen werden, schließlich in eine Art von Resignation aus- 
läuft. Diese Resignation haben wir zu begreifen, ohne 
sie zu teilen, d. h. wir müssen es uns als Ästhetiker 
und Pädagogen zumuten, den Grundgedanken der »Briefe«, 
die durch die moderne Zivilisation insbesondere be- 
dingte Notwendigkeit der ästhetischen Erziehung, »reali- 
stischer« zu fassen, als es von Schiller geschah, und mit 

3 



demselben Ernst zu machen. Wir müssen es aber um 
so mehr, wenn wir als Ästhetiker und Pädagogen nicht 
aufhören können und wollen, »Politiker« zu sein, d. h. 
ein praktisches historisches Interesse zu haben. Macht 
sich also dieses Interesse in der Gegenwart erneut gel- 
tend, so ist es keine Indifferenz und kein Rückzug, wenn 
wir von der Politik des Tages uns abwendend, an der 
Aufgabe, welche die Schillerschen Briefe stellen, fort zu 
arbeiten suchen, sondern im Gegenteil wahrhaft »zeit- 
gemäß«. Dies sogleich auszusprechen, geben uns die 
einleitenden »Briefe«, mit denen wir uns zunächst zu 
beschäftigen haben, das Recht, da Schiller in diesen dem 
etwaigen Vorwurfe, daß es unzeitgemäß sei, großen poli- 
tischen Ereignissen, welche die Aufmerksamkeit jedes Zeit- 
genossen in Anspruch nehmen, gegenüber, sich mit ästheti- 
schen Untersuchungen zu befassen, von vornherein begegnet, 
und zwar nicht beiläufig, sondern so, daß er seine Recht- 
fertigung zum Ausgangs- und Angriffspunkte für seine 
Aufgabe macht. 

2. »Sollte ich von der Freiheit,« schreibt er im zweiten 
Briefe, »die mir von Ihnen verstattet wird, nicht viel- 
leicht einen besseren Gebrauch machen können, als Ihre 
Aufmerksamkeit auf dem Schauplatze der schönen Kunst 
zu beschäftigen? Ist es nicht wenigstens außer der Zeit, 
sich nach einem Gesetzbuche für die ästhetische Welt 
umzusehen, da die Angelegenheiten der moralischen ein 
so viel näheres Interesse darbieten, und der philoso- 
phische Untersuchungsgeist durch die Zeitumstände so 
nachdrücklich aufgefordert wird, sich mit dem vollkom- 
mensten aller Kunstwerke, mit dem Bau einer wahren 
politischen Freiheit zu beschäftigen?« Weiterhin sagt er, 
daß man bei der Wahl seines Wirkens dem Bedürfnisse 



und Geschmacke des »Jahrhunderts« eine Stimme ein- 
zuräumen habe, daß aber diese keineswegs zum Vorteile 
der Kunst, wenigstens nicht der Kunst des Ideales aus- 
zufallen scheine. Denn: »jetzt herrscht das Bedürfnis 
und beugt die gesunkene Menschheit unter sein tyran- 
nisches Joch; der Nutzen' ist das große Idol der Zeit, 
dem alle Kräfte fronen und alle Talente huldigen sollen«. 
Nach diesem Ausfalle auf den Utilitarismus (praktischen 
Realismus) seines »Jahrhunderts« — was würde er zu dem 
des unseren sagen ? — kommt der Briefsteller auf das 
große Ereignis seiner Zeit, das er zunächst im Auge 
hatte, die französische »Staatsumwälzung«, zurück und 
bezeichnet die in und mit demselben aufgeworfene Frage 
als eine »weltbürgerliche«, an deren Entscheidung sich 
jeder Mensch und Weltbürger, sofern er fähig sei; sich 
zum Gattungsinteresse zu erheben, mindestens innerlich 
beteiligen könne und müsse. Den Inhalt dieser Frage 
läßt er vorläufig unbestimmt — er begnügt sich, sie als 
die politische Frage der Zeit und als eine zum ersten- 
mal vor den »Richterstuhl der reinen Vernunft« gezogene 
bezeichnet zu haben — erklärt aber, es nicht nur ent- 
schuldigen, sondern rechtfertigen zu können und zu 
wollen, daß er der Versuchung, sie zu verhandeln, wider- 
stehe, und »die Schönheit der Freiheit vorangehen lasse«. 
»Ich hoffe, Sie zu überzeugen,« fügt er hinzu, »daß 
diese Materie weit weniger dem Bedürfnisse als dem Ge- 
schmacke des Zeitalters fremd ist, ja daß man, um jenes 
politische Problem in der Erfahrung zu lösen, durch das 
ästhetische den Weg nehmen muß, weil es die Schön- 
heit ist, durch welche man zur Freiheit wandert.« 
Um indessen diesen Beweis zu führen, ist er genötigt, 
auf das »Problem der Freiheit« einzugehen, es also zu- 

5 



nächst zu bestimmen, was er in dem dritten und vierten 
Briefe tut, während er weiterhin, bis zum neunten Briefe, 
die Schwierigkeit oder vielmehr Unmöglichkeit einer un- 
mittelbaren praktischen Lösung auseinandersetzt, um so- 
dann den Nachweis anzutreten, daß nur die Wirkungen 
der Kunst imstande sind, die Unmöglichkeit des »freien 
Staates« stufenweise in die Möglichkeit umzuwandeln. 

Es ist leicht zu sehen, daß Schiller hiermit das Be- 
dürfnis oder die Notwendigkeit des freien oder des »ver- 
nünftigen« Staates ideell dem Bedürfnis oder der Not- 
wendigkeit des ästhetischen Verhaltens, des Kunstge- 
nusses und des künstlerischen Hervorbringens voranstellt, 
weil er eben die Wirkungen der Kunst als Mittel, um 
die reale Möglichkeit des vernünftigen Staates herbeizu- 
führen, obgleich als das absolute Mittel, darzustellen 
unternimmt. Insofern die Kunst Mittel, und zwar, wie 
sich sogleich ergibt, Erziehmittel ist, hat sie ihren Zweck 
nicht in sich selbst und ihre Notwendigkeit ist eine be- 
dingte, und zwar bedingt durch die Notwendigkeit eines 
vernunftgemäßen Gesellschaftszustandes. Damit ist zu- 
nächst die VerwirkUchung der Gattungsidee nicht nur über 
die Befriedigung, sondern auch über die Verwirklichung 
des Individuums, und sodann die reale Darstellung des 
Gattungsbegriffes über seine ideelle gestellt. Denn die 
Gesichtspunkte, unter denen sich die Kunst betrachten 
läßt, sind die der individuellen Befriedigung, der indivi- 
duellen Selbstverwirklichung und der ideellen, reaÜtäts- 
losen Offenbarung des Menschlichen. Das hierin liegende 
»Zugeständnis« — wenn wir es so nennen wollen — 
kann durch keine der folgenden Auseinandersetzungen 
rückgängig gemacht werden. Wir haben aber auch nicht 
zu besorgen — wenn uns diese Besorgnis im Interesse 



der Kunst anwandeln sollte — daß es Schiller nicht ge- 
lingen möchte, derselben die »Freiheit«, die ihr Lebens- 
element ist, trotz ihrer Beziehung auf einen erzieheri- 
schen Zweck zu wahren. Er hat auf dem Standpunkte, 
den er in den Briefen einnimmt, die Kunstbetrachtung, 
welche den direkten »moralischen« Eindruck des Kunst- 
werks in Anspruch nimmt, ungeachtet seines Kantia- 
nismus weit hinter sich, und der Beweis, daß die 
Kunst, um die erzieherische Wirkung, welche sie üben 
muß, in der Tat zu üben, ihrem eigenen Gesetz zu 
gehorchen hat, also für sich selbst Mittel sein muß, 
kann ihm nicht schwer fallen. Dieser Beweis läßt sich 
aber noch weiter führen, als er von Schiller wirklich ge- 
führt wird, nämlich bis zu dem Punkte, wo die Um- 
kehr des Verhältnisses, also der Staat als Mittel der 
Kunstentwicklung und Kunstbefriedigung erscheint. Die 
Möglichkeit dieser Umkehr liegt in dem Begriff des ab- 
soluten Mittels, der sich nicht entwickeln läßt, ohne 
auf die gegenseitige Bedingtheit hinzuleiten. Hiernach 
müssen Staat und Kunst schließlich als die sich gegenseitig 
bedingenden und zusammengreifenden Mittel für den 
einen Zweck der Kulturverwirklichung, folglich auch die 
Erziehung zur realen Staatsgemeinschaft als notwendig 
ästhetische, die wahrhaft ästhetische Erziehung als not- 
wendig auf die soziale Fähigkeit gerichtete aufgefaßt wer- 
den. Indem also Schiller dabei stehen bleibt, die Freiheit 
der Kunst als Erfordernis ihrer erzieherischen Kraft auf- 
zuzeigen, und nicht dazu fortgeht, sie zu dem Staate 
und der realen Gemeinschaft in das Verhältnis des Zweckes 
zu setzen, kann er dem anfangs gemachten »Zugeständ- 
nisse«, mit welchem die Realisierung des Ideals als 
eine unabweisbare Forderung ausgesprochen ist, unmög- 



lieh vollkommen gerecht werden, er zwingt sich viel- 
mehr, mit dem Verlangen eines »Staates im Staate«, des 
ästhetischen in dem realen — einem Verlangen, das den 
Dualismus beider bestehen läßt — also mit einer Art 
von Resignation, welche dies nicht weniger für die volle 
Wirklichkeit der Kunst, wie für die volle Wirklichkeit 
des wahren Staates ist, zu enden. Mit anderen Worten: 
seine Untersuchung hält da an, wo es sich darum han- 
delt, über das unbestimmte Verlangen — die hoffende 
Voraussetzung und die an die Künstler gerichtete Mah- 
nung — daß die Kunst historisch erzieherisch wirken 
möge, hinausgehend, sie als einen ausdrücklich zu 
gestaltenden Geschichtsfaktor, also die ästhetische Er- 
ziehung als eine zu konstituierende und auszuführende 
in das Auge zu fassen. Sie ist also als eine zwar nicht 
abgebrochene, aber sich mit dem ungenügenden Genügen 
an dem Dasein der Kunst des Ideales und der spora- 
dischen und momentanen Existenz des ästhetischen Staates 
abi>chließende zu betrachten, und muß, um zu gegen- 
wärtiger Geltung zu gelangen, wieder eröffnet und in 
theoretisch- praktischer Richtung fortgesetzt werden. Hierzu 
liegen aber in dem, was Schiller gegeben, überall An- 
knüpfungs- und Ausgangspunkte, die herauszustellen im 
Folgenden unsere Aufgabe sein wird. 

3. Ich würde von diesen kurzen, aber immerhin vor- 
greifenden Bemerkungen |über die Grenzen der Schiller- 
schen Leistung hier, im Eingange der Besprechung, die 
den Briefen gewidmet werden soll, abgesehen haben, 
wenn ich nicht das Bedürfnis einer ähnlichen »Recht- 
fertigung« hätte, wie es Schiller ausgesprochen hat und 
zum Motive seiner einleitenden Untersuchungen gemacht 
hat. Zwar meine ich nicht, daß die immer erneute Be- 

8 



schäftigung mit den Werken unserer Klassiker irgend- 
wie zu entschuldigen, und daß überhaupt die Behand- 
lung ästhetischer Gegenstände und Fragen von geringerem 
praktischem Belange wäre, als z. B. naturwissenschaft- 
liche Mitteilungen oder politische Expektorationen und 
Betrachtungen, die sich an das Interesse des Tages und 
die nächsten Ereignisse halten. Aber einesteils hat das 
»unendliche« Anwachsen unserer Schiller- wie Goethe- 
Literatur unzweifelhaft auch seine bedenkliche Seite — 
insofern es mit der Büchersucht, an der die Deutschen 
überhaupt leiden, zusammenhängt — anderenteils kann 
und darf nicht geleugnet werden, daß der gegenwärtige 
geschichtliche Moment eine Sammlung nationalen Inter- 
esses und eine striktere Beziehung aller Gedanken- 
arbeit auf das, was der Nation not tut — damit sie zur 
Nation werde — in Anspruch nimmt. Deshalb ist es 
jetzt in der Tat »angezeigt«, einen Beitrag zur Vermeh- 
rung der Interpretations-Literatur nicht bloß durch das 
Bedürfnis eines fortgesetzten »Studiums« der Klassiker, 
sondern durch ein allgemeineres* Zeitbedürfnis und — wo- 
mögHch — durch die direkte Beziehung auf Zeitfragen 
zu motivieren. Eine solche »Rechtfertigung« hat von 
der »Entschuldigung« um so weniger an sich, je durch- 
greifender sie ist, d. h. je entschiedener sie das Zurück- 
gehen auf die früheren Offenbarungen des deutschen 
Geistes und die Verwertung dessen, was unsere Denker 
und Dichter geleistet, als Notwendigkeit geltend 
macht. Dies kann nun zwar, was die Schillerschen 
Briefe anbetrifft, nur durch die eingehende und ihre Be- 
deutung entwickelnde Erörterung geschehen, es konnte 
und sollte aber im voraus darauf hingewiesen werden, 
daß sich diese Erörterung nicht bloß um ästhetische Fra- 



gen, und zwar in dem gewöhnlichen engeren Sinne be- 
wegen, sondern den Versuch machen wird, die Gesichts- 
punkte und Postulate Schillers für die historische Praxis 
zu bestimmen, also an diese Praxis heranzubringen, wo- 
bei es sich insbesondere um die nat]ionale Erziehung 
handelt — ein »Wort«, das man nicht aussprechen kann 
oder können sollte, ohne an Fichte zu denken. Fichte 
hat den Gedanken der Nationalerziehung so energisch 
gefaßt, wie es vor und nach ihm keiner vermochte oder 
versuchte, und diese Energie hat ihren historischen Grund 
in dem tiefgefühlten Bedürfnis, dem modernisierten Rö- 
mertume und dem Imperialismus desselben gegen- 
über das deutsche Volkswesen gründlich zu erneuen. 
Gegenwärtig, wo der Imperialismus in einer neuen, kei- 
neswegs verbesserten Auflage erscheint, ist es zeitgemäß 
gefunden worden, auch die »Reden an die deutsche Na- 
tion« von neuem aufzulegen, und mit vollem Recht, da 
der Anteil dieser Reden an der einstigen deutschen Er- 
hebung sehr hoch anzuschlagen ist und dem jetzigen 
Geschlechte die Redner, die mit der ergreifenden Sieges- 
gewißheit des eigensten und freiesten, des philosophi- 
schen Gedankens zu sprechen vermöchten, fehlen. Da- 
bei ist es aber auffallend, daß von vielen, welche auf die 
»Reden« hinweisen, die Phrase wiederholt wird, es sei 
von dem »unpraktischen Erziehungssysteme«, welches sie 
— nebenbei? — enthalten, »abzusehejn«. Das ist eine 
Phrase und zwar eine doppelt unglückliche, weil es sich 
erstens ganz von selbst versteht, daß ein aus dem philo- 
sophischen Gedanken hervorgegangenes und idealistisch 
gestaltetes Erziehungssystem sich nicht unmittelbar ver- 
wirklichen läßt, also in dem gemeinen Sinne des Wortes 
»unpraktisch« ist, zweitens aber der Plan der National- 

10 



erziehung, den die Reden enthalten, den eigentlichen, 
und zwar den praktischen Kern und Gehalt derselben 
abgibt, insofern man das »Praktische« in einem höheren 
Sinne als dem der unmittelbaren Anwendbarkeit, nämlich 
in dem des die historische oder Gesamtpraxis in man- 
nigfacher Vermittlung bestimmenden Prinzips nimmt. 
Hierauf — auf die relative, aber entschiedene Berechti- 
gung des Fichteschen Erziehungsideales — zurückzu- 
kommen, wird uns die Erörterung der »Briefe«, obgleich 
wir dieselbe auf das Notwendige zu beschränken haben, 
nicht nur veranlassen, sondern nötigen. Ich behaupte 
aber im voraus, daß sich die Schillersche Erziehungsidee 
und das Fichtesche Erziehungsideal zueinander ergän- 
zend verhalten, daß sie zu ihrer gegenseitigen Ergän- 
zung gebracht werden müssen, und daß daher eine er- 
neute Ausgabe oder doch eine erneute Berücksichtigung 
der »Briefe« ebenso zeitgemäß ist wie das Wiederer- 
scheinen der »Reden«. 

Schiller und Fichte haben zu Rousseau — dem Vor- 
denker der französischen Revolution, der auch im Ge- 
biete der pädagogischen Ideen eine revolutionäre Bewe- 
gung von großer Tragweite hervorbrachte • — ein be- 
stimmtes Verhältnis, wie sie es zu Kant haben. Sie sind 
beide von Rousseau bedeutend und nachhaltig angeregt 
worden, und beide zu einer mehr oder weniger direkten, 
aber positiven Kritik der Rousseauschen Grundsätze 
fortgegangen, wobei sich — um ihr beiderseitiges Ver- 
halten vorläufig anzudeuten — Fichte insbesondere gegen 
den Antisozialismus Rousseaus, Schiller gegen seine Kunst- 
verachtung kehrt, die eine Verleugnung der spezifisch 
menschlichen Natur ist. Die französische Revolution haben 
beide von vornherein in der höchsten Bedeutung erfaßt, 



II 



die ihr beigelegt werden kann; als ein in der Geschichte 
durchaus neues Ereignis und den ersten, die bisherige 
Bewußtlosigkeit der historischen Gestaltungen negieren- 
den Versuch, die Gesellschaftsform aus dem vernünfti- 
gen Bewußtsein heraus praktisch darzustellen. Während 
aber Schiller dem tatsächlichen Verlaufe der Revolu- 
tion — wie auch die Briefe beweisen — sein Inter- 
esse bald entzog, indem er sich von der Resultatlosig- 
keit ihrer Tendenz überzeugte und das Schauspiel, das 
sie darbot, ihm widerwärtig wurde, so daß er ihr gegen- 
über im allgemeinen, sich nur das kühle Interesse des 
Historikers vorbehaltend, den Standpunkt des Ignorierens 
annahm, blieb Fichte auf ihre Entwicklung derartig ge- 
spannt, daß er die allmähliche Verfälschung ihrer Grund- 
sätze und die fortschreitende, bis zur Umkehr gedeihende 
Veräußerung ihres Prinzips mit leidenschaftlich kritischer 
Teilnahme verfolgte, und schließlich gegen die Macht 
der Lüge, die sich ihm in den Metamorphosen des re- 
volutionären Geschichtsdramas offenbarte, die Ursprüng- 
lichkeit und Wahrhaftigkeit des deutschen Geistes 
anrief und aufbot. Wie dieses verschiedene Verhalten in 
der Persönlichkeit der beiden Männer begründet ist, läßt 
sich unschwer nachweisen, auf die Frage aber, wie sich 
Schiller verhalten haben würde, wenn er die deutsche 
Erhebung erlebt hätte, brauchen wir hier nicht einzu- 
gehen. Das nationale Pathos blieb ihm tatsächlich, so 
lange er lebte, fremd, — ohne daß es deshalb jemand 
einfallen könnte, ihm die »Deutschheit« abzusprechen — 
er verharrte in der »Weltbürgerlichkeit« des achtzehnten 
Jahrhunderts und hatte sich dabei mit dem Interesse für 
die Zeitereignisse innerlich abgefunden — eine Abfin- 
dung und Auseinandersetzung, die gerade in den Briefen, 

12 



und zwar in den nächsten, welche die von ihm verspro- 
chene Rechtfertigung ausführen, ihren entschiedenen und 
bestimmten Ausdruck erhalten hat, und wie wir sehen 
werden, auf eine Kritik der modernen Zivilisation hin- 
ausläuft, gegen welche sich auch Rousseau und Fichte 
mit gleicher Entschiedenheit wie Schiller, aber in durch- 
aus verschiedener Art kritisch verhalten, wie es sich aus 
den folgenden Erörterungen gelegentlich ergeben wird. 
4. Um die politische Frage der Zeit, deren praktische 
Lösung, wie er behauptet, nicht für diese Zeit ist, zu 
formulieren, beginnt Schiller damit, es als das spezi- 
fische Vermögen des Menschen auszusprechen, daß er 
das, was die bloße Natur aus ihm machte, aufheben und 
umformen, die »Schritte, welche jene mit ihm antizi- 
pierte, durch Vernunft wieder rückwärts tun, das Werk 
der Not in ein Werk der freien Wahl umschafFen« kann: 
Ein Werk der durch das Bedürfnis oder die Not wirken- 
den Natur sei der Staat, in dem sich der Mensch finde, 
wenn er aus seinem »sinnlichen Schlummer« erwache. 
Mit diesem gegebenen Staate könne er vermöge seiner 
menschlichen Natur nicht zufrieden sein, bilde sich viel- 
mehr einen »Naturzustand« in der Idee, leihe sich in 
diesem »idealischen« Stande einen Endzweck, den er im 
wirklichen Naturzustande nicht gekannt, und verfahre, 
als ob er damit anfinge, den Stand der Unabhängigkeit 
aus freiem Entschlüsse mit dem Stand der Verträge zu 
vertauschen. Das Werk blinder Kräfte und blinder Will- 
kür besitze für ihn keine Autorität, er könne und dürfe 
es den Vernunftforderungen gegenüber als nicht vorhan- 
den betrachten. Auf diese Art entstehe und rechtfertige 
sich der Versuch eines mündig gewordenen Volks, seinen 
Naturstaat in einen sittlichen umzuformen. — Diese kurze 



13 



Darstellung läßt es einigermaßen zweifelhaft, wie weit 
Schiller den Begriff des »Naturstaates« ausdehnt und 
wann er den Willen des zum Bewußtsein erwachten 
»Menschen«, seine Freiheit dem Naturstaate gegenüber 
geltend zu machen, als eintretend oder eingetreten be- 
trachtet. Uns, denen die französische Revolution schon 
in die Ferne eines historischen Ereignisses gerückt ist, 
das sich den übrigen anreiht, wird es schwer, zu einer 
Auffassung derselben zurückzugehen, welche sie — min- 
destens ihrer Tendenz nach — zum Bruche der Mensch- 
heitsgeschichte mit sich selbst, also zu dem am tiefsten 
greifenden Ereignisse der Zeiten macht, und es sind nur 
ihre fanatischen Anhänger auf der einen, ihre fanatischen 
Feinde auf der anderen Seite, welche sie unter diesem 
Gesichtspunkte zu sehen fortfahren. So widerstreitet es 
auch unserer Gewöhnung, alle Staaten, welche nicht aus 
dem »Vernunftbegriff« heraus ausdrücklich konstruiert 
sind, »Naturstaaten« zu nennen, da sich uns der Begriff 
des »historischen Staates« im Gegensatze gegen den so- 
genannten Vernunftstaat eingeschoben hat und geläufig 
geworden ist. Hierzu kommt, daß die Schillersche Dar- 
stellung »psychologisch« beginnt und unvermittelt zu der 
geschichtlichen Tatsache gelangt, was nicht nur durch 
die Kürze, sondern auch durch die damals herrschende, 
von Rousseau und Kant beherrschte Anschauungs- und 
Ausdrucksweise bedingt ist. Aus dem folgenden aber er- 
gibt sich sogleich, daß Schiller in der Tat, indem er 
von dem erwachenden und sich gegen den gegebenen 
Staat kehrenden »Menschen« spricht, die französische Re- 
volution im Auge hat, und daß er mit dem »Natur- 
staate« dasselbe bezeichnet, was wir gegenwärtig den 
historischen Staat nennen. Diese Schillersche Bezeich- 



H 



nung ist anti-Rousseauisch — denn für Rousseau ist der 
historische Staat der durch künstliche Bedürfnisse ent- 
standene und zusammengehahene, naturwidrige Staat — 
und obgleich Schiller, indem er das Verhalten des »er- 
wachenden« [Menschen beschreibt, einfach den Grund- 
gedanken des Kontraktsozial ausspricht, stellt er sich doch 
Rousseau unmittelbar entgegen, weil er einerseits den 
»Naturzustand« der Unabhängigkeit ausdrücklich als [eine 
Fiktion charakterisiert, andererseits, |wie er den Natur- 
staat [in dem ausgedehnten Sinne, [den er dem Worte 
gibt,Caus dem Bedürfnis hervorwachsen läßt, so den 
Akt der Befreiung auf das höhere, das Vernunftbedürfnis 
des Menschen und sein spezifisches Vermögen, über 
die Natur hinauszugehen, zurückführt. Denn Rousseau 
weiß die Annahme eines Naturzustandes und eines ur- 
sprünglichen Vertrages, der denselben, indem er ihn auf- 
hebt, wahren soll, keineswegs als eine willkürhche Fik- 
tion, er sieht weiterhin in den historischen Staatsbildun- 
gen eine Entartung des ursprünglichen Staats, die für 
ihn keine Notwendigkeit hat, und er will endlich nicht 
nur den historischen Staat, sondern den Staat überhaupt, 
soweit es möglich ist, aufheben, also die »natür- 
liche« Unabhängigkeit, d. h. Absonderung der Indivi- 
duen herstellen. Sein StaatsbegrifF ist also ein durchaus 
negativer, und indem er die »Volkssouveränität« festzu- 
stellen sucht, bewegt er sich beständig in dem Wider- 
spruche, daß der Gesamtwille die Unabhängigkeit der 
Einzelnen, d. h. ihre Beziehungslosigkeit fortgesetzt als 
Zweck setzen; also sich nicht zum positiven Gesamt- 
willen gestalten, aber dennoch die Einheit Aller aus- 
drücken soll. Dieser Widerspruch hat seinen Grund in 
dem weiteren, daß die Absonderung als Naturzustand 

15 



des Menschen, die Gesellschaft als ein Notzustand aus- 
gesprochen wird, für diesen Notzustand aber eine wahr- 
hafte Nötigung nicht existiert, wenn sie nicht in der 
Natur des Menschen selbst liegt. Rousseau läßt es eben 
unmotiviert, wie der Mensch zur Unnatur, die doch eine 
Ursache haben muß, gelangen kann, und er muß es un- 
motiviert lassen, weil er sich dagegen sträubt, das Hin- 
ausgehen über die Natur im allgemeinen und die An- 
lage zur sozialen Gebundenheit insbesondere als das Spe- 
zifische der menschlichen Natur anzuerkennen. Freilich 
läßt auch die Schillersche Darstellung, indem sie die »Ge- 
sellschaft« als ein natürliches und ursprüngliches Bedürf- 
nis annimmt, zugleich aber die Negation des natürlich 
Gewordenen als ein spezifisches menschliches Vermögen 
ausspricht, eine Frage entstehen, die unbeantwortet bleibt, 
die Frage, wie es möglich ist, daß dieses spezifische Ver- 
mögen durch lange Jahrhunderte »schlummern« konnte, 
um sodann mit einemmal hervorzubrechen. Es fehlt also 
hier der Begriff der geschichtlichen Entwicklung, ob- 
gleich sich derselbe weiterhin als Postulat geltend macht. 
Wir würden es nicht für nötig gehalten haben, auf 
die Abstraktionen des Rousseauschen Standpunktes, in 
denen Schiller teilweise befangen bleibt, einzugehen, wenn 
wir nicht darauf zurückkommen müßten, wo es sich um 
ihre politischen und pädagogischen Konsequenzen han- 
delt — Konsequenzen, welche tief in die Anschauungs- 
weise und Praxis der Gegenwart eingedrungen sind, so 
wenig auf die Rousseauschen Theorien zurückgegangen 
wird, was darin begründet ist, daß diese Theorien, in- 
dem sie die gegenwärtige Zivilisation negierten, den- 
noch zugleich die in ihr liegende Tendenz zu einem 
abstrakten Ausdruck brachten. Was die französische Re- 

i6 



volution anbetrifft, welcher Schiller die Bedeutung eines 
Anfangs zugesteht, obgleich er dieses Zugeständnis so- 
gleich zu modifizieren gezwungen ist, so ist sie jeden- 
falls, zwar nicht der erste Versuch einer idealen Staats- 
gestaltung, aber doch der erste, in eine energische und 
weitgreifende Tat ausschlagende Versuch, den abstrakt 
oder »rein« gefaßten Staatsbegriff unmittelbar zu verwirk- 
lichen, wobei jedoch zu bemerken ist, daß sich die Leere 
dieses Begriffes, gerade soweit und sofern er festge- 
halten wird, rasch mit geschichtlichen Reminiszenzen, 
insbesondere aus der »klassischen« Zeit der Römer, füllt, 
während zugleich die Widersprüche, die er enthält, zu 
praktischer Darstellung kommen. Auf diese Widersprüche 
als theoretische geht Schiller, wie es sich bei dem Stand- 
punkte, den er einnimmt, von selbst versteht, nicht ein; 
er begnügt sich und muß sich begnügen, zum Zwecke 
seiner »Rechtfertigung« die UnmögHchkeit nachzuweisen, 
den Vernunftstaat unmittelbar zu realisieren, um sodann 
zeigen zu können, daß ein Hauptmittel zur Ermöglichung 
dieses Staates, also die Voraussetzung seiner Möglich- 
keit schlechthin, die ästhetische Bildung ist. Durch die 
Schönheit zur Freiheit! ist der Grundsatz, den er voran- 
gestellt hat, und den er jetzt schrittweise auseinander- 
setzen muß. Hierbei läßt er zunächst den Begriff des 
Vernunftstaates und der Freiheit, die dieser gewährt, un- 
bestimmt — er begnügt sich, den Gegensatz des Ver- 
nunft- und Naturstaates formell festgestellt zu haben — 
und wir dürfen uns nicht verhehlen, daß diese Unbe- 
stimmtheit nicht durchaus gehoben wird, und insbeson- 
dere das Verhältnis zu dem Rousseauschen Staatsideale 
nicht klar, d. h. nur indirekt, heraustritt, obgleich es sich 
von selbst versteht, daß zum Fortschritte des angetretenen 

D e i n h a r d t , Schiller. 2 

17 



Beweises Bestimmungen, welche sich auf die Bedingun- 
gen des Vernunftstaates beziehen, nötig sind und ge- 
geben werden. 

5. Als das erste »Bedenken« gegen die unmittelbare 
Verwirklichung des Vernunftstaates spricht der Briefsteller 
das aus, daß die »physische« Gesellschaft, die im Natur- 
staate zusammengehalten sei, keinen Augenblick aufhören 
dürfe, daß also der Naturstaat fortbestehen müsse, wäh- 
rend an der Realisierung des Vernunftstaates gearbeitet 
werde. Damit ist an sich nur die Notwendigkeit ausge- 
sprochen, daß die Umwandlung des Naturstaates in den 
sittlichen stufenweise vor sich gehen muß, und diese 
stufenweise Umwandlung wäre nur eine Frage der Zeit 
und Zweckmäßigkeit, wenn nicht die Voraussetzung ein- 
geschoben würde, daß der Vernunftstaat des sittlichen 
Menschen bedarf, ohne ihn selbst schaffen zu können, 
während es doch mindestens problematisch sei, ob er 
ihn vorfinde. Als Grund, weshalb der Vernunftstaat das 
Vorhandensein des sittlichen Menschen fordert und wes- 
halb er ihn nicht schaffen, also die Herrschaft der Sitt- 
lichkeit herstellen kann, wird die Natur des sittlichen 
Willens, frei zu sein und durch kein äußeres Gesetz be- 
stimmt zu werden, ausgesprochen. Worin besteht nun 
aber, abgesehen davon, daß der Vernunftstaat die freie 
Sittlichkeit voraussetzt, der Unterschied desselben von 
dem Naturstaate und worin liegt die Befreiung, die er 
gewährt? Da es ein Gebiet physischer Bedürfnisse, deren 
geregelte Befriedigung eine gesetzliche Ordnung verlangt, 
gibt, so muß sich der Vernunftstaat wie der Natur- 
staat mit den physischen Bedürfnissen »beschäftigen«. 
Ginge aber die Tätigkeit des Naturstaates in dieser Be- 
schäftigung auf, so bestünde gerade deshalb zwischen 

18 



ihm und dem Vernunftstaate kein Unterschied, da dieser 
das Gebiet der Sittlichkeit frei lassen soll. Folglich muß 
der Unterschied beider, wenn ein solcher an sich statt- 
findet und nicht in den unterschiedenen Charakter der 
Staatsangehörigen gesetzt wird, darin liegen, daß der 
Naturstaat auch das moralische Verhalten physisch, d. h. 
zwangsweise bestimmt, und die Befreiung, die mit dem 
Vernunftstaate eintritt, bestände in der Aufhebung des 
Zwanges, der sich auf das moralische Verhalten bezieht. 
Hieraus folgt aber, daß der Naturstaat den Sittlichkeits- 
begriff hat und darstellen will, wie denn Schiller an- 
derswo ausspricht, daß die Kantischen Ideen der prak- 
tischen Vernunft die immer herrschenden gewesen sind. 
Andererseits ist es nur die direkte Bestimmung des 
moralischen Verhaltens, welche Schiller aus dem Ver- 
nunftstaate hinwegnimmt, während er eine indirekte 
Bestimmung desselben allerdings, wenn auch nicht aus- 
drücklich, verlangt, indem er sagt, daß der sittliche Wille 
Natur sein müsse, um bestimmt werden zu können und 
deshalb die Bildung zur natürlichen Sittlichkeit, die eben 
die ästhetische ist, fordert, also von einer weiteren und 
zwar vom Staate ausgehenden Bestimmung des natürlich 
sittlichen Willens nicht absieht. Hiernach ist und 
bleibt der Unterschied des Naturstaates und Vernunft- 
staates — immer abgesehen davon, daß der letztere »sitt- 
liche« Angehörige haben soll — nur negativ gefaßt. 
Der positive Unterschied beider müßte in ihrem ver- 
schiedenen Verhalten zu der Befriedigung der physi- 
schen Bedürfnisse aufgezeigt werden, weil er eben in 
dem Gebiete der Bedürfnisbefriedigung beginnen muß, 
um überhaupt zur Existenz zu kommen. Denn der Staat 
hat offenbar das entschiedenste Recht da, wo er eine 

19 



unmittelbare Notwendigkeit ist und wo er nur die Schein- 
freiheit, nicht aber die wirkHche, die vielmehr mit dem 
Kampfe um die Befriedigungsmittel unvereinbar ist, auf- 
heben kann; er sittlicht aber die Bedürfnisbefriedigung, 
obgleich zunächst nur äußerlich, indem er die Schein- 
freiheit aufhebt, und er muß es, um nicht das aufge- 
gebene Recht durch eine Usurpation ausgleichen zu müs- 
sen, weil die Anarchie der Bedürfnisbefriedigung seinen 
Bestand auflösen würde, wenn er sich nicht nachträg- 
lich und ausdrücklich als die Macht des Moralgesetzes 
zur Geltung brächte. Was die reine ästhetische Befrie- 
digung anbetrifft, so ist sie ihrer Natur nach nicht we- 
niger eine freie wie die Betätigung des sittlichen Wil- 
lens; ihr gegenüber endet also das Recht des Staates, der 
sich begnügen muß, ihre Vorbedingungen zu schaffen, 
die nach ihrer einen Seite in der Regelung der physi- 
schen Befriedigung und ihrer Mitteltätigkeiten aus dem 
Sittlichkeitsbegriffe liegt. Hieraus folgt, daß sich der 
volle Gegensatz des sogenannten Naturstaates — der 
sich nach der treffenden Definition, die Schiller später- 
hin von der Barbarei gibt, sehr wohl als den barbari- 
schen Staat bezeichnen läßt — und des Vernunftstaates 
auf die regellose oder, weil eine Art von Regelung nie- 
mals fehlt, auf die unsittlich geregelte und auf die sitt- 
lich geregelte Bedürfnisbefriedigung — welche zugleich 
die ästhetische und die unästhetische sind — zurück- 
führen läßt. Wo aber eine sittlich-ästhetische Regelung 
der Bedürfnisbefriedigung und ihrer Mitteltätigkeiten mög- 
lich ist, da ist trotz der Äußerlichkeit derselben der 
»sittliche Mensch« nicht mehr »problematisch«, wenig- 
stens nicht die positive Anlage zur freien Sittlich- 
keit, da eine solche Regelung ohne das freiwillige Ein- 

20 



gehen der einzelnen nicht durchzuführen ist. Dabei ist 
im allgemeinen zu bemerken, daß jedes Verhalten des 
»Staates« eine bestimmte Organisation desselben bedingt 
und erfordert, daß also die gleiche Bezeichnung Unter- 
schiede einschließt, welche besonders vorgestellt und be- 
griffen sein wollen. 

Daß Schiller hier, wo er dem Beweise zueilt, daß die 
natürliche Sittlichkeit, der ästhetische Charakter und dem- 
nach die ästhetische Bildung für die Verwirkhchung des 
Vernunftstaates notwendig sind, bei der negativen Fas- 
sung dieses Staates stehen bleibt, also die Konsequenzen 
einer positiven Auffassung — die ihm an sich nahe He- 
gen und von ihm punktweise berührt werden — nicht 
herausstellt, würden wir in gewisser Weise gerechtfertigt 
linden und nicht hervorheben, wenn die Ergänzung später- 
hin, also nach der Durchführung des von ihm zunächst 
angetretenen Beweises, folgte. Dies ist aber nicht der Fall, 
und deshalb fehlt seinem Beweise Abschluß und Nutz- 
anwendung. Denn die Erkenntnis der historischen Not- 
wendigkeit, so wesentHch sie ist, genügt nicht; sie muß 
sich, um auf die Praxis bestimmend einwirken zu kön- 
nen, in historisch-praktische Postulate auseinandersetzen 
und auf die reale MögHchkeit des Notwendigen eingehen. 
Insbesondere läßt sich das ästhetische Verhalten, das ein 
allgemeines werden muß, wenn sich die prak- 
tische Bedeutung, die ihm Schiller vindiziert, reaHsieren 
soll, so wenig es vom Staate direkt entbunden und 
bestimmt werden kann, ebensowenig und noch weniger 
durch die theoretische Darstellung seiner Notwendigkeit 
und seines notwendigen Charakters, so begeistert und 
begeisternd diese Darstellung sein möge, hervorzaubern, 
erhöhen und ausbreiten. Wir dürfen aber mit der Aus- 



21 



dehnung, die Schiller seinem »Beweise« gibt, ohne ihn 
abzuschüeßen, keineswegs unzufrieden sein. Er hatte hier 
die Gelegenheit und mußte sie benutzen, das Prinzip 
seiner Ästhetik allseitig zu entwickeln — was, um dies 
im voraus zu bemerken, auffallenderweise gerade nach 
der Seite der dramatischen Kunst am ungenügendsten 
geschehen ist — und wie diese Ästhetik keineswegs als 
veraltet gelten darf, sondern im Gegenteile Gesichts- 
punkte enthält, welche der experimentierenden Kunst- 
leistung und dem zerstreuten Kunstsinne der Gegenwart 
zu Sammelpunkten dienen könnten und sollten, so ver- 
dienen die psychologischen und historischen Erörterun- 
gen, von denen die Darstellung ausgeht, mindestens eine 
ernste Revision, welche sie zu den gegenwärtig herr- 
schenden Anschauungen und Ansichten in ein Verhältnis 
setzt. Der Fortschritt der Darstellung wird allerdings 
durch ihre Kantische Methode, welche fortgesetzt zu einer 
ausdrücklichen und sich dennoch nicht durchsetzenden 
Vermittlung der abstrakt gefaßten Gegensätze nötigt, er- 
schwert und verlangsamt; aber abgesehen davon, daß die 
Kantische Methode auch ihre Vorzüge hat, entschädigt 
uns Schiller, wenn wir hier und da länger als uns er- 
wünscht ist und nötig erscheint, aufgehalten werden, 
durch eine Fülle treffender und anregender Bemerkungen, 
überall den edel energischen, sicheren und freien Geist 
offenbarend, der ihm eignet. 

6. Der ästhetische Charakter, von dessen Übergewicht 
in einem Volke die Möglichkeit des Vernunftstaates ab- 
hängig sein soll, wird nicht von vornherein als solcher 
bezeichnet, sondern als ein Mittelcharakter zwischen 
dem physischen und moralischen bestimmt, welcher von 
jenem die Natur, von diesem die Gesetzmäßigkeit hat, 



22 



also von Eindrücken abhängig, aber über die Willkür und 
Materialität des Bedürfnisses hinausgehoben ist. Damit 
ist die Notwendigkeit einer Vermittlung ausgesprochen, 
die durch einen Gegensatz bedingt sein muß. Diesen 
Gegensatz bezeichnet Schiller als den des empirischen und 
des reinen oder idealischen Menschen, den der erstere 
in sich trägt, dessen objektive Darstellung aber der Staat 
ist, womit dieser der Menge der empirischen Individuen 
entgegengesetzt wird. Nach dieser Voraussetzung wird 
als der zwiefache Weg, auf welchem der Gegensatz auf- 
gehoben werden kann, die Unterdrückung des empirischen 
Menschen durch den reinen, also durch den Staat, und 
die Erhebung des empirischen Menschen zum idealischen 
oder zum Staate ausgesprochen. Weiterhin heißt es, daß 
der erstere Weg die Vernunft, der letztere aber die Ver- 
nunft und das Gefühl befriedige, weil die Vernunft Ein- 
heit, das Gefühl aber wie die Natur Mannigfaltigkeit ver- 
lange. Offenbar wird hiermit das »Gefühl« unmotiviert 
als ein neben der Vernunft und zwar ihr gleichberechtigter 
Faktor des wahren Staatsbegriffes eingeführt, da der Ver- 
nunftstaat derjenige sein muß, welcher die Vernunft be- 
friedigt. Sagen wir dagegen, daß zwar der Verstand die 
abstrakte Einheit oder Einförmigkeit, die Vernunft aber 
die Entwicklung, also die fortgesetzte Vereinigung 
des Mannigfaltigen und die fortgesetzte Lösung des Gegen- 
sätzlichen fordere, so können wir, ohne über einen Wider- 
spruch hinweggehen zu müssen, die Folgerung des Brief- 
stellers, daß der Staat »nicht nur den objektiven und 
generischen, sondern auch den subjektiven und spezifischen 
Charakter in den Individuen zu ehren habe,« anerkennen, 
wenn wir von dem Begriffe der »Schonung«, der in dem 
»Ehren« liegt, absehen. Denn der eben ausgesprochenen 

23 



»Vernunftforderung« gemäß hat der Vernunftstaat die 
Individualität nicht nur zu schonen, sondern sie heraus- 
zustellen, was nur dann möglich ist, wenn sie als 
menschliche, nicht an sich existiert oder eine von 
Natur gegebene ist, sondern hergestellt werden muß, 
ohne doch mit dem idealischen oder »reinen« Menschen 
des Briefstellers gleichbedeutend zu sein. Denn indem der 
Staat als Repräsentant des reinen Menschen den empi- 
rischen Individuen unvermittelt entgegengesetzt wird, ist 
der reine Mensch als Negation des empirischen, der Staat 
als die abstrakte Einheit, in der die individuellen Unter- 
schiede verschwinden, gedacht, die Individualität also nur 
als an sich vorhandene und aufzuhebende, nicht als posi- 
tiv herzustellende. Um sie als solche zu denken, ist ein 
Mittelbegriff notwendig, welcher dem Briefsteller nicht 
nur hier fehlt, sondern überhaupt in den Briefen nicht 
zu seinem Rechte kommt, der Mittelbegriff der Gemein- 
schaft, der allerdings kein Verstandes-, sondern ein Ver- 
nunftbegriff ist. Außer der Gemeinschaft gibt es keine 
menschliche Individualität, weil außer ihr die individuellen 
Unterschiede nicht zum Bewußtsein und zur ausdrücklichen 
Darstellung kommen, was zum Begriff des Menschen ge- 
hört, weil sie demnach nicht nur zufällige, sondern auch 
gleichgültige, nicht bloß gleichgültige, sondern auch un- 
entwickelt formannehmende, also mißförmige und Kari- 
katuren des MenschHchen sind; in der Gemeinschaft 
offenbaren sich die Individualitäten und bilden sich 
mittelst dieser Offenbarung: sie erwachsen als mensch- 
hche aus der Gemeinschaft. Indem also der Staat die 
Gemeinschaft realisiert, verwirklicht er die Individuen, 
und er ist in demselben Maße »Vernunftstaat«, in welchem 
er diese Verwirklichung ebenso als bewußten Zweck hat. 



H 



wie die organische oder lebendige Gestalt der Gemein- 
schaft. Dies vorausgesetzt, versteht es sich von selbst, 
daß wir den Sätzen, mit denen der Briefsteller seine Ge- 
danken fortführt, beistimmen, den Sätzen, daß »der päda- 
gogische und politische Künstler — im Gegensatz zu dem 
mechanischen und ,schönen', die es mit einem äußerlichen 
Stoffe zu tun haben — den Menschen zu ihrem Material 
und ihrer Aufgabe machen« oder machen sollen, daß 
»hier die Teile sich nur dem Ganzen fügen dürfen, weil 
das Ganze den Teilen dient,« und daß der Staat — der 
Idee — »nur insofern wirklich werden könne, als sich die 
Teile zur Idee des Ganzen hinaufgestimmt haben.« Aber 
unsere Beistimmung kann doch nur eine bedingte sein, 
weil die Motivierung und deshalb auch der volle Aus- 
druck des zwischen dem mechanischen und pädagogischen 
Künstler, dem mechanischen und organischen Staate be- 
stehenden Unterschiedes fehlt. 

7. Dem doppelten Verlangen gegenüber, daß der 
Staat die Einzelnen zu .'seiner Aufgabe macht, und daß 
sich die Einzelnen zur Idee des Ganzen hinaufstimmen 
oder hinaufgestimmt werden, müssen wir die Frage stellen, 
wie denn die Einzelnen an sich dazu kommen, sich den 
Staat, und wie der Staat, sich :die Einzelnen als Zweck 
zu setzen. Wenn der Staat die Individuen unterdrückt, 
so müssen diese den Staat notwendig negieren, d. h. seine 
Auflösung wollen, sofern sie überhaupt zum selbständigen 
Wollen kommen; der Staat muß aber die Individuen 
unterdrücken, sofern sie »empirische« bleiben, d. h. sich 
nicht durch sich selbst zur Idee des Staates erheben, 
wie es auch sogleich vom Briefsteller ausgesprochen wird. 
Damit ist ein Zirkel gesetzt, über den das Postulat 
der Erziehung, welches aus dem notwendigen Verhält- 

25 



nisse der Einzelnen und des Staates begründet werden 
soll, nicht hinausführt. Vor der Notwendigkeit der Er- 
ziehung muß für den praktischen Staat die Möglichkeit 
derselben erwiesen sein, sie kann aber nur durch die Tat- 
sache der Selbsterziehung der Einzelnen, und zwar da- 
durch, daß diese Selbsterziehung wenigstens eine relativ 
allgemeine ist, erwiesen werden. Da nun die Selbster- 
ziehung unmöglich ist, so lange die Individuen unter- 
drückt, d. h. äußerlich normiert werden, so bleibt in dem 
äußerlich normierenden Staate der »Erweis«, daß eine 
Erziehung, welche dies der Abrichtung gegenüber ist, 
also die Entwicklung des Individuums freiläßt, möglich 
und zulässig ist, unmöglich. Denn die Zulässigkeit ist 
von der Möglichkeit abhängig, aus demselben Grunde, 
aus welchem der vernünftige, oder freie Staat vom Brief- 
steller für »gefährlich« erklärt wird, solange die Staats- 
angehörigen nicht erzogen sind. Mit anderen Worten: 
dem Staate, der die Individuen unterdrückt, fehlt die 
Idee der wirklichen Erziehung wie die der freien Sittlich- 
keit überhaupt, und wenn sie ihm nicht schlechthin fehlt 
— womit in ihn selbst ein Zwiespalt oder Widerspruch 
gesetzt ist, der notwendig überwunden werden muß — 
kann die Unterdrückung, welche er übt, nur eine relative 
sein. Weiterhin darf man aber trotz des Rechtes zur Ab- 
straktion nicht vergessen, daß der konkrete Staat keine 
mystische Person ist, sondern aus den Regierenden be- 
steht, und diese sind, welchen Teil des Volkes sie aus- 
machen mögen, eben der freie Teil des Volkes, und 
können, insofern sie die Herrschaft des Sittengesetzes 
vertreten, nur »durch sich selbst« zur Idee der Sittlich- 
keit gelangt sein. Hieraus folgt zunächst, daß jede Nor- 
mierung der Gesellschaft, die von sittlichen Gesichtspunkten 

26 



ausgeht, auch wenn sie eine äußerliche oder mechanische 
ist, die Tatsache der Selbsterziehung, obgleich nur eine 
sporadische, voraussetzt, daß aber weiterhin mit dieser 
Tatsache die Idee und der Wille einer ausdrück- 
lichen und allgemeinen Erziehung zum vernünftigen 
oder freien Staat noch nicht gegeben sind. Die sporadische 
Selbsterziehung erweist nur die sporadische Mög- 
lichkeit der Erziehung und gibt nur einen beschränkten 
Begriff derselben ab, der sich sofort veräußert, weil jede 
Herrschaft die Tendenz hat, sich als solche zu befestigen, 
folglich ihre Notwendigkeit als eine absolute und unver- 
änderliche zu fassen. Der Begriff dieser Notwendigkeit 
aber fällt mit dem abstrakten Sittlichkeitsbegriffe nicht 
zusammen, weil es das Kennzeichen einer abstrakten 
Moral ist, daß sie von den Bedürfnissen und Bedingungen 
des gesellschaftlichen Lebens als eines in sich zusammen- 
hängenden abstrahiert, obgleich sie sich notwendig auf 
gesellschaftliche Verhältnisse beziehen muß: d. h. der 
Sittlichkeits- und der Staatsbegriff erhalten ihre Einheit 
erst in der Idee der freien Gemeinschaft, einer Idee, 
welche den mechanischen Staat oder die Herrschaft aus-- 
schließt, den Staatsbegriff aber, der an sich über den 
abstrakten Sittlichkeitsbegriff hinausreicht, verlangt auch 
der mechanische Staat, und dieser Begriff des Staates 
kann ohne die Tatsache der Gemeinschaft un- 
möglich hervortreten. Folglich hat es der Staat von vorn- 
herein nicht mit von einander abgelösten, sondern mit 
vereinigten Individuen zu tun, die wie die Regierenden 
zum Staats begriffe gelangen, sobald der Staat kon- 
stituiert, d. h. den gewordenen Gemeinschaften eine be- 
stimmte Form ausdrücklich gegeben wird. Wir haben 
also die Tatsache der Gemeinschaft als Voraussetzung 

27 



des Staatsbegriffes bei den Regierenden und bei den 
Regierten auszusprechen, und behaupten, daß die Be- 
stimmtheit dieses Begriffes durchaus von der Bestimmt- 
heit der gewordenen Gemeinschaft abhängig ist. Denn 
der Staatsbegriff ist notwendig ein anderer, wenn die 
elementaren Gemeinschaften unfreie und wenn sie relativ 
freie, wenn die Selbsterziehung, die nur in der Gemein- 
schaft stattfinden kann, eine sporadische und wenn sie 
eine relativ allgemeine ist. Hierbei ist aber zu beachten, 
daß der Staat als die aus drück liehe Form der Gesell- 
schaft den gegebenen Gesellschaftscharakter zugleich aus- 
prägt und erhöht, also die Entwicklung der Gesellschaft 
ebenso bedingt, wie er von ihr bedingt wird, was dem 
einseitigen Beweise, daß der freie Staat die Herrschaft 
der freien Sittlichkeit voraussetzt, gegenüber geltend 
gemacht werden muß. 

Nehmen wir hiernach die Frage, wie die Einzelnen zur 
Staatsidee und wie der Staat dazu gelangt, die Einzelnen 
als Zweck zu setzen, wieder auf, so ist klar, daß sich 
ohne den Mittelbegriff der Gemeinschaft schon das Ent- 
stehen des Staatsbegriffes und des wirklichen Staates, 
insofern dieser die Herrschaft der Sittlichkeit noch äußer- 
lich »realisiert«, nicht beantworten, also noch weniger 
der »Fortschritt« zu der Idee und dem Willen des freien 
Staates, welcher an sich der Fortschritt zu der Idee und 
dem Willen der wirklichen Erziehung ist, erklären läßt. 
Ist das Verhältnis des Staates und der Individuen nicht 
ein von vornherein gegebenes, so läßt es sich nicht her- 
stellen, d. h. die ^abstrakte Gegenüberstellung beider, 
die mit dem Rousseauschen Standpunkte zusammenhängt, 
führt zu unlöslichen Widersprüchen, sofern nicht der 
Begriff der historischen Entwicklung fern gehalten wird. 

2d> 



Dieselben Widersprüche aber sind an sich gelöst, wenn 
von der Tatsache der Gemeinschaft und zwar der sich durch 
sich selbst gestaltenden, vorstaatlichen und vom Staat 
umschlossenen, nicht, wie es auch von dem Briefsteller 
geschieht, von der Tatsache des fertigen Staates, aus- 
gegangen und diese Tatsache als eine in der Natur 
des Menschen begründete, der Mensch als ein soziales 
Wesen begriffen wird. Die soziale Natur des Menschen 
setzt die Individuen zu dem entstehenden und sich fort- 
schreitend gestaltenden Staate in ein an sich gegebenes 
Verhältnis, sie begründet die Tatsache der relativ allge- 
meinen Selbsterziehung, die freiwillige Unterwerfung unter 
den normierenden Staat — der ohne vorhandene Ge- 
meinschaften kein Objekt hätte — und das Bedürfnis 
des freien Staatswesens, welches Bedürfnis der ausdrück- 
lichen Erziehung ist, sie läßt es demnach auch begreifen, 
wie der Staat Zweck des Individuums und das Indivi- 
duum Zweck des Staates werden kann. Denn in jeder 
Gemeinschaft bleibt sich der Einzelne Selbstzweck, indem 
er die Gemeinschaft als Mittel seiner Selbstbefriedigung 
und Selbstverwirklichung will; das Mittel aber ist immer 
der nächste Zweck und als absolutes Mittel ein abso- 
luter Inhalt dQs bewußten Willens, also ein notwendiges 
Ideal, woraus sich ergibt, daß die Einzelnen den Staat 
— die umfassende und vermittelte, an sich als dauernd 
gedachte Gemeinschaft — als Staat, aber auch fortge- 
setzt diejenige Form desselben, welche den entwickelten 
Gemeinschaften entspricht, in welcher sie also die posi- 
tive Möglichkeit ihrer Selbstverwirklichung finden, wollen 
müssen. Sonach ist auch in demselben Grade, in wel- 
chem der Dualismus der Regierenden und Regierten 
sich aufhebt, die Verwirklichung der Individuen der »Wille 

29 



des Staats«, d. h. der einheitliche Wille derer, welche 
den Staat ausmachen, und daß jener Dualismus sich auf- 
hebe, ist mit dem Staate der freien Sittlichkeit, der eine 
»Organisation« sein soll, »die sich durch sich selbst und 
für sich selber bildet«, gefordert. Offenbar aber ist diese 
»Organisation« nur möghch, wenn der Staat die Einheit 
wirklicher und in sich freier Gemeinschaften ist, da er 
nur als diese Einheit eine kohärente und sich selbst ge- 
staltende Existenz darstellen kann. Wenn die Gesamtheit 
der einzelnen — die Masse — den Staat ausmacht, so 
kann der Wille dieser Gesamtheit einerseits nur mo- 
mentan hervortreten und nur durch eine mechanische 
Vermittlung zum Ausdruck kommen, andererseits sich 
nur auf die gleichen oder unterschiedslosen Einzelnen be- 
ziehen — wie er es im Rousseauschen Staate in der Tat 
soll — ist also ohne organische Vermittlung und ohne 
positiven Inhalt; er erschöpft sich demnach in der 
Negation des historischen Staates, und kann sich weiter- 
hin als Gesamtwille nur dadurch betätigen, daß er den 
Dualismus der Regierenden und Regierten von neuem 
setzt und von neuem aufhebt — eine Betätigung, welche 
eine mechanische bleibt, mit welchem Pathos und wel- 
cher Leidenschaft sie geübt werden mag und geübt wer- 
den muß, und den Charakter des Schauspiels bezeichnet, 
das uns die französische Revolution bietet. — Wollen wir 
also von dem »politischen Künstler« sprechen — eine 
Bezeichnung, die im organischen Staate nur bedingt zu- 
lässig ist — so bleibt derselbe insoweit ein mechanischer 
Künstler, als er davon absieht, die Neubildung der Ge- 
sellschaft positiv zu ermöglichen, aber ihre Form un- 
mittelbar bestimmen will, mag er hierbei die Freiheit der 
Individuen beabsichtigen oder nicht. 

30 



8. Die Notwendigkeit der Erziehung, welche der Brief- 
steller daraus ableitet, daß die natürliche Sittlichkeit 
herrschen muß, ehe der Staat von der zwangsweisen 
Normierung des allgemeinen Verhaltens absehen kann, 
folgt unmittelbar aus der sozialen Natur des Menschen. 
Denn um in der Gesellschaft existieren zu können, 
muß der Einzelne ihr gemäß, d. h. gemäß dem histo- 
rischen Selbsterhaltungsbedürfnisse und dem historischen 
Charakter der konkreten Gesellschaft bestimmt sein, 
also bestimmt werden, da ihm die erforderhche Be- 
stimmtheit von Natur nicht zukommen kann. Wäh- 
rend er demnach außer der Gesellschaft gar nicht zum 
Bewußtsein und zum Wollen seines Selbst kommt, also 
seine menschliche Individualität nicht entwickelt, muß er 
in der Gesellschaft die Selbstbestimmung, zu deren Be- 
griff er gelangt, beschränken, die Individualität, die er 
herausstellt, normieren lassen. Damit ist der Widerspruch 
gesetzt, daß die Notwendigkeit der Gesellschaft in der 
Anlage des Menschen zur Selbstbestimmung begründet 
ist, dieselbe Notwendigkeit aber die Selbstbestimmung 
aufhebt, sofern sie eine unmittelbare ist und soweit 
sie zu äußerlicher Betätigung kommt. Aus der Notwen- 
digkeit aber, die Einzelnen der allgemeinen und beson- 
deren Bestimmtheit der Gesellschaft gemäß zu normieren, 
d. h. sie negativ und positiv für die bestehende Gesell- 
schaft zuzurichten, ergibt sich von vornherein die Not- 
wendigkeit, mit der normierenden Tätigkeit bei den Ein- 
zelnen einzutreten, so lange und so weit sie bestimm- 
bar sind, also die Notwendigkeit der ausdrücklichen 
Erziehung, die auch nirgends fehlt, wo die Gesellschaft 
die weitere und festere Form, welche die Bezeichnung des 
Staates zulässig macht, erhalten hat. Daß jedoch diese, 

31 



durch das Selbsterhaltungsbedürfnis der Gesellschaft un- 
mittelbar bedingte Erziehung den vorhin bezeichneten 
Widerspruch nicht aufhebt, sondern verschärft und ver- 
tieft, ist leicht zu begreifen, da sie sich der noch un- 
entwickelten Individualität planweise bemächtigt. Indessen 
ist zu beachten, daß wir von einer unbedingten Auf- 
hebung der Individualität und der Selbstbestimmung durch 
die normierende Tätigkeit der Gesellschaft weder ge- 
sprochen haben noch sprechen können. Wie äußerlich 
diese Normierung, die immer das Mittel der Erziehung 
hat, sein möge, so vermag sie doch die natürlich ge- 
gebene Individualität nur zu modifizieren, und bringt sie 
gerade durch die gleichmäßige Form, die sie den Ein- 
zelnen aufprägt, zur Erscheinung, während die Tendenz 
der Selbstbestimmung, sofern der Erzieher auf den Willen 
wirken muß, durch diese Einwirkung nicht unterdrückt, 
sondern nur verinnert und der Einzelne genötigt wird, 
für seine »Freiheit« ein unzugängliches Gebiet zu suchen 
oder seinen selbständigen Willen mittelbar, d. h. indem 
er andere bestimmt, zu betätigen. Daher wird der Wider- 
spruch, der in der äußerlichen Normierung der Indivi- 
duen gegen die Selbstbestimmung des Menschen liegt, 
durch die ausdrückliche Erziehung, welche positive Fähig- 
keiten oder Fertigkeiten hervorzubringen und die Nei- 
gungen, wehrend und fordernd, zu bestimmen sucht, 
allerdings nicht gelöst, sondern erhöht, zugleich aber, 
insofern die Selbstgestaltung der Gemeinschaften Raum 
behält, zur Reflexion gebracht. Denn indem die Er- 
ziehung als gesellschaftlicher Zweck gewußt wird, entsteht 
notwendig die Reflexion auf den Unterschied dessen, 
was die Individuen sind und dessen, was sie sein 
sollen, und sodann auf den Unterschied dessen, was 

32 



sie sein sollen und was sie sein können: es erzeugt sich 
das Ideal der Individualität neben dem Ideal des Staates 
und jenes wird zum Maßstabe für die Vollkommenheit 
der bestehenden Erziehung wie des bestehenden Staates. 
Ist aber die Verwirklichung der vollen Individualität als 
Zweck der Erziehung gesetzt, so ist einerseits als ihre 
Aufgabe die fortgesetzte Vermittlung der Selbstbestim- 
mung begriffen, andrerseits die »ästhetische« Erziehung, 
deren Notwendigkeit zu beweisen das Ziel des Brief- 
stellers ist, gefordert. Denn die ästhetische Erziehung 
Hegt, wie der Briefsteller späterhin ausführt, in der all- 
seitigen Betätigung, welche keinen anderen Zweck hat, 
als die Individualität herauszustellen, diese Betätigung 
aber ist als zusammenhängende nur im Umkreise der 
Erziehung möglich und ergibt sich hier als notwendig, 
sofern die Verwirklichung der vollen Individualität Er- 
ziehungszweck ist. Dabei ist aber sogleich zu bemerken, 
daß, wenn die Einzelnen a 1 s Einzelne erzogen werden — 
was trotz einer äußerlichen und mechanischen Gemein- 
schaftlichkeit der Erziehung möglich ist — ihre Betäti- 
gung eine wahrhaft allseitige nicht sein kann, wie sie 
auch in diesem Falle, indem sie in die Gesellschaft ein- 
treten, derselben vereinzelt und ohne selbständige gesell- 
schaftliche Befähigung, also unfrei, gegenüberstehen. 

9. Nachdem der Briefsteller ausgesprochen hat, daß 
der pädagogische und politische Künstler den Menschen 
als ihren Zweck zu setzen haben, kommt er wieder dar- 
auf zurück, daß das Verhalten des Staates gegen seine 
»Bürger« durch das Verhalten derselben gegen sich selbst, 
also durch das, was sie schon sind, bedingt ist. Er sagt 
nämlich, daß, wenn sich in den Individuen der subjek- 
tive und objektive, der empirische und der ideale Mensch 

Deinhardt, Schiller. 3 • 

33 



kontradiktorisch gegenüberstehen, der Staat dem objek- 
tiven oder idealen Menschen zum Siege verhelfen müsse, 
indem er die empirische oder subjektive Individualität 
mit dem »Ernst des Gesetzes unterdrückte, während er, 
wenn die Individuen in sich selbst einig sind, nur ihre 
innere Gesetzgebung zu formieren hat. Damit ist wieder- 
holt ausgesprochen, daß der »freie« Staat die Sittlichkeit 
der Individuen voraussetzt, und daraus folgt, daß er 
die Verwirklichu ng der Individualität nicht zu sei- 
nem Zwecke hat, da die Unterdrückung der empiri- 
schen Individuen eine negative, die Formierung des an 
sich vorhandenen sittlichen Willens eine formelle Tätig- 
keit ist. Dieser Widerspruch, auf den wir nicht noch- 
mals einzugehen brauchen, läßt die Frage offen, wer 
der Erzieher der Individuen sein soll, da es der Staat, 
indem er die Individuen, wie sie sind, zu behandeln hat, 
nicht sein kann. Wie wir späterhin sehen werden, be- 
antwortet der Briefsteller diese Frage, indem er die ästhe- 
tische Erziehung — welche nach dem oben Gesagten die 
Erziehung schlechthin ist — der Kunst und den Künst- 
lern zuweist, aber es nicht umgehen kann und umgehen 
will, das ganze Gebiet der ästhetischen Selbstbefriedi- 
gung, das innerhalb des Volkslebens, insbesondere aber 
innerhalb des Jugendlebens liegt, in das Auge zu fassen. 
Dabei bleiben jedoch die pädagogische Kunst oder viel- 
mehr — da die Kunst an sich pädagogisch wirken soll, 
ohne diese Wirkung ausdrücklich zu bezwecken — die 
Kunst der Pädagogik und der pädagogische Künstler un- 
berücksichtigt, so nahe diese Berücksichtigung dem Brief- 
steller zu liegen scheint, d. h. notwendig gewesen wäre, 
wenn er es nicht überall vermieden hätte, die Grenzen 
der eigentlichen Praxis zu berühren. Hätte er jedoch die 
• 

34 



Tätigkeit des pädagogischen Künstlers oder des Erziehers 
schlechthin einer besonderen Betrachtung unterzogen, so 
hätte er bei der Annahme, daß der »empirische« und 
der ideale Mensch sich urspünglich entgegengesetzt sind, 
über einen ähnlichen Widerspruch hinweggehen müssen, 
wie der ist, daß der Staat den Menschen als Zweck 
setzen, aber seine Tätigkeit darauf beschränken soll, das 
empirische Individuum zu unterdrücken und dem idealen, 
wenn es zum tatsächlichen Bestände gelangt ist, einen 
allgemeinen Ausdruck zu leihen. Denn ist der abstrakte 
Gegensatz des empirischen und des idealen Individuums, 
dessen, was der Mensch von Natur ist, und dessen, was 
er sein soll — ein Gegensatz, der noch näher als der 
des sinnlichen und des vernünftigen Menschen weiterhin 
bestimmt wird — vorausgesetzt, so kann die Tätig- 
keit des Pädagogen gleichfalls nur eine negierende sein, 
d. h. er müßte die Entwicklung des vernünftigen Men- 
schen, welche Entwicklung der Selbstbestimmungsfähig- 
keit ist, abwarten, was er selbstverständlich nicht kann, 
sofern er nicht als »schöner« Künstler wirkt. Er hätte 
also tatsächlich den Menschen nicht zum Zweck, da jeder 
Zweck die ausdrückliche Vermittlung des Gewollten in 
Anspruch nimmt. Wir müssen aber weiter gehen und 
behaupten, daß auch die Wirksamkeit des schönen Künst- 
lers, den abstrakten Gegensatz der sinnlichen und gei- 
stigen oder vernünftigen Natur des Menschen vorausge- 
setzt, unmöglich ist, daß also die Tatsache dieser Wirk- 
samkeit einen Gegenbeweis gegen das kontradiktorische 
Nebeneinander der sinnlichen und geistigen Natur des 
Menschen, sowie gegen das abstrakte Nacheinander 
der sinnlichen und geistigen Bedürfnisse und Fähigkeiten 
abgibt. Wir werden auf diesen Punkt, da der Briefsteller 

35 



wiederholt von dem abstrakt gefaßten Gegensatze aus- 
geht, um seine Vermittlung zu finden, zurückkommen, 
dürfen aber die Charakteristik, welche er, an die von 
ihm ausgesprochene Notwendigkeit, dem objektiven Men- 
schen zum Siege über den subjektiven zu helfen, an- 
knüpfend, von der Wildheit, der Barbarei und Bildung 
gibt, ohne weitere Bemerkungen und indem wir das Rich- 
tige, das in ihr Hegt, anerkennen, anfügen. »Der Mensch«, 
sagt er, »kann sich auf eine doppelte Weise entgegen- 
gesetzt sein, entweder als Wilder, wenn seine Gefühle 
über seine Grundsätze herrschen, oder als Barbar, wenn 
seine Grundsätze seine Gefühle zerstören. Der Wilde ver- 
achtet die Kunst und erkennt die Natur als seinen un- 
umschränkten Gebieter; der Barbar verspottet und ent- 
ehrt die Natur, aber verächtlicher als der Wilde fährt er 
häufig genug fort, der Sklave seines Sklaven zu sein. 
Der gebildete Mensch macht die Natur zu seinem Freunde, 
und ehrt die Freiheit, indem er bloß ihre Willkür zügelt.« 
10. Was der Briefsteller in den letzten Worten als den 
Charakter der Bildung bezeichnet, ist die Voraussetzung, 
die er für den freien Staat in Anspruch nimmt, und in- 
dem er dazu fortgeht, dieser Forderung das »jetzige Zeit- 
alter und die gegenwärtigen Ereignisse« gegenüber zu 
stellen, findet er in der bestehenden »Zivilisation« die 
Wildheit und die Barbarei dualistisch vertreten. Der 
Naturstaat, sagt er, wanke, die Vernunft sei zur Erkennt- 
nis der menschlichen Rechte gekommen und die Massen 
seien bereit, sie nicht bloß zu fordern, sondern zu neh- 
men; so scheine die innere und äußere Möglichkeit ge- 
geben, den Menschen endlich als Selbstzweck zu ehren 
und wahre Freiheit zur Grundlage der politischen Ver- 
bindung zu machen — es fehle aber die moralische 

36 



Möglichkeit und der freigebige Augenblick finde ein un- 
empfängliches Geschlecht. Denn was das Drama der Zeit 
öfi:'enbare, sei Verwilderung auf der einen, Erschlaffung 
auf der anderen Seite, die Äußersten des menschlichen 
Verfalls in einem Zeiträume vereinigt. Weiterhin schreibt 
er den »zahlreicheren niederen Klassen« rohe Triebe 
und Leidenschaften, die entfesselt kein Maß kennen, den 
höheren »zivihsierten« Schlaffheit und Depravation des 
Charakters zu, die er darein setzt, daß die auf ihrem 
rechtmäßigen Felde — dem der Eindrücke, die sie 
machen soll — verleugnete Natur auf dem morali- 
schen Gebiete, dem der Grundsätze, mittels einer mate- 
rialistischen Sittenlehre Raum gewonnen, und daß im 
Schöße der raffiniertesten Geselligkeit der Egoismus sein 
System gegründet habe. »Unser freies Urteil,« heißt es, 
»unterwerfen wir der despotischen Meinung der Gesell- 
schaft, unser Gefühl ihren bizarren Gebräuchen, unseren 
Willen ihren Verführungen ; nur unsere Willkür behaupten 
wir gegen ihre heiligen Rechte.« Damit sind in der Tat 
die Grundzüge der sozialen Verderbnis oder der falschen 
ZiviHsation ausgesprochen: das Raffinement der Bedürf- 
nisse, welches die Natur verkehrt, die sinnliche Befrie- 
digung versteckt, um sie zu erhöhen, und sich in der 
Sophistik des der egoistischen Genußsucht dienenden 
Verstandes fortsetzt, auf der einen, der Mangel der Ge- 
meinschaftsidee und des Gemeinschaftsgefühles bei der 
äußersten und äußerlichsten Mannigfaltigkeit sozialer Be- 
ziehungen auf der anderen Seite. Der Charakter dieser 
Zivilisation aber macht sich in allen Schichten der Ge- 
sellschaft geltend; wir finden die niederen Klassen in 
weiter Ausdehnung körperlich verkümmert und erschlafft 
— wozu insbesondere die Art der Arbeit beiträgt — das 

37 



natürliche Gefühl aber und die sittlichen Begriffe zersetzt, 
während in den höheren Ständen die gesellige Form und 
die einseitig gepflegte Verstandesbildung nirgends aus- 
reichen, um die Gefühlsroheit, die Verwilderung der Triebe 
und den maßlosen Egoismus zu verbergen. Wir können 
also nicht zugeben, daß die niederen Klassen einseitig 
das rohe Gefühl und die Verwilderung — die nur inner- 
halb der Zivilisation möglich ist, weil sie in der Unge- 
bundenheit besteht, die sich unter ihrer Herrschaft ge- 
heim entwickelt — die höheren einseitig die raffinierte 
Schwäche vertreten. Insofern aber in den niederen 
Klassen die physischen Fähigkeiten weniger erschöpft, 
die natürlichen Gefühle weniger abgeschwächt und ver- 
kehrt sind, wie es in den höheren der Fall ist, sind jene 
offenbar erziehungsfähiger wie diese, da es leichter ist den 
rohen Stoff zu formen, als die Verbildung zu überwinden, 
leichter und dankbarer, die vorhandene Natürlichkeit zu 
veredeln, als die nicht vorhandene künstlich zu restau- 
rieren. Dennoch geht der Briefsteller, wie wir später 
sehen werden, auf die eigentliche Volkserziehung — von 
den Wirkungen, die er der rechten Kunst zuschreibt, ab- 
gesehen — nicht ein, und für die Bildung seines »ästhe- 
tischen Staates« im Staate, hat er offenbar diejenigen 
Kreise der höheren Stände im Auge, die der Natur und 
Natürlichkeit nicht entfremdet oder sich ihnen neu zu 
»befreunden« befähigt sind. Jedenfalls können wir nicht 
sagen, daß die Charakteristik, welche der Briefsteller von 
seinem Zeitalter gibt, auf das unsere schon weniger 
anwendbar sei. 

Wenn wir hier von der dualistischen Gegenüberstel- 
lung der niederen und höheren Klassen nicht absehen 
wollen, so müssen wir sagen, daß sich ihr Gegensatz, 

38 



seit die Briefe geschrieben wurden, nach der einen Seite 
allerdings gemildert, nach der anderen aber verschärft hat, 
so daß der Briefsteller gegenwärtig teils noch weniger, 
teils mehr berechtigt sein würde, die Doppelseitigkeit 
der ziviHsierten Entartung, oder eigentlich die Nicht- 
zivilisation unter der Decke zivilisierter Zustände und 
die Üb er Zivilisation in den niederen und höheren Stän- 
den vertreten zu finden. Die Bedürfnisse sind dem Cha- 
rakter nach gleichmäßiger, die Möglichkeit der Befriedi- 
gung aber ungleichmäßiger geworden, der Luxus und 
das Elend haben sich nebeneinander rasch entwickelt, 
und die Zivilisation ist im allgemeinen auf der einge- 
schlagenen Bahn, trotz der Reaktionen, die teils von 
selbstsüchtiger Restaurationssucht, teils von der Idee einer 
gesunden und wahrhaft humanen Kultur ausgingen, vor- 
geschritten. Auf die Folgerungen, die sich aus dieser Tat- 
sache für die Notwendigkeit einer allgemeinen Erziehung 
schlechthin und für Art und Charakter desselben insbe- 
sondere ergeben, kommen wir später, obgleich ein Ein- 
wurf, welchen sich der Briefsteller macht, die Grundfrage 
einer solchen Erörterung berührt, ohne sie jedoch zu for- 
mulieren und festzuhalten. Der Briefsteller fürchtet näm- 
lich nicht, daß seine Schilderung des Zeitalters übertrie- 
ben gefunden werden könne, er erwartet aber den Ein- 
wand, daß »sein Gemälde überhaupt allen Völkern gleiche, 
die in der Kultur begriffen sind, weil alle ohne Unter- 
schied durch Vernünftelei von der Natur abfallen müssen, 
ehe sie durch Vernunft zu ihr znrückkehren können«. 

II. Offenbar drückt ein solcher Einwurf den unauf- 
haltsamen Fortschritt der einmal angetretenen Kulturent- 
wicklung, also die Notwendigkeit aus, daß er zu seinem 
Äußersten gediehen sein müsse, ehe die Rückkehr zur 

}9 



Natur stattfinden könne; die praktische Folgerung aber, 
die mit dem Einwände gegeben ist und seine nicht her- 
vortretende Spitze bildet, ist die, daß es unnütz sei, den 
Entartungen der Zivilisation ausdrücklich entgegen zu 
arbeiten oder die »Rückkehr zur Natur« bewirken zu 
wollen, ehe sie sich »von selbst« mache. Erst und nur 
diese Folgerung — der Ausdruck des pessimistischen 
laisser-faire-Prinzips — steht der Tendenz Schillers,- die 
Notwendigkeit und Möglichkeit einer Erziehung zu 
beweisen, welche eine wahrhaft humane Kultur im vor- 
aus begründet, entgegen. Denn wenn das Gemälde 
des Briefstellers, indem es allen Zeitaltern einer ent- 
wickelten Zivilisation gleicht, zu viel beweisen soll, so 
kann dieses »Zu viel« nur die Unmöglichkeit sein, einem 
historischen Entwicklungsgesetze entgegen zu treten und 
entgegen zu \virken, wobei jedoch sogleich zu bemerken 
ist, daß die Geschichte kein Beispiel für den unmittel- 
baren Übergang aus einer entarteten Zivilisation zu ge- 
sunden Kulturzuständen bietet, daß also die Vertreter des 
pessimistischen laisser-faire-Prinzipes, wenn sie einen sol- 
chen Übergang für die Zukunft erwarten, gleichfalls eine 
Ausnahme von der Regel oder vielmehr einen wesent- 
lichen Unterschied zwischen der modern-christlichen und 
den älteren Zivilisationen annehmen müssen. Der Brief- 
steller läßt aber, wie gesagt, die Spitze des Einwurfs, 
den er gegen seine Beweistendenz macht, nicht hervor- 
treten, sondern begnügt sich, in dem Griechentum 
den historischen Beweis zu finden, daß der Charakter 
der Natürlichkeit und die Höhe der Kultur sich nicht 
ausschUeßen, sondern zusammen bestehen können. Daß 
nun diese Einheit einmal da war, beweist allerdings ihre 
künftige Möglichkeit, aber nicht, daß sie innerhalb 

40 



einer gegebenen und sich entwickelnden Zivilisation, deren 
Fortschritt als solcher über die Barbarei nicht hinaus- 
führt, sondern sie nur modifiziert, hergestellt werden 
kann. Dabei unterläßt es der Briefsteller auffallenderweise, 
die öffentliche Erziehung als die eigentliche Basis 
der griechischen Kulturstaaten aufzuzeigen, obgleich mit 
dieser Tatsache historisch bewiesen ist, daß die ästhe- 
tische Kultur — diejenige, in welcher sich Naturkraft 
und geistige Entwicklung vereinigt erhalten — den Grund 
und das Mittel eines systematischen Erziehungswesens 
bedarf. Wir haben uns aber, um diese Unterlassung zu 
erklären, daran zu erinnern, daß es die abstrakte Gegen- 
überstellung des Staats und der Individuen dem Brief- 
steller unmöglich macht, die Erziehung, welche er im 
Auge hat, als Staatsaufgabe zu fassen, daß er vielmehr 
nach einem vom Staate durchaus unabhängigen Faktor 
dieser Erziehung suchen muß und als solchen die Kunst 
in Bereitschaft hat. Sonach fehlt ihm der Grund, auf die 
Erziehung der Griechen, die von vornherein eine öffent- 
liche und :staatHche war, einzugehen. Indem er sich aber 
vorbehält, die erziehliche Wirksamkeit der Kunst zu cha- 
rakterisieren und zu verlangen, begegnet er dem Ein- 
wände, den ersieh macht, nur insoweit, als derselbe 
ein Entweder-Oder des Naturzustandes und des Kultur- 
zustandes, also die Unvereinbarkeit der natürlichen Kraft 
und Sittlichkeit mit der höheren geistigen und geselligen 
Entwicklung ausspricht, während er die darin enthaltene 
Folgerung auf sich beruhen läßt, d. h. sie weder aus- 
drücklich hervorhebt, noch ausdrücklich bekämpft, weil 
sie teilweise seinem eigenen Standpunkte entspricht oder 
sein Hintergedanke ist, den er mindestens andeuten 
wollte. Denn um der Wirksamkeit der Kunst, welche 



41 



sich von dem Verderbnis der Zeit rein erhält, in einem 
Grade zu vertrauen, wie er es tut, muß er auf das Be- 
dürfnis der Zeitgenossen rechnen und Gewicht legen, 
und kann dieses Bedürfnis nicht nur als ein objek- 
tives, sondern muß es zugleich als ein subjektives, als 
die in den Gemütern mindestens geheim vorhandene Sehn- 
sucht, der Unnatur der Zivilisation zu entrinnen, auf- 
fassen. Diese Sehnsucht bleibt eine impotente, weil ihr 
die Gewöhnung an die Befriedigungen der Zivilisation 
und die Unmöglichkeit, auf ihre Vorzüge und »Schätze« 
zu verzichten, entgegenstehen, dieses Gegengewicht aber 
ist in dem Glauben an das Entweder-Oder des Natur- 
und Kulturzustandes begründet, weshalb es der Brief- 
steller mit Recht für die erste Aufgabe derjenigen Philo- 
sophie und Kunst, welche erziehlich im historischen Sinn 
wirken soll, hält, daß sie jenen Glauben, welcher der 
Unglaube an die volle Existenz der Menschheit ist, be- 
kämpft und das Ideal einer schönen Kultur der unschönen 
Wirklichkeit entgegensetzt, um das gläubige Streben nach 
diesem Ideale hervorzurufen. Eine solche wirkende »Tat« 

— wie deren der Briefsteller später ausdrücklich fordert 

— sollen die »Briefe« selbst sein, und wir müssen an- 
erkennen, daß sie es sind, aber zugleich die Überzeugung 
aussprechen, daß eine ganze Reihe derartiger »Taten« 
nicht genügt, um dem historischen Willen, den sie reizen 
und entstehen lassen, Gestalt und Dauer zu geben. Der 
Mangel und die Schwäche dieses Willens haben ihren 
Ausdruck in dem optimistischen und in dem pessimisti- 
schen laisser-faire-Prinzipe, welches gründlich und in 
allen Gebieten des sozialen Lebens überwunden werden 
muß, wenn nicht die Taten der Philosophie und Kunst 
ein müßiges Spiel bleiben sollen. Diese »Taten« heben 

42 



sich daher insoweit selbst auf, als sie dem laisser- 
faire-Prinzip ausdrücklich Raum geben, und setzen 
sich durch, insofern sie es ausdrücklich ausschließen, 
obgleich andrerseits anerkannt und festgehalten werden 
muß, daß die philosophische und die künstlerische Lei- 
stung sich auf ihrem Gebiete zu vollbringen haben, 
daß also der Philosoph und der Künstler als solche 
für die Kulturverwirklichung arbeiten, und dadurch, 
daß sie unmittelbar zu »nützen« und diesem oder jenem 
guten Zwecke zu dienen suchen, nicht praktischer, son- 
dern unpraktischer werden. 

12. »Der Ruhm der Ausbildung und Verfeinerung,« 
sagt der Briefsteller, »den wir mit Recht gegen jede an- 
dere bloße Natur geltend machen, kann uns gegen die 
griechische Natur nicht zu statten kommen, die sich 
mit allen Reizen der Kunst und mit aller Würde der 
Weisheit vermählte, ohne doch wie die unserige das 
Opfer derselben zu sein.« Dieser Verlust der Natur durch 
die Zivilisation wird sodann näher dahin bestimmt, daß 
zwar die Gattung als solche zu einer noch nicht da- 
gewesenen Höhe gelangt sei, aber auf Kosten der In- 
dividuen, indem sich diese — nicht vereinzelt, sondern 
in ganzen Klassen — verkümmert oder einseitig ent- 
wickelt zeigen. »Ganze Klassen entfalten nur einen Teil 
ihrer Anlagen, während daß die übrigen, wie bei ver- 
krüppelten Gewächsen, nur mit matter Spur angedeutet 
sind.« Der einzelne Grieche war ein ganzer Mensch, 
indem er die Bildung seines Volkes, seines Stammes und 
seiner Zeit repräsentierte, der modern zivilisierte Mensch 
ist durch das, was er »ist«, durch Stand und »Beruf« 
einseitig besimmt: er repräsentiert seine Klasse und die 
besondere, in enge Grenzen eingeschlossene Leistungs- 

45 



fähigkeit, welche dieser eigen ist. Die moderne Geseil- 
schaft leistet daher im ganzen mehr, als irgendeine frü- 
here, indem die besonderen Fähigkeiten und Tätigkeiten 
als solche bis zum Äußersten ausgebildet werden und 
sich objektiv zu einer Gesamtleistung vereinigen, diese 
objektive Vereinigung aber, die durch den Austausch 
und die gegenseitige Benutzung der Kräfte stattfindet, läßt 
die subjektive Einseitigkeit und Beschränktheit nicht nur 
bestehen, sondern muß sie fortgesetzt erhöhen und aus- 
prägen, weil sie die Möglichkeit der Absonderung wie 
im allgemeinen gewährt so dadurch steigert, daß auch 
der Austausch und die Vermittlung der Leistungen zu 
besonderen Klassengeschäften werden. Für das, was der 
Briefsteller, indem er seine Auseinandersetzung in dieser 
Richtung fortsetzt, charakterisieren will, haben wir gegen- 
wärtig die auf dem Gebiete der modernen Nationalöko- 
nomie entstandene Bezeichnung »Arbeitsteilung«, und 
sind längst gewöhnt, diese als das eigentliche »Prinzip« 
der »Kulturentwicklung« im allgemeinen und der Industrie- 
entwicklung insbesondere dargestellt zu finden. Schiller 
berücksichtigt in seiner Charakteristik insbesondere die 
Arbeitsteilung auf geistigem oder quasi-geistigem Gebiet, 
die Scheidung der Wissenschaften und Künste; die Tren- 
nung des Staates und der Kirche, die Bestimmtheit der 
verschiedenartigen Staatsgeschäfte, während er den Gegen- 
satz der »geistig« und »körperlich« arbeitenden Stände 
und die Verschiedenartigkeit der äußerlich produktiven 
Arbeiten kaum berührt, obgleich er seine Schilderung des 
Zeitalters mit der dualistischen Gegenüberstellung der 
höheren und niederen Gesellschaftsklassen begonnen hat. 
Wir dürfen uns hierüber nicht wundern, da die einseitig 
psychologische Betrachtungsweise — mittels deren hier 

44 



die »Geistesvermögen« in ihrer abstrakten Einteilung ver- 
schiedenen Klassen zugewiesen werden — und das Ab- 
sehen von der inneren Gestaltung der »materiellen« Pro- 
duktion ein Charakterzug der Zeitbildung sind, in wel- 
cher Schiller steht. Soll aber der Gegensatz der modernen 
Zivilisation und der griechischen Kultur zu seinem vollen 
Ausdrucke kommen, so ist es nicht möglich, von der 
materiellen Unterlage der antiken und modernen Staaten, 
also von den ökonomischen und industriellen Verhält- 
nissen abzusehen, weil die Bestimmtheit derselben an 
sich die Bestimmtheit der Staats- und Kulturgestaltung 
ausdrückt, indem die letztere in der ersteren ihre posi- 
tive Möglichkeit hat. 

In dieser Beziehung muß hervorgehoben werden, daß 
die antiken Staaten die Sklaverei zur Unterlage haben, 
und daß sich ohne diese Unterlage z. B. die Fähigkeit 
der einzelnen Athener, als Einzelne die griechische Kultur 
schlechthin zu repräsentieren, nicht denken läßt. Die an- 
tiken Staaten haben also den Gegensatz der »körperlich« 
und der »geistig« arbeitenden Stände oder Gesellschafts- 
klassen zunächst deshalb nicht, weil die Sklaven, denen 
die materiellste Arbeit zugewiesen ist, als Individuen und 
Staatsbürger gar nicht in Betracht kommen, während die 
Freien, indem sie zu dem Staate in ein unmittelbares 
Verhältnis treten, an den Staatsleistungen und dem 
Staats vermögen einen relativ gleichen Anteil haben, 
womit — innerhalb des griechischen Lebens — das 
Nebeneinander kleiner selbständiger Staaten gegeben 
ist. Dabei entwickelte sich in der Blütezeit der griechi- 
schen wie auch der römischen Kultur die materielle Ar- 
beitsteilung mit der Massenproduktion — auf welche die 
Ausdehnung der Sklaverei an sich hinwies — viel weiter, 

45 



als man gewöhnlich annimmt, aber unterhalb des Staats- 
bürgertums, im Gebiete der individuellen und bürger- 
lichen Rechtlosigkeit. Daher ersparten sich die antiken 
Staaten die Aufgabe, die Freiheit und freie Entwicklung 
der Individuen mit der Bedürfnisarbeit und der durch 
das wachsende Bedürfnis bedingten Arbeitsteilung zu ver- 
einbaren — eine Aufgabe, welche sich der moderne 
Staat nicht ersparen kann, sofern er die Sklaverei gründ- 
lich überwinden, also die versteckte Neugestaltung der- 
selben unmöglich machen und die prinzipiell anerkannte 
Rechtsgleichheit verwirklichen will. Im antiken Staate 
gibt es keine materielle Arbeitsteilung soweit eben die 
Freiheit reicht, aber als die des Freien unwürdige Arbeit 
wird auch keineswegs das materielle Schaffen an sich, 
sondern nur die einseitig vom Bedürfnis bedingte Tätig- 
keit, die den Charakter der individuellen Betätigung 
verliert, angesehen. Für die griechische Anschauung ins- 
besondere existierte niemals der abstrakte Gegensatz kör- 
perlicher und geistiger Betätigung, und der Gedanke, daß 
die eine der anderen »geopfert« werden könne oder müsse, 
blieb dem Griechentume fremd. Daher war durchaus 
selbstverständlich die eine Seite der griechischen Erzie- 
hung die Gymnastik, und dem Griechen würde eine 
Motivierung gymnastischer Übungen durch Gesundheits- 
rücksichten und allerhand praktische Vorteile, wie sie 
von modernen Pädagogen gegeben wird, sehr sonderbar 
vorgekommen sein. Plato, der sich darauf einläßt, die 
Gymnastik zu motivieren, indem er sie der musischen 
Erziehung gegenüber stellt, bringt beide unter den Ge- 
sichtspunkt der sittlichen Bildung und fordert die 
Gymnastik als Anspannungs-, die Musik als Sänftigungs- 
mittel des Gemüts, jene also für die Kräftigung des Wil- 

46 



lens, diese für die Ausbildung der Empfindung. Diese 
Motivierung ist im griechischen Sinne, obgleich sie die 
Notwendigkeit, welche die Gymnastik für den Griechen 
hatte, noch nicht ausreichend ausdrückt. In dem griechi- 
schen Wesen lag das Verlangen der vollen und zur 
Form gebrachten Individualität, und daher war dem Grie- 
chen eine Erziehung ohne Gymnastik, ohne die unmittel- 
bare Selbstbetätigung, welche die Individualität heraus- 
stellt und formt, undenkbar. Aber die Entwicklung und 
Gestaltung der griechischen Kultur wäre für uns undenk- 
bar ohne die griechische Erziehung, und diese ist eine 
vom Staate, der seine Bedingungen verwirklicht, von 
vornherein gesetzte und geordnete. Wir sehen also, daß 
die griechische Freiheit und Bildung nicht einfach als das 
»glückliche Produkt« der griechischen Natur — der äußeren 
und inneren — sondern als das bestimmte Resultat sozialer 
Voraussetzungen, die nicht ohne Kämpfe mannigfacher 
Art zu erreichen waren, und sozialer Schöpfungen zu 
begreifen ist, daß insbesondere die materielle Arbeits- 
teilung als Unterlage der griechischen Kultur nicht fehlte, 
aber vom Gebiete der Freiheit ausgeschlossen blieb, und 
daß diese glückliche Negation durch die Position 
einer systematischen Erziehung, welche den Staatszweck 
mit dem Zwecke, die Individuen herzustellen, verband, 
ergänzt wurde. 

In diesem Ergebnis liegen historisch-praktische Kon- 
sequenzen, die wir späterhin ausdrücklich ziehen müssen. 
Zunächst aber ist noch festzustellen, daß der Negation 
der Arbeitsteilung auf dem Gebiete der Freiheit die Ne- 
gation eines privilegierten »geistigen Besitzes« notwen- 
dig entsprach, daß »Glauben und Wissen« in so leben- 
digen und zusammengeschlossenen Gemeinschaften, wie 

47 



sie die griechischen Staaten darstellten, wirkliches Ge- 
meingut sein und bis in die Zeiten der politischen und 
sittlichen Auflösung bleiben mußten; und vom Staate 
unabhängige, über ihn hinausreichende Gestaltungen durch 
die Natur dieses Staates ausgeschlossen waren. Die kasten- 
artige Absonderung, welche in die Anfänge des griechi- 
schen Kulturlebens hineingetragen erscheint, wurde inner- 
halb seiner Entwicklung entschieden überwunden, und 
die schwachen Spuren derselben, welche sich während 
der Blütezeit der griechischen Kultur noch zeigen, wie 
in den religiösen Geheimbünden und der exoterischen 
und esoterischen Teilnahme am »Wissen«, sind eben 
nichts als belanglose Überbleibsel einer längst durchbro- 
chenen Vergangenheit. Das Staatsinteresse, welches das 
Interesse an der schönen Gestalt des Staates war, hielt 
Religion, Kunst und Wissenschaft zusammen, und ihr 
gemeinsamer Inhalt blieb infolge hiervon und der Natur 
des griechischen Geistes gemäß der anthropologische. 
Hierdurch aber war diejenige geistige »Arbeitsteilung«, 
die auf der Gattungsbestimmtheit der geistigen Leistun- 
gen beruht, so wenig ausgeschlossen, daß vielmehr diese 
Gattungsbestimmtheit erst von den Griechen durchgesetzt 
und an die modernen Kulturen vererbt wurde, während 
der Orient teils die unmittelbare Einheit, teils die erneute 
Vermischung der Religion, der Kunst und Poesie, der 
theoretischen und praktischen Wissenschaften zeigt, die 
moderne Kultur aber eine entschiedene Neigung zu Ver- 
mittlungs- und Übergangsgattungen der geistigen Pro- 
duktion unverkennbar offenbart. Wir können es daher 
beispielsweise als eine Eigenheit des griechischen Wesens 
nicht anerkennen, daß bei den Griechen »die Poesie und 
die Spekulation im Notfall ihre Verrichtungen tauschen 

48 



konnten«. Allerdings aber hebt die Reinheit, mit der die 
Gattungen der geistigen Produktion sich voneinander ab- 
scheiden, den einheitlichen Charakter dieser Produktion 
nicht auf, ist vielmehr durch denselben bedingt. Denn 
wie der Zweck des geistigen Produzierens überall die 
Darstellung des Menschlichen, in seiner allgemein gül- 
tigen Erscheinung ist, so macht sich überall das Bedürf- 
nis der klar bestimmten, dem besonderen Inhalte ad- 
äquaten, vollkommenen Form geltend, wodurch die sub- 
jektive Willkür des Darstellers in die engsten Grenzen 
gebannt, und das Abspringen von der gegebenen Dar- 
stellungsart ebenso wie die Abstraktion von dem Zwecke 
der Äußerung überhaupt ausgeschlossen ist. 

13. Schiller motiviert die Unmöglichkeit, daß sich die 
griechische Kultur, wie sie war, erhalten und fortsetzen 
konnte, einseitig psychologisch, indem er sagt, daß »der 
Verstand durch den Vorrat, den er schon hatte, unaus- 
bleiblich genötigt werden mußte, sich von der Empfin- 
dung und Anschauung abzusondern, und nur ein be- 
stimmter Grad von Klarheit mit einer bestimmten Fülle 
und Wärme zusammenbestehen kann«. Daß sich die grie- 
chische Weltanschauung in ihrer ruhig schönen Abge- 
schlossenheit nicht zu behaupten vermochte, ist in dem Ent- 
wicklungsgesetze des menschheitlichen Geistes begründet; 
sie konnte aber der Auflösung um so weniger wider- 
stehen, als sie das gemütvolle Genügen an einer gege- 
benen historischen Existenz zur Voraussetzung hatte und 
diese Voraussetzung verhältnismäßig rasch zusammen- 
schwand. Dieser rasche Verfall der griechischen Kraft und 
Freiheit nach einer kurzen, wenn auch fast wunderbaren 
Kulturblüte ist durch den allgemeinen Satz, daß das histo- 
risch Gestaltete dem Schicksale der Erstarrung oder Auf- 

Deinhardt, Schiller, a 

49 



lösung nicht entgehen kann, noch nicht erklärt. Denn 
die Anwendbarkeit dieses Satzes ist eine relative, nicht 
nur, weil die Perioden der »Entwicklung, der Blüte und 
des Verfalls« bei verschiedenen Kulturen und den Völkern, 
welche deren Träger sind, eine sehr verschiedene Zeit- 
dauer zeigen, sondern auch eine gewisse Wiedererneu- 
ungsfähigkeit derselben Kultur auf demselben Boden wie 
derselben Völker als eine Tatsache anerkannt werden 
muß, die sich in demselben Maße entschiedener darstellt 
und an Umfang gewinnt, in welchen die Teilnahme an 
der bestimmten Kulturentwicklung sich ausdehnt, also 
die Beziehungen der Völker zu einander einerseits um- 
fassender, andrerseits reger und lebendiger werden — folg- 
lich in demselben Maße, in welchem der Begriff der 
Menschheit und der Menschheitsgeschichte zur Wirklich- 
keit kommt. Hiermit ist für die kurze Zeitdauer der grie- 
chischen Kulturblüte an sich ein Grund ausgesprochen : 
das beschränkte Terrain und die Abgeschlossenheit des 
griechischen Lebens, welches für sich Gestalt annimmt und 
sich sodann an dem tatsächlichen Gegensatze, in den es zum 
Orient tritt, zwar rascher entwickelt, aber von den fremd- 
artigen Elementen, die es zu bewältigen hat und zu bewäl- 
tigen sucht, durchsetzt und desorganisiert wird. Indessen 
reicht dieser Grund nicht aus, weil er nicht den Mangel 
ausdrückt, der die griechische Freiheit und Kultur — die 
beide außereinander nicht gedacht werden können — an 
und in sich unhaltbar machte, obgleich er für die Ent- 
wicklung derselben eine positive Bedeutung gehabt hatte. 
Denn die Unfähigkeit der Griechen, ihre Freiheit, folg- 
lich den schönen Charakter ihrer Kultur zu behaupten, 
stellte sich heraus, ehe ihnen die Aufgabe, den Orient 
zu erobern, aufgedrungen wurde, wie sie es mußte, 

50 



und die sittliche Auflösung hatte begonnen, seit der 
Gedanke »der griechischen Einheit mit einem vorherr- 
schenden Staate an der Spitze« zur Geltung gekommen 
war — womit keineswegs gesagt sein soll, daß der Ein- 
heits- und Herrschaftsgedanke mit der daran sich knüpfen- 
den Rivalität der hervorragenden Staaten den. Untergang 
der griechischen Freiheit einseitig herbeigeführt hat, wohl 
aber, daß er sich mit dem Wesen dieser Freiheit nicht 
vertrug und die schon vorhandene Erschöpfung des freu- 
digen Freiheitsgeistes offenbarte. Die einzelnen griechi- 
schen Staaten oder Städte hatten Herrschaftsgebiete, welche 
sie voneinander absonderten und ihre Freiheit ermög- 
lichten, das Ungenügen an diesen Herrschaften aber war 
das Ungenügen an der Freiheit selbst, welches sich not- 
wendig entwickelt, wo ihr Gebiet ein abgeschlossenes, 
ohne exzentrische Abstufung und Gliederung ist, und zwar 
sowohl, wenn lebhaftere innere Reibungen mit der Er- 
öffnung weiterer Herrschaftsaussichten zusammentreffen, 
wie es nach überstandenen Existenzkrisen und bei jeder 
ungewöhnlichen Aufregung des Tätigkeitstriebes statt- 
findet, als auch dann, wenn der unbeschäftigte und da- 
durch erschlaffende Tätigkeitsdrang sich in das Bedürfnis 
des möglichst unmittelbaren Besitzes und Genusses um- 
setzt. Die Freiheit muß sich fortgesetzt verwirklichen, 
also ausdehnen und erhöhen, um fortgesetzt der allge- 
meine Zweck zu sein und als stärkendes Lebenselement 
empfunden zu werden; sie verlangt, um ihre einende, 
erhebende und schöpferische Kraft zu offenbaren, die Ar- 
beit ihrer Herstellung, welche wohl leichter, ebenmäßiger 
und bei vorhandenem Schönheitssinn auch schöner von 
statten geht, wenn es sich darum handelt, die Gemein- 
schaft der ausnahmsweise Freien zu gestalten, aber auch 

51 



mit dieser Gestaltung abschließt, um das doppelte Un- 
genügen der Unfreien und Freien hervortreten zu lassen. 
Wir kommen hiermit darauf zurück, daß das Gebiet 
der Freien in den griechischen Staaten ein sehr be- 
schränktes war und blieb, indem es da begann, wo die 
Bedürfni.s arbeit aufhörte. Der Staat war die Stadt, 
die arbeitenden Landbewohner standen in untergeord- 
neten Verhältnissen und hatten kein politisches Gewicht, 
die Sklaven gaben eine völlig indifferente, aber unent- 
behrliche Masse ab, indem sie, die materielle Arbeits- 
teilung und die konzentrierte Produktion vertretend, die 
Mittel der Zivilisation zu schaffen hatten. Diese Zustände 
gestalteten sich allmählich, aber erst nachdem und nur 
da, wo sie sich gestaltet hatten, entfaltete sich »rasch und 
glücklich die Blüte der griechischen Kultur und Freiheit«, 
welche, wie wir behaupten, eine kurze sein mußte, weil 
sie eben solche Voraussetzungen hatte. Die Bedürfnis- 
arbeiten an sich und insbesondere die Teilung der Be- 
dürfnisarbeiten, ohne welche es keine Zivilisation gibt, 
sind allerdings ein Hemmnis für die Allgemeinheit der 
Bildung und Freiheit, welches als solches viel zu wenig 
gewürdigt wird; indem aber der freie Staat, um sich 
selber zu bilden, dieses Hemmnis benutzt und umgeht, 
statt es zu überwinden, fehlt ihm die eigentliche Wurzel 
der Dauer und Erneuungsfähigkeit. Nur wenn die Ge- 
staltung des Staates als solche die Gestaltung der Be- 
dürfnisarbeit ist, gewinnt er eine lebendige und erwei- 
terungsfähige Unterlage, die natürlich-sittliche Basis für 
das freie Spiel der Kräfte und Neigungen, die sich in 
der Arbeit fortgesetzt bilden und bestimmen, um sich 
von ihr und dem Bedürfnis ausdrücklich loszulösen, 
das Medium um seine notwendigen Metamorphosen 

52 



positiv zu ermöglichen. Was also der griechischen Kultur 
und Freiheit zu einem festeren Bestände und einer rei- 
cheren Entwicklung mangelte, obgleich in diesem Mangel 
die hemmnislose, ebenmäßige und unmittelbar schöne 
Gestalt, in welcher sie uns entgegentreten, begründet liegt, 
ist nicht sowohl die Arbeitsteilung an sich als die Auf- , 
nähme derselben in die Aufgabe der Staatsformation, und 
da diese Formation, wie wir sagten, von der öffentlichen 
Erziehung ausging, so müssen wir die Einseitigkeit dieser 
darin sehen, daß sie die Bildung zur praktischen Arbeit 
nicht einschloß. 

14. Indem Schiller den Charakter der modernen Zeit, 
deren Unfähigkeit zu einem freien Staatswesen er be- 
weisen will, in die Arbeitsteilung setzt, betont er den 
Widerspruch, in welchem dieselbe zur Selbstzwecklich- 
keit und Idealität des Individuums, also zur Freiheit 
steht, so entschieden als möglich. Dagegen sind wir 
längst gewöhnt, von unseren Nationalökonomen die Ar- 
beitsteilung als den großen Faktor der Zivilisation enthu- 
siastisch preisen zu hören, und die Tatsache derselben 
auch auf dem Gebiete der »geistigen« Produktion zu all- 
gemeiner Befriedigung vorschreiten zu sehen. In der Tat 
bedarf es kaum eines Beweises, daß die Arbeitsteilung 
das Produkt der Arbeit potenziert, indem sie zugleich 
die Beziehungen der Individuen durch die Notwendig- 
keit des Austausches kompliziert, daß sie also die Zivili- 
sation, die den Überschuß über die notdürftige Produk- 
tion verlangt und die Abhängigkeit der Individuen von 
einander zur Voraussetzung hat, ermöglicht und bedingt, 
wie wir denn hervorgehoben haben, daß auch die antike 
Kultur die Tatsache der Arbeitsteilung und der massen- 
haften Produktion hinter sich hat. Dessenungeachtet ist 

53 



es sehr einseitig, die das Produkt der Arbeit potenzierende 
Kraft der Arbeitsteilung als eine unbegrenzte Größe zu 
betrachten, auch wenn man bei der Betrachtungsweise, 
der es auf die Größe des Produkts als solche ankommt, 
stehen bleibt. Denn zunächst ist die Wirksamkeit der 
Arbeitsteilung durch die Konzentration der Arbeitsmittel 
und Arbeitskräfte bedingt, die Möglichkeit dieser Kon- 
zentration aber ist eine beschränkte, und sie wird un- 
fruchtbar, wenn ihre Grenzen überschritten und Ar- 
beitskräfte und Arbeitsmittel, deren Ergiebigkeit durch 
eine gewisse Verteilung bedingt ist, gewaltsam zusam- 
mengezogen werden — wie es die »Macht des Kapitals« 
allerdings vermag. Ferner erfordert die Vermittlung des 
Austausches, welche die fortschreitende Arbeitsteilung 
nötig macht, Mittel und Kräfte, deren Wert von dem 
erhöhten Produkt in Abzug zu bringen ist, und insofern 
diese Vermittlung trotz oder wegen ihrer Künstlich- 
keit eine unzureichende bleibt oder wird, insofern sie 
insbesondere Produktion und Konsumtion nicht im Ver- 
hältnis erhält und der Überproduktion in bestimmten 
Richtungen, also der Entwertung der Produkte Raum 
gibt, fällt der Abzug von dem erhöhten Gesamtprodukt, 
den sie an sich bedingt, um so schwerer ins Gewicht. 
Weiterhin kommt in Betracht, daß die Arbeitsteilung eine 
unberechenbare Summe individueller Kräfte und Fähig- 
keiten, indem sie den Einzelnen auf eine engbegrenzte 
Tätigkeit anweist, brach legt oder in ein totes Kapital 
verwandelt, also diesen Verlust auszugleichen hat — eine 
Ausgleichung, die niemals nachweisbar ist, weil sich eben 
der Verlust nicht bestimmen läßt. Will man dagegen 
sagen, daß die Einzelnen das Kapital von Kräften und 
Fähigkeiten, welches die gegenwärtige Arbeitsteilung tötet, 

54 



in vielfacher, unzulänglicher und nicht zusammengreifen- 
der Tätigkeit vergeuden würden, so setzt man unberech- 
tigterweise das Entweder — Oder der Einzelarbeit und der 
gegenwärtigen Form der gemeinsamen Arbeit, bei 
welcher die Arbeitsteilung immer weiter getrieben und 
die Tätigkeit des Einzelnen immer mehr mechanisiert 
werden muß, weil die äußerlich vereinigten und ein- 
gestellten Kräfte unmittelbar, also maschinenhaft zusam- 
mengreifen sollen. Offenbar aber wäre diejenige Arbeit 
die produktivste, in welche die Einzelnen ihre ganze Kraft 
und Fähigkeit legen könnten, während sie doch eine zu- 
sammengreifende oder gemeinsame bliebe oder würde, und 
so lange nicht eine derartige Kollektivarbeit als schlecht- 
hin unmöglich nachgewiesen ist — ein Beweis, zu dem 
die Berufung auf die bisherige Praxis nicht genügt — 
können unsere Nationalökonomen über die Ausgleichung 
des Kraftverlustes, den die Arbeitsteilung durch die fort- 
gesetzte Vereinseitigung der Tätigkeiten bedingt, mit 
gutem Gewissen keine Rechenschaft geben, auch wenn 
wir von ihnen kein anderes als das nationalökonomische 
Gewissen verlangen. Sie können dies um so weniger, 
als bei der eingeengten und einseitigen Tätigkeit, welche 
die gegenwärtige Arbeitsteilung in großer Ausdehnung 
bedingt, die Individuen nicht vereinzelt, sondern klassen- 
weise verkümmern und verkrüppeln, was doch zuletzt 
auch von dem nationalökonomischen oder quasi-national- 
ökonomischen Standpunkte als ein unersetzbarer Verlust 
an Produktionsfähigkeit angesehen werden muß. 

Gehen wir aber darüber hinaus, einseitig die Größe 
des Arbeitsproduktes in Betracht zu ziehen, so müßte 
zunächst das durch die Arbeitsteilung erhöhte Produkt 
durch eine verhältnismäßige, und zwar im Verhältnis zum 

55 



»Kraftverlust« stehende Verteilung Gemeingut werden, 
weil außerdem eine große Anzahl von Individuen oder 
ganze Klassen bei der Arbeitsteilung trotz der Steigerung 
des Gesamtproduktes statt zu gewinnen Einbuße erleiden 
könnten, und wenn dies »zufälligerweise« diejenigen In- 
dividuen und Klassen wären, welche sich oder ihr Selbst 
am entschiedensten an die gemeinsame Arbeit hingeben, 
die »Wohltat« der Arbeitsteilung für sie einen doppelten 
Verlust bedeuten würde. In der Tat aber besteht dieses 
Mißverhältnis — durch die äußerliche Vermittlung der 
Kollektivproduktion und des Austausches ermöglicht — 
und zwar nicht zufälliger-, sondern notwendigerweise, 
sofern die Vereinigung zur Arbeit eine äußerliche, die 
Hingabe an dieselbe durch die Not bedingt ist, folglich, 
um das Getriebe der Produktion zu unterhalten, die Not 
der arbeitenden Klassen unterhalten werden muß, und 
sich dadurch von selbst unterhält, daß der Produktüber- 
schuß teils für die erneute Konzentration der Arbeits- 
mittel und Arbeitskräfte dient, teils in einer übermäßigen 
und überflüssigen Konsumtion aufgeht, welche notwen- 
dig da stattfindet, wo das Produkt sich sammelt und das 
Genußbedürfnis ein raffiniert materielles bleibt und wird. 
Damit berühren wir den zweiten Punkt, welcher für die 
Beurteilung des Gewinnes, den die Arbeitsteilung ge- 
währt, in Betracht kommt: die Qualität des Produktes 
oder das Verhältnis, in welchem dieses qualitativ zu der 
notwendigen Bedürfnisbefriedigung steht. Wenn wir fin- 
den, daß die Befriedigung in großem Umfange Schein- 
befriedigung ist, indem sie teils durch Surrogate statt- 
findet, also das Bedürfnis nur beschwichtigt und täuscht, 
teils es nicht zu naturgemäßer Entwicklung kommen läßt, 
sondern als Vorbefriedigung gleichzeitig abstumpft und 

56 



überreizt, wozu das äußerliche Raffinement der gebotenen 
Mittel dient, so müssen wir sagen, daß der Überschuß 
des Produktes vermöge seiner Qualität wertlos ist. Daß 
aber innerhalb unserer Zivilisation die Befriedigung eine 
Scheinbefriedigung in diesern Sinne sein und immer mehr 
werden muß, sofern sich nicht Art und Charakter der 
Arbeitsteilung ändern, folgt schon teilweise aus der un- 
verhältnismäßigen Verteilung des Produkts, und weiter- 
hin daraus, daß die Aneignungsfähigkeit sich in Korre- 
spondenz mit der Leistungsfähigkeit entwickelt, daß also 
bei einseitiger und beschränkter Kraftbetätigung das Be- 
dürfnis sich notwendig veräußert, indem es die innere 
Bestimmtheit verliert, also zugleich schwächt und als Be- 
dürftigkeit steigert, daß mit einem Worte die Befriedi- 
gung um so weniger eine individuelle sein kann, je 
weniger es die Kraftbetätigung oder die Arbeit ist. So- 
nach gibt es für die Vereinseitigung des Individuums 
durch die Einseitigkeit und Beschränktheit der Arbeit 
keinen Ersatz, weil sich in dem, was dafür gilt, in der 
Möglichkeit einer »allseitigen« Befriedigung, d. h. einer 
solchen, für welche von allen Seiten gearbeitet werden 
soll, die Veräußerung der Individualität nicht aufhebt, 
sondern fortsetzt und erweitert. — Was die Arbeitstei- 
lung auf dem Gebiete der geistigen oder quasi-geistigen 
Produktion anbetrifft, so gilt auch für sie, daß sie ge- 
wisse Grenzen nicht überschreiten kann, ohne die wahr- 
hafte Aneignungsfähigkeit für das geistige Gemeingut 
aufzuheben und die geistige Individualität zu verkrüp- 
peln und zu verkümmern, abgesehen davon, daß die Ein- 
seitigkeit »geistiger« Beschäftigung die individuelle Ent- 
wicklung von vornherein beeinträchtigt, und daß, so lange 
der durch Individuen und Klassen vertretene Gegen- 

57 



satz körperlicher und geistiger Arbeit nicht überwun- 
den ist, von der Verwirklichung der Individuen inner- 
halb der Gesellschaft und durch sie nicht die Rede sein 
kann. 

15. Wir haben natürlich die Gesichtspunkte für eine Kritik 
der bestehenden ))Arbeitsteilung« nur andeuten können, 
obgleich wir in dieser Kritik nach verschiedenen Seiten 
weiter gehen als der Briefsteller, der in der psychologi- 
schen Betrachtungsweise verharrt. Den Schluß aber, zu 
dem er gelangt, daß zur Verwirklichung der wahren 
Kultur, die in der modernen Zivilisation aufgehobene 
»Totalität der menschUchen Natur wiederhergestellt 
werden müsse«, haben wir entschieden anzuerkennen, 
wie wir ihn denn in verschiedenen Wendungen und An- 
wendungen schon ausgesprochen haben. Indem nun der 
Briefsteller die Frage aufwirft, ob nicht vielleicht die Auf- 
gabe der Restauration dem Staate zuzuweisen oder von 
ihm zu erwarten sei, und sie verneint, weil der Staat, 
wie er jetzt beschaffen, das Übel veranlaßt habe, und als 
Vernunftstaat die wiederhergestellte Menschheit voraus- 
setze, gewinnt er den Übergang zu seiner Forderung, 
daß ein vom Staat völlig unabhängiger Faktor, und zwar 
die Kunst, für die Umbildung des herrschenden Charak- 
ters der modernen Völker eintreten müsse. Wir haben aber 
unsererseits zu fragen, inwiefern sich behaupten läßt, daß 
der bestehende Staat den herrschenden Zeitcharakter ver- 
anlaßt oder verschuldet habe. Denn offenbar hat sich die 
Arbeitsteilung, die diesen Charakter nach der Darstellung 
des Briefstellers ausmacht, unabhängig vom Staate und 
seinen verschiedenen Formen entwickelt, und die bureau- 
kratische Arbeitsteilung, welche der Briefsteller ausdrück- 
lich kennzeichnet, ist mehr Folge als Ursache, mehr 

s8 



durch die Äußerlichkeit des Gesellschaftsverbandes be- 
dingt als sie bedingend. Sonach wäre dem Staate kein 
anderer »Vorwurf« zu machen als der, daß er es unter- 
lassen, entweder das Gebiet der Arbeitsteilung von dem 
Gebiete des Staatsbürgertums streng abzuscheiden, wie 
es von den antiken Staaten geschah, oder die Arbeits- 
teilung von vornherein in seine Hand zu nehmen, d. h. 
dem Interesse der Freiheit und der Idee der Gemeinschaft 
entsprechend zu organisieren. Jene Abscheidung aber 
widerspricht dem modernen Rechtsgedanken, und die Or- 
ganisation der Arbeit kann um so weniger vom Staate 
ausgehen, je entschiedener derselbe der Menge der In- 
dividuen entgegengesetzt wird und entgegengesetzt ist. 
Der Staat hat also unterlassen, was er als eine der Be- 
völkerung gegenüberstehende Macht nicht vermochte, 
und seine Tätigkeit mußte eben deshalb eine negativ 
regelnde bleiben, wobei anerkannt werden muß, daß diese 
negative Regelung, die äußerlich normierende Tätigkeit 
des Staates die Individuen an sich nur oberflächlich be- 
stimmt, also sie keineswegs in der Art zu vereinseitigen 
vermöchte, wie sie es durch die bestehende Arbeitstei- 
lung sind, die sich, wie gesagt, als eine vom Staat un- 
abhängige Tatsache entwickelt hat. Ließe sich demnach 
der Gegensatz des Staates gegen die Menge der Indivi- 
duen überhaupt nicht aufheben, so bliebe er allerdings 
gegen den Bestand und die Entwicklung derjenigen Tat- 
sache, welche die fortgesetzte Veräußerung der Freiheit 
und Gemeinschaft ist, machtlos. Aber in diesem Falle 
wäre der »freie Staat« überhaupt unmöglich, weil die 
Aufgabe der Restauration, durch welche der gegenwär- 
tige Charakter der Arbeitsteilung aufgehoben werden soll, 
eine positive und praktische, und zwar eine Aufgabe der 

59 



Gesamtpraxis ist, die den politischen Willen und 
seine konsequente Betätigung in Anspruch nimmt. 

Wir müssen also, um die Möglichkeit der Freiheit an- 
nehmen zu können, die Möglichkeit annehmen, daß sich 
der Gegensatz des Staates und der nur äußerlich zusam- 
mengehörigen Individuen stufenweise vermittelt und hebt, 
was nur dadurch geschehen kann, daß sich wirkliche Ge- 
meinschaften dem Staate entgegengestalten, und der poli- 
tische Wille durch seine konkrete Auseinandersetzung, 
indem ihn also die entstehenden Gemeinschaften an- und 
aufnehmen, zum faktischen Allgemeinwillen wird. In die- 
sem Vermittlungsprozesse bildet sich die Staatsform not- 
wendig um, und der Staatswille, der in die Gesellschaft 
eingreift und eintritt, indem er ihre Selbstgestaltung nor- 
miert, erhält seinen Inhalt — den Begriff des allgemein 
Notwendigen — an und aus den Gestaltungen, welche 
das bewußt und frei gewordene, von dem Zwange 
der Not sich ablösende Bedürfnis hervorbringt. Hierzu, 
d. h. um die Selbstgestaltung der Gesellschaft, die als 
zusammenhängende eine politische ist, einzuleiten, ist 
allerdings vor allen Dingen erforderlich, daß der Geist 
der Gemeinschaft erzeugt, die Entwürdigung, die in 
der Unfreiheit, der Individualitätslosigkeit der Betäti- 
gung liegt, zum Gefühl und zum Bewußtsein gebracht, 
der Trieb der selbständigen Gestaltung geweckt und ge- 
nährt wird, und wir haben von vornherein anzuerkennen, 
wie späterhin mit und nach Schiller zu beweisen, daß in 
dieser Richtung die Kunst, der Kunstgenuß und das 
Spiel im weitesten Sinne, insofern es einen ästhetischen 
Charakter erhält, eine wesentliche Wirksamkeit aus- 
üben können und müssen. Aber die Idee, die keinen 
Übergang zur Wirklichkeit findet, der Trieb, der nicht 

60 



zu ernster Betätigung gelangt, verkümmern und sterben 
ab, und wie das Ideal notwendig ist, um den Willen zu 
bestimmen, so kann es nur durch den Willen, der es zu 
verwirklichen strebt und den Widerspruch, in dem es zu 
den Zuständen steht, Schritt vor Schritt überwindet, leben- 
dig und wirksam erhalten werden. Daher findet die Selbst- 
gestaltung der einzelnen wie der Gesellschaft nicht statt, 
wenn sie nicht fortgesetzt stattfindet, d. h. so weit 
als möglich durchgesetzt, und wo sie unmittelbar her- 
gestellt werden kann, unmittelbar hergestellt wird; sie 
hat keine Zukunft ohne Gegenwart, und die Charakter- 
umbildung des Volkes, welche vor sich gehen soll, ohne 
daß die Unfreiheit, die in dem Zwange der Not und 
in dem Gegenüber des Staats und der Individuen ge- 
geben liegt, tatsächlich überwunden würde, ist eine Illu- 
sion. Der »freie Staat« muß seine Voraussetzungen schaf- 
fen, d. h. er ist insoweit frei, als er sie geschaffen hat 
und der pohtische Wille innerhalb der Gesellschaft 
wirksam ist. Deshalb können wir auch nicht zugeben, 
daß die Kunst ein vom politischen Willen schlechthin 
unabhängiger Faktor der Charakterbildung sein oder blei- 
ben soll. Denn der politische Wille, sofern er auf die 
Charakterbildung gerichtet ist, muß die entsprechende 
Wirkung der Kunst wollen, ja er muß den edlen Ge- 
nuß als solchen, d. h. ohne Reflexion auf einen wei- 
teren Zweck wollen, die Kunst aber, die zu ihren Wir- 
kungen der Mittel bedarf, verliert nichts und am aller- 
wenigsten die nötige Unabhängigkeit, wenn sie als 
öffentliche Angelegenheit betrachtet und behandelt wird, 
sie nimmt vielmehr erst dann die ihr gebührende Stel- 
lung ein. Diese Stellung hatte sie bei den Griechen — 
wozu wir nur an das Theater Athens zu erinnern brau- 

6i 



chen — und ein solches Verhältnis zum Staate hat mit 
dem Mäzenatentume und »augusteischen Zeitaltern« nichts 
zu tun. Aber allerdings können wir nicht von der Kunst 
fordern, daß sie ihre Unabhängigkeit dem behebigen, d. h- 
gerade bestehenden Staate preisgibt und ihm zu dienen 
sucht, sondern vielmehr vom Staate, daß er sich zu der 
Kunst in das rechte Verhältnis und diese in ihre Würde 
einsetzt, um ihre Wirkungen zu ermöglichen und ihren 
Ausartungen begegnen zu dürfen. 

i6. Wir haben oben bemerkt, daß sich Fichte, dessen 
Reden an die deutsche Nation das Gegenstück der 
Schillerschen Briefe abgeben, gegen den Zeitcharakter 
oder den Charakter der gegenwärtigen Zivilisation ebenso 
entschieden kritisch verhält wie Schiller. Die eine und 
die andere Kritik treffen darin zusammen, daß sie gegen 
die Selbstveräußerung der Individualität, wie sie durch 
die Zivilisation bedingt ist, gerichtet sind, und eine Bil- 
dung verlangen, welche die Ganzheit und Selbstheit der 
einzelnen rekonstituiert. Während aber Schiller die ein- 
seitige Ausbildung besonderer Fähigkeiten als Verküm- 
merungsgrund der Individualität hervorhebt, betont Fichte 
den Verlust des Selbst in der Mannigfaltigkeit äußerlich 
angebildeter und auf Äußerhches gerichteter Bedürfnisse; 
jener charakterisiert also den Schaden, welchen die Ar- 
beitsteilung als solche anrichtet, dieser negiert den »Vor- 
teil« einer allseitigen Befriedigung, den sie gewähren soll, 
indem er ihn als einen sittlichen Nachteil kennzeichnet. 
Entsprechend hat jener als das Mittel, um die Einseitig- 
keit der Betätigung aufzuheben, den ästhetischen Genuß 
und die ästhetische Bildung, dieser als Mittel, um die 
Bedürftigkeit zu überwinden, eine Erziehung im Auge, 
welche zur Selbstgenügsamkeit im Sinne des freudigen 

62 



und stolzen Entbehrens, zur Befriedigung am Selbsttun 
und zum Bewußtsein des Gemeinschaftszweckes bildet. 
Die Fichtesche Erziehung ist daher eine gemeinsame im 
strengsten Sinne und eine unmittelbar und einseitig vom 
Staate beherrschte und geordnete, also schlechthin poli- 
tische, während Schiller von. der faktischen Gemeinschaft 
durchweg absieht und den Staat als Faktor der Erziehung 
ausschließt. 

Schon aus diesen Andeutungen ist zu erkennen, wie 
sich der Schillersche und Fichtesche Gedanke ergänzen, 
worin also die Einseitigkeit des einen und des anderen 
liegt, und in wie weit sich diese Einseitigkeit in der 
Ergänzung aufhebt. Schiller akzentuiert die Wirkungen 
der Kunst und des ästhetischen Verhaltens, aus welchem 
er die Kunst entstehen und in welches er den Kunst- 
genuß auslaufen läßt, und um dies so entschieden wie 
möglich zu tun, abstrahiert er von der erziehlichen Wirk- 
samkeit des Staates im allgemeinen und von der allgemeinen 
Praxis der ausdrücklichen Erziehung insbesondere ; Fichte 
dagegen gelangt, indem er die Wirksamkeit des politi- 
schen Willens akzentuiert, zur Praxis der öffentlichen 
Erziehung, und abstrahiert hierbei insoweit von den Wir- 
kungen des Kunstwerks, als es nicht ein unmittelbar und 
selbsttätig dargestelltes, sondern ein zum Genüsse sich 
darbietendes ist. Beide setzen der Verderbnis der Zivili- 
sation, die sie gehoben wollen, ein Ideal gesunder und 
wahrhafter Kultur entgegen, dessen historische, also be- 
dingte Wirklichkeit sie im Griechentume finden, obgleich 
nur Schiller ausdrücklich auf dieses zurückgeht; das Schil- 
lersche Ideal aber entspricht mehr dem athenischen, das 
Fichtesche mehr dem spartanischen Griechentume, und 
während Schiller für die moderne Restauration der wahr- 

65 



haften und schönen Kuhur von der Nationalität absieht, 
stellt Fichte seine Aufgabe dem deutschen Volke, das er 
allein zu der schöpferischen Tat, die das Ideal in die 
Wirklichkeit übersetzt, befähigt findet. Er will aber die 
Verwirklichung des Ideals als unmittelbare, als eine Tat 
des politischen Willens, welche mit der Vergangenheit 
bricht und die Zukunft positiv gestaltet, indem sie diese 
Gestaltung von dem Scheinleben, das die Vergangenheit 
fortsetzt, und von allen Berührungen mit der Verderb- 
nis der Zivilisation abscheidet und absondert, während 
Schiller die Verwirklichung des Ideals vermitteln will, 
aber an die Möglichkeit glaubt, daß die hierzu nötige 
Charakterbildung trotz dem Fortbestande der Unfreiheit 
und Gemeinschaftslosigkeit stattfinden könne und diese 
Möglichkeit als Notwendigkeit setzt. Damit hängt zu- 
sammen, daß Schiller von der faktischen und praktischen 
Gemeinschaft abstrahiert, während Fichte in der durch- 
gesetzten Gemeinschaft die positive Möglichkeit erkennt, 
das Selbst wie zu reiner so zu potenzierter Darstellung 
zu bringen, weshalb er auch die Wirkungen der Arbeits- 
teilung nicht bloß »ausgleichen« will — eine Ausglei- 
chung, die in dem ästhetischen Verhalten liegt — son- 
dern eine von dem Zwecke der Gesellschaft und von 
der gegebenen individuellen Befähigung ausgehende 
Arbeitsteilung verlangt und darstellt. 

Hiernach geht Fichte um vieles weiter auf die Praxis 
ein, als Schiller; sein Ideal umfaßt die Existenz der 
Gesellschaft, sein Staat ist die durchgreifende Form dieser 
Existenz, seine Erziehung die direkte Restauration eines 
für die Freiheit und Gemeinschaft befähigten Geschlechtes, 
während Schiller der Philosophie und der Kunst — 
welche letztere er als die Vermittlerin zwischen dem 



04 



philosophischen Gedanken und dem unmittelbaren Be- 
dürfnis, welches die Empfänglichkeit für die Idee ver- 
deckt, darstellt — die Aufgabe zuweist, auf Geist und 
Gesinnung der Zeitgenossen fortgesetzt einzuwirken, 
um zunächst den Genuß zu veredeln, weiterhin aber 
die Charakterumbildung, die auf diesem, dem theoretischen 
Wege erzielt werden soll, als einen unter der Herrschaft 
des »barbarischen« Staates und bei der Fortdauer der 
Bedürfnisarbeit möglichen und notwendigen Vorgang faßt, 
und endlich die Gebiete des physischen, ästhetischen 
und morahschen Verhaltens auch da, wo die Freiheit 
möglich und wirklich geworden ist, in einer Geschieden- 
heit denkt, bei welcher das Mittelgebiet des ästhetischen 
Verhaltens das der faktischen Freiheit bleibt. Aber Fichte 
stellt seine praktischen Postulate als Philosoph dar, und 
zwar nicht als Geschichtsphilosoph: er setzt die Zukunft, 
die er will, der Vergangenheit, die er nicht will, unver- 
mittelt gegenüber; Schiller nimmt für die Wirklichkeit 
seines Ideals die allmählich entwickelte Fähigkeit, es dar- 
zustellen, also eine historische Vermittlung in An- 
spruch, obgleich er diese abstrakt, als eine von den histo- 
rischen Ereignissen und Taten wie von dem »mate- 
riellen Fortschritte« unabhängige faßt. Hieraus folgt, daß 
bei Schiller, welcher Geschichtschreiber und Geschichts- 
darsteller war, die pragmatische und die geschichts- 
philosophische Auffassung der Geschichte nicht zur 
Einheit gebracht sind, sondern eine gewisse Geschieden- 
heit behaupten, weshalb jener die Zusammenfassung, 
dieser die Auseinandersetzung fehlt, und die geschicht- 
liche Freiheit zu der geschichtlichen Notwendigkeit in 
kein Verhältnis gesetzt ist, — obgleich sich hierzu in den 
Dramen Schillers Ansätze finden, und der letzte und ent- 

Deinhardt, Schiller, c 

65 



schiedenste in der Braut von Messina — während Fichte 
den Begriff der Geschichte in dem des ausdrücklichen 
historischen Willens, den er nur als schwachen und 
starken, als beschränkten und durchgreifenden, als se- 
kundären und primären unterscheidet, aufgehen läßt, also 
die Verwandtschaft des Geschichtsprozesses mit dem Na- 
turprozesse, die Kohärenz des geschichtlichen Seins, die 
Bedeutung der gegebenen Zuständlichkeit und selbst die 
praktische Notwendigkeit historischer Vermittlungen ne- 
giert. So weit seine Geschichtsphilosophie reicht, 
weist Schiller die Vergleichung zwischen der Folge histo- 
rischer Zustände und den Abstufungen des Naturseins 
nicht ab, und liebt es, die menschheitliche mit der in- 
dividuellen Entwicklung in Parallele zu setzen, also jene 
unter anthropologische — das Wort im engeren Sinne 
genommen — und zwar unter vorherrschend psycho- 
logische Gesichtspunkte zu bringen, eine Neigung, wel- 
cher wir auch in den Briefen schon bisher begegnet 
sind und weiter begegnen werden; mit dieser Betrach- 
tungsweise aber verlegt er, so weit sie festgehalten ist, 
den Spielraum des historischen Willens auf die Ober- 
fläche der Geschichte, und will dann weiterhin die damit 
ausgesprochene Oberflächlichkeit durch den Umsatz 
des politischen in den pädagogischen Willen auf- 
gehoben, aber so, daß dieser Umsatz zugleich die ent- 
schiedene Ablösung ist, daß also der pädagogische Wille 
als unpolitischer in Wirksamkeit tritt. Dagegen wird 
von Fichte der politische in den pädagogischen Willen 
derartig umgesetzt, daß sich der Charakter des ersteren 
nicht nur behauptet, sondern durchsetzt, insofern er dar- 
auf ausgeht, das Gegenüber des Staates und der Ein- 
zelnen oder der Gesellschaft, welche die Gesamtheit der 

66 



Einzelnen ist, durch eine unmittelbare, positive und durch- 
greifende Neugestaltung aufzuheben — eine Neuge- 
staltung, für welche die aufwachsende Generation das 
»Material« abgeben und von welcher die das in der 
gegenwärtigen Zivilisation stehende und durch sie ver- 
derbte Geschlecht aus- und abgeschieden werden soll. 
Daß dieser praktische Wille im Sinne der unmittel- 
baren Praxis der gegebenen Gegenwart unpraktisch 
ist, d. h. der Bedingtheit der historischen Praxis 
widerstreitet und eine praktisch unmögliche Abstraktion 
von dem Bestände der Gesellschaft fordert, ist leicht 
zu begreifen, und zwar so leicht, daß sich Fichte die 
Bewußtlosigkeit darüber nicht zutrauen läßt. Das, worauf 
es ihm ankam, war eben der reine Ausdruck einer Not- 
wendigkeit, die allerdings besteht, weil sie im Begriff 
der öffentlichen Erziehung an sich liegt. Denn diese ist 
ohne ein Gesellschaftsideal, zu dessen Verwirklichung die 
aufwachsende Generation befähigt werden soll, prinzip- 
und zwecklos, die als Zweck gesetzte Befähigung aber 
kann nur durch die unmittelbare Darstellung des Ge- 
sellschaftsideals im Umkreise der Erziehung, so 
weit eine solche eben möglich ist, erreicht werden, und 
diese vorläufige Darstellung der Gesellschaft ist ohne 
eine gewisse Absonderung derselben — die gerade 
so weit gehen muß, als sie notwendig ist — nicht 
denkbar. 

Daher sind die Postulate Fichtes für die öffentliche 
oder allgemeine, die Nationalerziehung als im Begriff der 
Sache liegende vollberechtigt und nichts weniger als un- 
praktisch, sofern die allgemeine Erziehung als in sich 
zusammenhängende überhaupt möglich und die Ver- 
mittlung jedes praktischen Gedankens mit den ge- 

67 



gebenen Zuständen und Verhältnissen notwendig ist. 
Fichte sah von dieser Vermittlung als philosophischer 
Darsteller ab, wozu er in seinem Recht war, obgleich 
allerdings nicht zu leugnen ist, daß er sich schon als 
Philosoph gegen den Begriff der historischen Entwick- 
lung abstrakt verhielt, und daß eben deshalb das Ideal, 
dessen Verwirklichung er sich jedenfalls — zwar nicht 
als eine zeitlich unmittelbare — aber doch als eine 
der einfachen Willenskonsequenz mögliche dachte, 
in sich selbst ein einseitiges sein muß. Indem er wie die 
Gestaltlosigkeit so die Gestaltungen der zivilisierten Ge- 
sellschaft als Produkt der Bewußtlosigkeit auf der einen, 
der Selbstsucht, also der entarteten Selbstheit auf der 
anderen Seite schlechthin negiert, kann er der Freiheit 
der unmittelbaren Selbstgestaltung, |des historischen Wer- 
dens, welches für die befreiende und einigende Wirk- 
samkeit des politischen Willens die notwendige Voraus- 
setzung ist, nicht gerecht werden: er schneidet mit der 
Zufälligkeit konkreter Vereinigungen, um der Bewußt- 
losigkeit, der Selbstsucht und der willkürlichen Abson- 
derung keinen Raum zu lassen, die Entfaltungsfähigkeit 
der Gesellschaft ab, und beschränkt entsprechend, indem 
er das Verderben der Zivilisation in der Mannigfaltig- 
keit der Bedürfnisse und Befriedigungsmittel sieht und 
die Möglichkeit der Selbstveräußerung aufheben will, die 
Entfaltungsfähigkeit des Individuums. Dagegen verlangt 
Schiller, indem er dem politischen Willen das schöpfe- 
risch gestaltende Vermögen abspricht, die Freiwilligkeit 
der Vereinigung, obgleich er mit diesem Verlangen über 
den ästhetischen Staat im Staate nicht hinauskommt, und 
macht, während Fichte die Grenzen der notwendigen 
Befriedigung und Betätigung von vornherein setzen will 

68 



und deshalb bei der Notdurft stehen bleibt, den Über- 
fluß, und zwar zunächst den Überfluß des Stoffes, so- 
dann aber die überflüssige Betätigung, zur Voraussetzung 
der Freiheit, weil zur Voraussetzung des ästhetischen 
Verhaltens. Wir kommen auf diesen Punkt, also auf den 
Begriff^ des von Fichte negierten, von Schiller geforderten 
Luxus zurück, da Schiller auf denselben ziemlich weit- 
läufig eingeht, und seine kritische Bestimmung für die 
Nationalökonomie und die soziale Pädagogik wie für die 
Ästhetik gleich unerläßlich ist. Indessen haben wir schon 
jetzt zu bemerken, daß Schiller auf die Möglichkeit, d. h. 
auf die Bedingungen des von ihm verlangten Über- 
flusses nicht eingeht, und daß er, wenn er darauf ein- 
ginge, seine Forderung insoweit zurücknehmen müßte, 
als seine Kritik der gegenwärtigen Zivilisation berech- 
tigt ist. Fichte und Schiller ergänzen sich in Bezug 
auf diesen Punkt wie überhaupt mittels ihrer Einseitig- 
keit, d. h. sie stellen einen Gegensatz dar, der lösbar 
ist, aber ausdrücklich, und zwar durch die positive Fort- 
führung des ihnen gemeinsamen Gedankens gelöst wer- 
den muß. 

17. Indem Schiller darauf zurückkommt, daß »das 
jetzige Zeitalter, weit entfernt, uns diejenige Form der 
Menschheit aufzuweisen, welche als notwendige Be- 
dingung einer moralischen Staatsverbesserung erkannt 
worden ist, vielmehr das direkte Gegenteil davon zeige«, 
erklärt er »jeden Versuch einer solchen Staatsverände- 
rung so lange für unzeitig und jede darauf gegründete 
Hofi"nung so lange für chimärisch, bis die Trennung in 
dem inneren Menschen wieder aufgehoben und seine 
Natur vollständig genug entwickelt ist, um selbst die 
Künstlerin zu sein und der politischen Schöpfung der 

69 



Vernunft ihre Realität zu verbürgen«. Hierzu muß einer- 
seits der »Konflikt der Triebe beruhigt«, andrerseits »die 
Selbständigkeit des Charakters gesichert sein«, jenes, 
um die Mannigfaltigkeit, dieses, um die Einheit zulässig 
zu machen. Denn »wo der Naturmensch seine Willkür 
noch gesetzlos mißbraucht, da darf man ihm die Frei- 
heit kaum zeigen; wo der künstliche Mensch seine Frei- 
heit noch so wenig gebraucht, da darf man ihm seine 
Willkür nicht nehmen. Das Geschenk liberaler Grund- 
sätze wird Verräterei an dem Ganzen, wenn es sich zu 
einer noch gärenden Kraft gesellt und einer schon über- 
mächtigen Natur Verstärkung zusendet; das Gesetz der 
Übereinstimmung wird Tyrannei gegen das Individuum, 
wenn es sich mit einer schon herrschenden Schwäche 
und physischen Beschränkung verknüpft und so den 
letzten glimmenden Funken von Selbsttätigkeit und Eigen- 
tümlichkeit auslöscht«. Wir haben uns über die dua- 
listische Gegenüberstellung der niederen und höheren 
Klassen, die auch hier wieder hervortritt, schon ausge- 
sprochen; abgesehen indessen von den Einwendungen, 
die sich gegen die faktische Richtigkeit des Gegensatzes 
machen lassen und gemacht werden müssen, wäre die 
Aufgabe des Staates ihm gegenüber die Ausgleichung, 
und es ist klar, daß er zum Zwecke einer solchen die 
verschiedenen Klassen ungleich behandeln, nämlich bei 
den einen die Willkür, zu deren Unterdrückung das bis- 
herige Gesetz nicht genügte, noch strenger beschränken, 
bei den anderen aber entbinden müßte, und da er dies 
nicht kann, ohne den Gegensatz, den er ausgleichen will^ 
zu einem gefährlichen Bewußtsein zu bringen und durch 
das Mittel mit dem Zwecke in Widerspruch zu treten, 
so läge allerdings schon hierin der Beweis, daß er un- 

70 



fähig ist, die Voraussetzung seiner höheren Form, des 
»Vernunftstaates«, zu verwirklichen. Aber dieser Beweis 
ginge offenbar über sein Ziel hinaus, insofern er die 
Aufgabe der Ausgleichung festgehalten und einem vom 
Staate unabhängigen Faktor übertragen wissen will. Denn 
erstens könnte dieser Faktor als vom Staate unabhängiger 
und abgelöster die faktische Freiheit weder nehmen noch 
geben, weder beschränken noch ausdehnen, also nur die 
Tendenz der gesetzmäßigen Freiheit erzeugen, eine Ten- 
denz, welche entweder in das Genügen an der ideellen 
Befriedigung, also in die Resignation auslaufen oder sich 
gegen den Staat kehren und in das Verlangen der Staats- 
änderung umsetzen müßte, so daß im ersteren Falle der 
politische Wille nicht gebildet, im zweiten »verfrüht« 
entwickelt würde. Zweitens müßte die Wirksamkeit des- 
selben Faktors eine doppelte und verschiedenartige sein, 
gerade wie die des Staates, und zwar hätte er bei den 
»niederen« Klassen die Tendenz zur Gesetzmäßigkeit, bei 
den höheren die zur Freiheit, d. h. hier zur Natürlich- 
keit zu entwickeln, so daß es, wenn der unabhängig 
eintretende Faktor die Kunst sein soll, eine besondere 
Kunst für die niederen und eine andere für die höheren 
Klassen geben müßte, womit der Dualismus, welcher 
ausgeglichen werden soll, zunächst verschärft und die 
Teilnahme an demselben Genüsse, in welcher eine 
unmittelbare und sich von selbst fortsetzende Ausglei- 
chung liegt, welche die natürliche gegenüber der künst- 
lichen ist, ausgeschlossen wäre — ein Einwand gegen 
den Erfolg, den der Briefsteller späterhin allerdings, in- 
dem er auf die Wirkung der Schönheit eingeht, indirekt 
berücksichtigt, aber ohne ihn zu lösen, da er nur die 
ideelle Einheit, nicht die tatsächliche Gleichzeitigkeit der 

71 



schmelzenden und anspannenden Schönheitswirkung be- 
haupten will. Drittens endlich ist es jedenfalls schwer, 
in dem Menschen und in den Klassen, welche ihre na- 
türlichen Triebe durch den Staat eingeengt fühlen, das 
Bedürfnis der Gesetzmäßigkeit, in dem »künstlichen« 
Menschen oder in den Klassen, welche die Beschränkung 
der Triebe infolge ihrer Abschwächung nicht fühlen, 
das Bedürfnis der Freiheit durch die Stärkung der Triebe 
hervorzurufen ; diese Schwierigkeit aber wird erhöht, wenn 
zu dem Zwange des Staats der Zwang der Not, welche 
die »natürlichsten« Bedürfnisse immer wach erhält, wäh- 
rend sie die Arbeit zu einer periodisch angelegten Fessel 
macht, und zu der Schwäche der Triebe der Überfluß 
der Befriedigungsmittel kommt, der das Bedürfnis durch 
Überreizung erschöpft. Denn der nur beschwichtigte Trieb 
bedingt das Verlangen nach Ausschweifung, die Gebun- 
denheit der Kraft das Verlangen nach willkürlicher Be- 
tätigung, während die Schwäche, welche sich die gege- 
benen Lebensnormen aus Bequemlichkeit gefallen läßt, mit 
dem Überflusse nicht spielt, sondern durch ihn immer 
tiefer in die Passivität, welche das Verlangen von außen 
bestimmt will, hinabgedrückt wird. Aber der Zwang der 
Not und der Überfluß der Befriedigungsmittel sind nicht 
als ein »Hinzukommendes«, sondern vielmehr, so weit 
in der Tat die niederen Klassen die -Stärke des Natur- 
triebs und der Naturkraft, die höheren ihre Schwäche 
darstellen, als der Grund dieser Tatsache anzusehen, weil 
die Beschränkung auf das Notwendige, so weit sie nicht 
zur erschöpfenden Not wird. Trieb und Kraft zusammen- 
hält, der Überfluß, so weit er nicht Trieb und Kraft in 
natürlicher Richtung zum Übermaße steigert, sie im Raf- 
finement des Genusses sich verzehren läßt. 



72 



Hiernach hätte der vom Staate unabhängig wirkende 
Faktor, der zur gesetzmäßigen Freiheit und zur freien 
Gesetzmäßigkeit befähigen soll, um die Tendenz zu der- 
selben zu erzeugen, worauf sich seine Wirksamkeit be- 
schränken würde, vorerst die entgegengesetzten Ten- 
denzen, die sich aus den Zuständen ergeben, aufzu- 
heben, ohne diese Zustände ändern zu können; er hätte 
für eine Befriedigung zu gewinnen, zu welcher die Fähig- 
keit einerseits noch nicht entwickelt, andrerseits erdrückt 
und blasiert ist, ohne ein anderes Mittel als die Gewäh- 
rung eines Genusses, der verschmäht werden kann und 
verschmäht werden muß; er hätte seine Wirksamkeit dem 
unterschiedenen objektiven Bedürfnisse gemäß im Wider- 
spruche gegen die innere Bedingtheit seiner Leistungen 
zu teilen, wie es die entartete Kunst tut, welche den 
wechselnden und verschiedenartigen subjektiven Bedürf- 
nissen entgegenkommt, und hierbei die Wirkungen dieser 
Kunst zurückzudrängen und aufzuheben, also mit seiner 
eigenen Entartung zu kämpfen. Diese Schwierigkeiten, 
welche die Unmöglichkeit der Aufgabe begründen, sofern 
die Charakteristik des Zeitalters, welche der Briefsteller 
gibt, eine entschieden und unbedingt richtige ist, wer- 
den zwar weiterhin teilweise berührt und anerkannt, 
aber von einem so erhabenen Standpunkte, daß sie als 
von selbst verschwindende erscheinen, obgleich sie in 
der Tat nur durch die Konsequenz des wirklichen Wil- 
lens, der als einseitig ästhetischer gar nicht denkbar ist, 
überwunden werden können. Die Einheit des ästheti- 
schen, pädagogischen und politischen Willens ist für die 
Verwirklichung der wahrhaften Kultur in und aus der 
ZiviHsation eine Notwendigkeit, die Fichte energisch er- 
faßt und ausgesprochen hat, ohne jedoch dem Begriff des 

1} 



Ästhetischen und der Notwendigkeit ästhetischer Wir- 
kungen und ästhetischer Gestaltung gerecht zu werden. 
Diese Einheit aber würde ebenso wie die umbildende 
Wirksamkeit der Kunst als solcher ein bloßes Postulat 
bleiben, wenn nicht die gegenwärtige Zivilisation den 
Trieb der Neubildung in sich trüge und ihm entspre- 
chende Lebenselemente enthielte; Kräfte, welche sie ge- 
weckt hat, ohne sie zu zersplittern und aufzuzehren, und 
ein Material von Arbeits- und Bildungsmitteln, welches 
für die Gestaltung der freien Gemeinschaft nicht nur 
brauchbar, sondern notwendig ist. Beispielsweise ist zwar 
die heutige Naturwissenschaft zum großen Teil in einem 
materialistischen Seziereifer, den die Arbeitsteilung auf 
diesem Gebiete begünstigt, aufgegangen und einem Utili- 
tarismus, der die wesentlichen Bedürfnisse des Menschen 
aus den Augen verliert, dienstbar geworden, aber den- 
noch läßt sich in ihren Bestrebungen und Leistungen 
ein ästhetischer Zug zur Natur und Natürlichkeit nicht 
übersehen, während sie zugleich eine Herrschaft über die 
Natur begründet, welche als Basis einer höheren Kultur 
unerläßlich ist, obgleich sie zu einer solchen nur dann 
wird, wenn die auf die nächste Bedürfnisbefriedigung 
gierig und bewußtlos gerichtete, von sozialen und ästhe- 
tischen Gesichtspunkten abgelöste Ausbeutungssucht, die 
das soziale oder vielmehr antisoziale Ausbeutungssystem 
im Bereiche der Naturbenutzung beginnt und fortsetzt, 
zurücktritt, d. h. durch die soziale Arbeitsgestaltung 
überwunden wird. So dient auch das von der Gegen- 
wart herausgebildete Maschinenwesen — der Stolz des 
Jahrhunderts — vorläufig und tatsächlich keineswegs 
dazu, die Arbeit des Menschen zu entmechanisieren, ob- 
gleich dies oft genug behauptet wird, vielmehr setzt sich 

74 



mittels desselben die mechanische Arbeitsteilung und die 
Entwertung der Arbeitskräfte durch, aber dieses tatsächliche 
Resultat ist keineswegs das notwendige, und die Bestim- 
mung der Maschinen, die sich zunächst verkehrt, aller- 
dings die, der menschlichen Arbeit einen freieren Spiel- 
raum zu schaffen und in gewisser Weise den Sklaven- 
dienst, der bisher nur seine Form verändert hat, zu 
ersetzen. 

i8. In der früheren Behauptung Schillers, daß in der 
zivilisierten Arbeitsteilung die Gattung gewonnen, das 
Individuum aber verloren habe, ist die moderne Zivili- 
sation als eine Übergangsstufe anerkannt und als die 
Aufgabe der Zukunft ausgesprochen, den Gewinn der 
Gattung, der allerdings zum Teil schon an sich nur 
Scheingewinn ist, zum Gewinn der Individuen zu ma- 
chen. Dennoch spricht Schiller dem Zeitalter die poli- 
tische Fähigkeit auf Jahrhunderte ab und verlangt sie 
durch die ästhetische Fähigkeit begründet, während Fichte, 
welcher die Berechtigung der modernen ZiviHsation einsei- 
tiger und entschiedener negiert, den politischen und päda- 
gogischen Willen unmittelbar in Anspruch nimmt, ohne 
seinerseits ihr Vorhandensein voraussetzen zu können, 
ein Widerspruch, über den er dadurch hinauszukommen 
sucht, daß er die Zivilisation, wie sie ist, als eine dem 
Wesen des deutschen Volkes äußerliche und fremd- 
artige, dieses Wesen aber als ein nur zurückgedrängtes 
und verdecktes, also nur der Befreiung bedürftiges be- 
trachtet. Diese Anschauungsweise dürfen wir allerdings 
nicht schlechthin unberechtigt finden, müssen vielmehr 
anerkennen und hervorheben, daß das deutsche Volk, um 
der Träger der Kultur zu sein, wozu es bestimmt ist, 
seine Originalität wieder zu gewinnen und geltend 

75 



zu machen, also sich von der Nachahmungssucht, mit 
der es das Fremde annimmt und den »Fortschritt« auf 
den betretenen Wegen sucht, gründlich befreien muß. 
Aber wie es offenbar einseitig ist, die moderne ZiviHsa- 
tion als eine für das deutsche Volk durchaus fremdartige, 
ihm oktroyierte oder von ihm angenommene anzusehen, 
folgUch ihm die Teilnahme an der Entwicklung und Aus- 
prägung derselben abzusprechen, so kann einem inner- 
lich gebliebenen Wesen, wie es das deutsche sein 
soll, nur ein unbestimmtes Vermögen, es können ihm 
aber nicht bestimmte Fähigkeiten zugesprochen werden, 
wie sie Fichte zur praktischen Darstellung seines Staats- 
und Erziehungideales beanspruchen muß. Dagegen hätte 
Schiller, da er in der Zivihsation einen Gewinn für die 
Gattung erwachsen sieht, der doch unmöglich ein den 
Individuen schlechthin jenseitiger geblieben sein kann, 
das Vorhandensein der politischen und pädagogischen 
wie der ästhetischen Fähigkeit bis zu einem gewissen 
Grade voraussetzen können; ;er tut es aber nicht, weil 
es ihm darauf ankommt, die Kunst als den eigentlichen 
und einzigen Faktor für die Restauration des Menschen- 
tums, die Herstellung der Individuahtät zu erklären, 
also die Mitwirkung der unästhetischen Zustandsfaktoren 
abzuweisen und für die historische Wirksamkeit der Kunst 
die höchste Freiheit, die Erhabenheit über zeitliche wie 
über moralische Zwecke zu beanspruchen, d. h. nach- 
dem er ihren Zweck gesetzt hat, ihre Zwecklosigkeit als 
notwendig zu behaupten. Seine Absicht ist, die geschicht- 
liche Aufgabe der Kunst, also auch ihr Verhältnis zum 
Staate festzustellen, aber für dieses Verhältnis ihre Un- 
abhängigkeit in Anspruch zu nehmen, und ihr Gebiet 
als das des ruhigen Schaffens gegen die Unruhe der Zeit, 

76 



den Wechsel der Tagesinteressen und das Wogen der 
politischen Bewegung abzugrenzen. Dieser Absicht ent- 
spricht, bedingt und bedingend, die Resignation, mit 
welcher er den politischen Veränderungen der Zukunft 
entgegensieht und ihren Verlauf formuliert, während 
Fichte, von dieser Resignation weit entfernt, eine ent- 
scheidende Bewegung hofft und seinerseits — durch die 
Tat des Wortes — hervorrufen will. 

Nach Schiller wird »mehr als ein Jahrhundert« ver- 
gehen, ehe sich »der Charakter der Zeit von seiner tiefen 
Entwürdigung aufrichtet, dort der blinden Gewalt der 
Natur entzieht und hier zu ihrer Einfalt, Wahrheit und 
Fülle zurückkehrt«, wie es für die Möglichkeit und den 
Bestand eines freien Staatswesens die unerläßliche Vor- 
aussetzung ist. Unterdessen wird die politische Bewe- 
gung auf einen resultatlosen ^Wechsel, den die entschie- 
dene Despotie schließt, hinauslaufen. »Von der Freiheit 
erschreckt, die in ihren ersten Versuchen sich immer als 
Feindin ankündigt, wird man dort sich einer bequemen 
Knechtschaft in die Arme werfen, und hier, von einer 
pedantischen Kuratel zur Verzweiflung gebracht, in die 
wilde Ungebundenheit des Naturzustandes entspringen. 
Die Usurpation wird sich auf die Schwachheit der mensch- 
lichen Natur, die Insurrektion auf die Würde derselben 
berufen, bis endlich die große Beherrscherin aller mensch- 
lichen Dinge, die blinde Stärke, dazwischen tritt, und 
den vergeblichen Streit der Prinzipien wie einen ge- 
meinen Faustkampf entscheidet«. Was aber dann, wenn 
der durch blind gehorchende Massen und gewissenlose 
Schlauheit — denn diese ist ein unentbehrlicher Faktor 
für die Begründung der Gewaltherrschaft — übermäch- 
tige Despotismus »Ruhe geschafft hat« ? Diese Ruhe 

77 



könnte unmöglich eine dauernde sein, wenn bis dahin 
der Prozeß der Charakterumbildung trotz der politischen 
Bewegungen und Wandlungen vorgeschritten wäre; hätte 
dies aber nicht stattgefunden, so läßt sich unmöglich 
annehmen, daß unter der Herrschaft der rohen und raf- 
finierten Gewalt und bei der Ruhe, welche durch sie 
geschaffen wäre, eine zuvor gehemmte Entwicklung Platz 
greifen würde. Sonach würde, wenn die politische Be- 
wegung in der Tat eine zweck- und resultatlose wäre, 
und durch ' das Eintreten der Gewalt beendet werden 
müßte, nach Ablauf des »Jahrhunderts« die Möglichkeit 
eines freien Staatswesens nicht näher, sondern ferner ge- 
rückt sein. Dies gilt auch für den Fall, daß unter dem 
Siege der »blinden Stärke« nicht der Sieg des Despo- 
tismus mittels blind folgender Massen, sondern der 
Sieg dieser Massen als solcher, d. h. als entbundener 
zu verstehen wäre, da eine solche »Entscheidung« nur 
der Anfang chaotischer Kämpfe sein könnte und diese 
wiederum im Despotismus ihr Ende finden müßten. So- 
nach bleibt das voraussichtliche Ende die starre Ruhe 
des Despotismus, mit welcher die Geschichte und ihre 
Bildungen mehr als bloß »vertagt« sind, oder es handelt 
sich bloß um eine Ruhepause, welche neue und här- 
tere, aber entscheidende Kämpfe einleiten, und zwar 
deshalb einleiten müßte, weil sie die Position des äußer- 
sten Gegensatzes zwischen dem politischen Zustande 
und der politischen Fähigkeit wäre, und weil, wenn 
dieser Gegensatz in der Tat vorhanden ist, der Kampf, 
zu welchem sich die entgegengesetzten Kräfte in der 
Zwischenzeit der Ruhe spannen, nur mit dem vollstän- 
digen Siege der einen oder der anderen Macht, des or- 
ganisierten Despotismus oder des organisierten Volkes 

78 



endigen könnte. Die Notwendigkeit des Befreiungskamp- 
fes ist demnach in keiner Weise zu umgehen, und die 
Vorstellung, daß sich der Übergang zu dem freien Staats- 
wesen, nachdem die Befähigung zu demselben durch 
einen relativ innerhchen, also unpolitischen Umwand- 
lungsprozeß hergestellt sei, »von selbst« machen werde, 
eine Illusion. 

Wollen wir an die Zukunft der Freiheit glauben, so 
müssen wir zunächst annehmen, daß die politische Fähig- 
keit sich trotz der politischen Bewegung entwickelt — 
weil ohnedem der endhche Sieg der »blinden Stärke« das 
Ende schlechthin wäre — und sodann, daß sie sich in 
und mittels der politischen Bewegung entwickelt, 
weil diese Bewegung als zweck- und resultatlose nicht 
nur einen unersetzlichen Kraftverlust bedingen, sondern 
auch die Freiheitstendenz erschöpfen, d. h. eine Ermü- 
dung hervorbringen und einer Resignation Raum schaffen 
würde, welche dem inneren Umwandlungsprozesse nichts 
weniger als günstig sind, sondern ihn im Gegenteile not- 
wendig ermatten lassen. Wenn also dem Briefsteller die 
politische Bewegung nur als resultatlose, als ein un- 
fruchtbarer Wechsel zwischen Usurpation und Insurrek- 
tion möglich erscheint, so reicht seine Resignation 
weiter als sie es soll, und würde, insofern er sie nicht 
positiv fordert, sondern den Kreislauf der politischen Be- 
wegung als unvermeidhch ansieht, nur mit der Erschöp- 
fung dieses fruchtlosen Kreislaufes allgemein werden, 
aber als allgemeine keine Krafterhöhung, sondern eine 
Abschwächung ausdrücken. Würde dagegen von dem 
Briefsteller die positive Resignation, d. h. der aus- 
drückliche Widerstand gegen die politische Bewegung 
gefordert, so wäre damit eine politische Tätigkeit ver- 

79 



langt, die als einseitig reaktionäre für die Zukunft der 
Freiheit unmöglich förderlich sein könnte. Sie müßte also 
über die einfache Negation der fruchtlosen politischen Be- 
wegung hinausgehen, d. h. die fruchtlose in eine frucht- 
bare Bewegung umzusetzen streben, folglich eine posi- 
tive politische Tätigkeit sein. Wenn sich daher der 
Briefsteller einfach »prophetisch« verhält, so prophezeit 
er die Unmöglichkeit der Freiheit; nimmt er aber den 
Willen in Anspruch, der sich gegen die nutzlose Staats- 
veränderung spannt, so dürfte er nicht die Abstraktion 
von der politischen Bewegung, sondern müßte die Teil- 
nahme an derselben, obgleich eine Teilnahme, die ihren 
Charakter ändert, fordern. Was der Briefsteller für die 
Zukunft in Aussicht stellt, ist der Verlauf der französi- 
schen Revolution, welchen er vor sich hatte, und der 
sich allerdings in unserem Zeitalter, dem der Revolu- 
tionen und Reaktionen, mehrfach, ^wenn auch immer 
modifiziert, wiederholt hat. Insofern aber die politische 
Bewegung der Gegenwart eine unfruchtbare ist, liegt 
der Grund dieser Unfruchtbarkeit in dem tatsächli- 
chen Gegenüber des formenden Staates und der form- 
losen Masse, und in dem Staatsbegriffe, der dieser 
Tatsache entspricht, in der theoretischen Gegenüberstel- 
lung des Staates und der Einzelnen, welche als solche 
den Staat »bilden« sollen. 

Hiernach kommt es für eine fruchtbare, d. h. gestal- 
tende politische Tätigkeit darauf an, das theoretische und 
das tatsächliche Gegenüber des Staates und der Indivi- 
duen durch eine positive Vermittlung, welche die Tätig- 
keit der Einzelnen schlechthin zu einer politischen, weil 
auf die Gemeinschaft bezogenen macht und den Staats- 
zweck b i s zum Zwecke der individuellen Befriedigung 

80 



auseinandersetzt, zu überwinden. Da nun der Briefsteller 
auf diese Vermittlung nicht eingeht, sondern das Gegen- 
über des Staates und der Individuen festhält, so muß er, 
da er die notwendige Folge des ungelösten Gegensatzes 
wohl erkennt, diese Folge als eine unbedingte Not- 
wendigkeit aussprechen und die Abstraktion von dem 
politischen Interesse und der politischen Tätigkeit zum 
Zwecke einer unpolitischen Vermittlung der politi- 
schen Fähigkeit verlangen — ein Verlangen, das auf 
eine Unmöglichkeit hinausläuft, weil jede Fähigkeit nur 
durch ihre Betätigung entwickelt werden kann. Dem- 
nach zerstört der Briefsteller die Illusion, welche die Tat- 
sache der Revolution umgibt, ohne doch über ihr Prinzip, 
den antisozialen StaatsbegrifF hinauszukommen, und setzt 
an die Stelle der Unmöglichkeit, auf dem Wege der Re- 
volution und Reaktion zur Freiheit zu gelangen, eine 
andere Unmöglichkeit — die einer politischen Inter- 
esse- und Tatlosigkeit, welche mit dem Zwecke, die poh- 
tische Fähigkeit zu entwickeln, zusammen bestehen, einer 
Jahrhunderte dauernden Resignation, bei welcher sich die 
Tendenz zur Freiheit erhalten soll. 

19. Wenn der Briefsteller weiterhin ausführt, daß sich 
das Bestehende, obgleich seine WidernatürHchkeit und 
Unvernünftigkeit zur Genüge erkannt sei, erhalte und 
höchstens die Form wechsle, und daß dies nur an dem 
Mangel des guten und entschiedenen Willens — was 
wir heutzutage Gesinnungsmangel zu nennen pflegen — 
liegen könne, so müssen wir ihm insofern beistimmen, 
als mit der kritischen Einsicht in die Widervernünftig- 
keit der Zustände der Wille einer tatsächhchen Umge- 
staltung derselben allerdings nicht gegeben ist, und nicht 
gegeben sein kann, weil der Wille, um seinen Begriff 

Deinhard't, Schiller. 6 

81 



zu erfüllen, einen positiven Inhalt verlangt. Ohne 
einen solchen, d. h. ohne ein Ideal, das zu der Be- 
dingtheit der historischen Existenz in ein bestimmtes 
♦ Verhältnis gesetzt, dessen Verwirklichungsfähigkeit dem- 
nach erkannt ist, kann zwar das Genügen am Spiele der 
Kritik in die Leidenschaft der tatsächlichen Negation 
umschlagen, diese Leidenschaft aber muß sich erschöpfen 
und in das Spiel mit der Resignation übergehen, da 
die Auflösung der gegebenen Staats- und Gesellschafts- 
formen, wenn sie nicht ein bindendes und gestaltendes 
Prinzip hinter sich, wenn sich also die Freiheitstendenz 
nicht als solche zur Gemeinschaftstendenz bestimmt hat, 
den vom Briefsteller früher charakterisierten, ermüden- 
den Wechsel bedingt. Der Grund der Willenshalbheit 
ist daher zunächst die Halbheit des Gedankens, dessen 
»Negation« trotz des Scheines der Entschiedenheit, den 
ihm sein abstrakter Charakter leiht, eine oberflächliche 
bleibt, weil ihm die »Position«, und zwar die Position 
eines Ideales fehlt, welches die realen Bedingungen 
seiner VerwirkHchung einschließt. Weiterhin aber 
muß der Gedanke, in und mit welchem der gestaltungs- 
kräftige Wille gegeben sein soll, ein relativ allgemei- 
ner geworden sein — da ohnedies die aufgelösten Ele- 
mente eine Masse darstellen, welche, insofern sie zur 
Aktivität übergehen will, zur Passivität mehr oder we- 
niger gewaltsam zurückgedrängt werden muß, sobald 
sie aber ihre Willenlosigkeit fühlt, in die gewohnte 
Gebundenheit zurücktritt und die Fähigkeit des passiven 
Widerstandes damit wieder erlangt — er kann aber zu 
einem allgemeinen nur dadurch werden, daß er zu einer 
vorläufigen, aber umfassenden Verwirklichung, also 
zu einer lebendigen und konkreten Darstellung, welche 

82 



seine Verwirklichungsfähigkeit bewährt und begründet, 
ausdrücklich gebracht wird. Damit ist wiederholt die 
Notwendigkeit einer allgemeinen Erziehung ausgespro- 
chen, und zwar einer Erziehung, welche die werdende 
und zu gestaltende Gesellschaft im voraus allseitig 
darstellt. Eine solche Erziehung kann nicht auf eine ein- 
seitige »Verstandeskultur« hinauslaufen, weil in ihr einer- 
seits die verschiedenartigen Volkstätigkeiten, welche ver- 
schiedenartige Vermögen in Anspruch nehmen, als un- 
mittelbar zusammengreifende vertreten sein müssen, und 
weil sie andrerseits die Aufgabe hat, den »Geist« der 
Gemeinschaft nicht nur theoretisch, sondern auch, und 
zwar hauptsächlich, praktisch, d. h. indem sie wirkliche 
Gemeinschaften gestaltet, herauszubilden. Dagegen muß 
eine Erziehung, welche von dieser Aufgabe wie von 
der pädagogischen Entwicklung der Arbeitsfähigkeit als 
solcher absieht, trotz aller Einwirkungen auf das »Ge- 
müt«, die sie versuchen möchte, in der einseitigen Ver- 
standeskultur stecken bleiben, weil einerseits das Ver- 
standesvermögen die schlechthin allgemeine Befähigung 
zu allen Geschäften und Tätigkeiten ausdrückt, folg- 
lich die Ausbildung desselben unbedingt erforderlich ist 
und nicht nur zu genügen scheint, sondern teilweise 
auch wirklich genügt oder vielmehr die Überlegenheit 
des einen über den anderen begründet, sofern nur 
das objektive Ergebnis der Arbeiten und Geschäfte und 
nebenbei oder auch nicht nebenbei der daraus ent- 
springende Erwerbsgewinn in Betracht gezogen wird, 
andrerseits die Bildung des Gemüts in der Bildung 
der Neigungen besteht, und diese nur in und mittels 
einer zweckentsprechenden Lebensregelung, welche die 
Arbeit und den Genuß umfaßt, positiv entwickelt und 

83 



gestaltet werden können, während eine einseitig negative 
Disziplin die versteckte Willkür und die geheime Aus- 
schweifung notwendig erzeugt, und die einseitig theore- 
tische Einwirkung, statt das Gefühl zu kräftigen, es durch 
momentane Erregungen und verfrühte Reflexionen blasiert. 
Die einseitige Verstandeskultur aber, die als gleiche 
der Allgemeinheit widerstrebt, an welcher also die ver- 
schiedenen Gesellschaftsklassen nur gradweise teilnehmen 
können, schheßt an sich, nach dem früher Gesagten, 
das Unvermögen der idealen Gesellschaftsgestal- 
tung ein, wie sie selbstverständlich weder die allgemeine 
oder ideale Individualität verwirklicht, noch der gege- 
benen Bestimmtheit und Bestimmung der »empirischen« 
oder besonderen Individualität gerecht wird. Sie läßt das 
individuelle und soziale Vermögen nach der Seite der 
konkreten Selbstdarstellung unentwickelt und formlos, 
ohne damit das Erkenntnisvermögen zu einer höheren 
Potenz zu erheben, indem vielmehr die vorzeitige »Un- 
sinnlichkeit des Denkens« und das 'einseitige theore- 
tische Verhalten schlechthin den Erkenntnistrieb, inso- 
fern dieser mit dem Wahrheitssinne eins ist, abschwächt 
und "die Erkenntnisfähigkeit trotz oder wegen der Ver- 
vielfältigung der Erkenntnisgegenstände beschränkt. 
Wie" demnach die Halbheit des Willens in der Halbheit 
des Gedankens, so ist umgekehrt die Selbstgenügsam- 
keit des beschränkten Gedankens in derjenigen Willens- 
schwäche begründet, welche zunächst mit der Schwäche 
des »physischen« Vermögens und sodann mit der Un- 
fähigkeit der konkreten Selbstdarstellung genau zusam- 
menhängt, d. h. durch sie bedingt ist. Wir müssen daher 
dem Briefsteller beistimmen, wenn er sagt: »Nicht ge- 
nug, daß alle Aufklärung des Verstandes nur insofern 

84 



Achtung verdient, als sie auf den Charakter zurückfließt; 
sie geht auch gewissermaßen von dem Charakter aus, 
weil der Weg zu dem Kopf durch das Herz muß ge- 
öffnet werden. Ausbildung des Empfindungsvermögens 
ist also das dringendere Bedürfnis der Zeit, nicht bloß, 
weil sie ein Mittel wird, die verbesserte Einsicht für das 
Leben wirksam zu machen, sondern selbst darum, weil 
sie zur Verbesserung der Einsicht erweckt.« Aber die 
Ausbildung des Empfindungsvermögens, welche zugleich 
Charakterausbildung sein und, allgemein ausgedrückt, die 
Ganzheit der menschlichen Natur verwirkhchen soll, kann 
nicht durch sporadische Einwirkungen und Betätigungen, 
sondern nur dadurch als nachhaltige erreicht werden, daß 
der werdende Mensch in einen lebendig gestalteten Kreis 
sittlicher Beziehungen hineingestellt sich allseitig zu be- 
tätigen hat und seine individuelle Ganzheit und Selbst- 
heit nicht nur im Genüsse zu »restaurieren«, sondern 
auch in der Arbeit zu behaupten und zu realisieren 
lernt. 

Indem wir daher mit Schiller die notwendige Erzie- 
hung die ästhetische nennen — denn in dem »Ästheti- 
schen« liegt die Forderung der Ganzheit und Harmonie 
— verlangen wir, daß die ästhetische Erziehung als all- 
gemeine durchgesetzt werde, was durch ästhetische 
»Einflüsse« und durch ästhetische Bildungsmittel, deren 
Wirksamkeit eine beiläufige ist, weil sie nicht den gan- 
zen Erziehungszweck ausdrücken und zu der Gesamtheit 
der Erziehungsmittel kein notwendiges Verhältnis haben, 
nicht geschieht. Auf die von dem Briefsteller früher 
aufgeworfene Frage, woran es liegt, daß wir, trotz der 
»Triumphe« der Vernuntt, »noch immer Barbaren 
sind«, ist zu antworten, weil es uns zwar nicht an 

85 



ästhetischen Einwirkungen und Bildungsmitteln, aber an 
der ästhetischen Erziehung fehlt, ohne welche die 
Zivilisation eine verfeinerte Barbarei bleibt und wird. 
Sporadische ästhetische Einwirkungen, die neben einer 
abgestuften Verstandeskultur hergehen, deren »Mehr« und 
»Weniger« durch die gegebenen Verhältnisse bedingt ist, 
sind gegenüber den Ausartungstendenzen der Zivilisation 
nicht nur machtlos, sondern denselben förderUch, und 
lassen unter anderem auch den Dualismus der höheren 
und niederen Klassen, auf den der Briefsteller gerade 
hier wieder zurückkommt, nicht nur bestehen, son- 
dern dienen zu seiner Verschärfung. Indem der Brief- 
steller die zahlreicheren niederen Klassen wegen ihrer 
Unterwürfigkeit unter die gegebenen Zustände durch den 
Kampf mit der Not entschuldigt, die »besser situier- 
ten«, vom Joch der Bedürfnisse freien aber um so ent- 
schiedener anklagt, gesteht er indirekt ein, daß die 
Empfänglichkeit für ästhetische Einwirkungen als 
nachhaltige fehlt, während es doch an solchen Einwir- 
kungen selbst zu keiner Zeit gefehlt hat, und der Brief- 
steller die Kunst seiner Zeit als eine vom Ideal schlecht- 
hin abgefallene zu bezeichnen kein Recht hatte, so daß 
die Frage, wie die fehlende Empfänglichkeit erzeugt wer- 
den soll, zurückbleibt. Wenn aber die Empfänglich- 
keit für ideale Kunstwirkungen, die mit der Fähigkeit 
sich von den Fesseln Vernunft- und naturwidriger Ge- 
wohnheiten frei zu machen, innig zusammenhängen soll 
und wirklich zusammenhängt, mit der Freiheit »vom 
Joch der Bedürfnisse«, dem äußerlich erlangten, aus- 
reichenden oder überflüssigen Mittelbesitze nicht an sich 
gegeben ist, so ist die Anklage gegen die höheren Ge- 
sellschaftsklassen insoweit ungerecht, als die Fähigkeit 

S6 



zu dem »höheren«, dem Kunstgenüsse, einer ausdrück- 
lichen Bildung bedarf, und als bei einer schon vorge- 
schrittenen Zivilisation die Freiheit vom »Zwang der Be- 
dürfnisse« sich unmittelbar durch das Raffinement der- 
selben aufhebt — ein Ergebnis, das die bemittelten 
Klassen nicht verschulden, wenn ihre Schuld nicht 
schon darin besteht, daß sie die unbemittelte Menge für 
ihre Befriedigung arbeiten lassen. Das Raffinement der 
Bedürfnisse steht der Fähigkeit zum höheren Genuß so 
entschieden entgegen wie der Kampf um das Notdürf- 
tige, und entwickelt sich mit zwingender Notwendigkeit 
— den Kunsttrieb verfälschend und die Kunst in ihren 
Dienst ziehend — , wo bei dem Überflusse der Mittel 
die wahrhafte ästhetische Bildung, die diesen Überfluß 
in der umfassenden Herstellung einer schönen Exi- 
stenzform aufheben müßte, fehlt. Dieser Mangel aber 
liegt so tief begründet, daß alle Faktoren der histori- 
schen Gestaltung zusammenwirken müssen, um ihn zu 
überwinden, d. h. die Erziehung, deren Notwendigkeit 
wir ausgesprochen haben, zu verwirklichen. 

20. Indem der Briefsteller an seinem nächsten Ziele, 
als das vom Staat unabhängige »Werkzeug« der Cha- 
rakterveredlung, die schöne Kunst zu erklären, an- 
gekommen ist, hat er sogleich die Unabhängigkeit der 
Kunst als Unabhängigkeit des Künstlers zu bestimmen, 
d. h. zu verlangen. Der Künstler soll außer dem Staate 
und über seinem Zeitalter stehen, um statt des Zöglings 
der Erzieher desselben sein zu können. Dagegen müssen 
wir jetzt in dem Wege, den der Briefsteller gegangen 
ist, um die Notwendigkeit der ästhetischen Erziehung zu 
beweisen, einen Umweg sehen, der ihn zu weit und da- 
her nicht weit genug führt. Wie die Notwendigkeit der 

87 



Erziehung aus der Natur des Menschen, die sich selbst 
ausdrückhch verwirklichen und die seinem Wesen ent- 
sprechende Existenzform — welche notwendig eine so- 
ziale ist — schaffen muß, so folgt die Notwendigkeit 
der ästhetischen Erziehung daraus, daß in der sozialen 
Existenzform die Individualität nicht verloren gehen darf, 
sondern zu vermittelter Darstellung und Verwirklichung 
kommen muß — eine Aufgabe, die negativ ausgedrückt 
die ästhetische Erziehung allerdings zu einem unerläß- 
lichen Korrektiv der mit der zivilisierten Gesellschaft 
gegebenen Arbeitsteilung macht. Indem aber der Brief- 
steller die Notwendigkeit der ästhetischen Erziehung mög- 
lichst nachdrücklich herausstellen will, negiert er nicht 
nur den Erfolg formeller Staatsveränderungen, sondern 
auch die erziehliche Wirksamkeit des Staates schlecht- 
hin, und nötigt sich hierdurch, den Begriff der Erziehung 
— deren Organisation ohne den politischen Willen 
nicht denkbar ist — in dem Begriffe der ästhetischen 
Einwirkung, die eine erziehliche sein soll, ohne einen 
erziehlichen Zweck zu verfolgen, aufgehenzulassen. 
Damit ist die Aufgabe der ästhetischen Erziehung aus 
dem Bereiche der Praxis in das der freien Kunst zu- 
rückgenommen, und der Briefsteller hat die Freiheit der 
Kunst und der Künstler in einem »verderbten« Zeitalter 
und von der Verderbnis desselben als möglich und not- 
wendig zu erklären. Diese Erklärung aber läuft auf das 
Verlangen der künstlerischen Freiheit und Erhabenheit 
und auf eine Schilderung derselben hinaus, die als solche 
einen begeisternden Eindruck nicht verfehlen, aber Fra- 
gen, wie wir sie schon angedeutet, welche sich auf die 
Bedingtheit der Kunstwirkung beziehen, nicht unter- 
drücken kann, sondern vielmehr anregt. Wenn der Brief- 

88 



steller sagt, daß »die Kunst wie die Wissenschaft sich 
einer absoluten Immunität von der Willkür der Men- 
schen erfreuen«, daß »der politische Gesetzgeber ihr Ge- 
biet sperren, aber nicht darin herrschen kann«, daß zwar 
»beide dem Geiste des Zeitalters zu huldigen pflegen« 
und dessen Charakter zeigen, Wahrheit und Schönheit 
aber, »in die Tiefen gemeiner Menschheit hinabgetaucht, 
sich immer wieder siegend emporringen«, so ist damit nur 
ausgesprochen, daß die Idee und das Ideal in dem Strome 
der Zeiten nicht versinken, sondern von demselben weiter- 
getragen werden, aber weder, daß sie das Geschlecht zu 
jeder Zeit selbständig zu erzeugen vermag und wirk- 
lich erzeugt, noch daß die historische Wirklichkeit von 
ihnen bestimmt wird, daß sie also für den Zeitcha- 
rakter, den sie immer teilweise darstellen, zugleich ein 
formender Faktor sind. Als einen solchen sie zu for- 
dern liegt zwar in der Tendenz des Briefstellers und 
ist der Zweck seiner früheren wie der noch folgenden 
Auseinandersetzungen; er appelliert aber auch später- 
hin, historischen Einwänden gegen seinen Beweiszweck, 
die er anführt, gegenüber nicht an die historische Er- 
fahrung, sondern vielmehr von dieser an den »Vernunft- 
begriff« der Schönheit, und seine Forderung bezieht sich 
auf eine Zukunft, die er ausdrücklich unbestimmt läßt, 
wie wir sogleich sehen werden. Zunächst charakterisiert 
er den Künstler, den er verlangt, welcher die Kunst nicht 
erniedrigt, indem er sie dem Geschmacke der Zeitge- 
nossen anpaßt, sondern diese zu ihr erhebt, mit folgen- 
den Worten, die eine der schönsten Stellen der Briefe 
abgeben : »Der Künstler ist zwar der Sohn seiner Zeit, 
aber schlimm für ihn, wenn er zugleich ihr Zögling oder 
gar noch ihr Günstling ist. Eine wohltätige Gottheit 

89 



reiße den Säugling beizeiten von seiner Mutter Brust, 
nähre ihn mit der Milch eines besseren Alters und lasse 
ihn unter fernem griechischem Himmel zur Mündigkeit 
reifen. Wenn er dann Mann geworden, so kehre er, eine 
fremde Gestalt, in sein Jahrhundert zurück, aber nicht, 
um es mit seiner Erscheinung zu erfreuen, sondern furcht- 
bar, wie Agamemnons Sohn, um es zu reinigen. Den 
Stoff zwar wird er von der Gegenwart nehmen, aber die 
Form von einer edleren Zeit, ja jenseits aller Zeit, von 
der absoluten unwandelbaren Einheit seines Wesens ent- 
lehnen. Hier, aus dem reinen Äther seiner dämonischen 
Natur rinnt die Quelle der Schönheit herab, unangesteckt 
von der Verderbnis der Geschlechter und Zeiten, welche 
tief unter ihr in trüben Strudeln sich wälzen. Seinen Stoff 
kann die Laune entehren, wie sie ihn geadelt hat, aber 
die keusche Form ist ihrem Wechsel entzogen.« — Diese 
Worte negieren ausdrücklich die Fähigkeit der Zeit, die 
ideale Kunst aus sich zu erzeugen, sie verlangen die Bil- 
dung des Künstlers an den antiken Mustern als eine ab- 
solute Notwendigkeit, appellieren aber dessenungeachtet 
an ein günstiges Geschick, das nicht nur den jungen 
Künstler in der Welt der Griechen heimisch werden 
lassen, sondern ihn auch mit einer Stärke und Reinheit 
der Natur ausstatten soll, die inmitten eines verderbten 
Geschlechtes nur mittels eines glücklichen »Zufalls« oder 
durch eine Veranstaltung der »Vorsehung« zusammen 
ins Leben gesetzt werden können. Daß die dem Künstler 
notwendigen antiken Muster wenigstens bruchstückweise 
erhalten worden sind, erscheint gleichfalls als ein gün- 
stiger Zufall, so daß unser Vertrauen, daß die wahre 
Kunst nicht untergehen könne, durchweg als ein gläu- 
biges in Anspruch genommen wird. 

90 



Der Briefsteller denkt aber an die Möglichkeit, uns in 
die Welt der Griechen zurückzuversetzen, und sieht sie 
in der Dauerhaftigkeit jener Kunstwerke, die einem 
mächtig wirkenden Kunsttriebe entstammen, begründet, 
indem er fortfährt: »Der Römer des ersten Jahrhunderts 
hatte schon längst die Knie, vor seinen Kaisern gebeugt, 
als die Bildsäulen noch aufrecht standen; die Tempel 
blieben dem Auge heilig, als die Götter längst zum Ge- 
lächter dienten, und die Schandtaten eines Nero und 
Commodus beschämte der edle Stil des Gebäudes, das 
seine Hülle dazu gab. Die Menschheit hat ihre Würde 
verloren, aber die Kunst hat sie gerettet und aufbewahrt 
in bedeutenden Steinen; die Wahrheit lebt in der Täu- 
schung fort und aus dem Nachbilde wird das 
Urbild wieder hergestellt werden. So wie die 
edle Kunst die edle Natur überlebte, so schreitet sie 
derselben auch in der Begeisterung bildend und erweckend 
voran. Ehe noch die Wahrheit ihr siegendes Licht in die 
Tiefen der Herzen sendet, fängt die Dichtungskraft ihre 
Strahlen auf, und die Gipfel der Menschheit werden glän- 
zen, wenn noch feuchte Nacht in den Tälern liegt.« 
Nachdem der Briefsteller hiermit die Kunst wiederholt als 
die über den Wandlungen der Geschichte und der Verände- 
rung der Geschlechter sich fortsetzende Darstellung der 
wahren und schönen Menschheit, als die selbständige Be- 
wahrerin der Menschheitswürde charakterisiert hat, ver- 
wandelt er die ausgesprochene Tatsache erneut in eine 
Forderung, indem er das notwendige Verhalten des Künst- 
lers, der sich über seine Zeit erheben will, schildert. 
»Wie verwahrt sich«, fragt er, »der Künstler vor den 
Verderbnissen seiner Zeit, die ihn von allen Seiten um- 
fangen?« und antwortet: »Wenn er ihr Urteil verachtet. 

91 



Er blicke aufwärts nach seiner Würde und dem Gesetz, 
nicht niederwärts nach dem Glück und dem Bedürfnis. 
Gleich frei von der eitlen Geschäftigkeit, die in den 
flüchtigen Augenblick gern ihre Spur drücken möchte, 
und von dem ungeduldigen Schwärmergeist, der auf die 
dürftige Geburt der Zeit den Maßstab des Unbedingten 
anwendet, überlasse er dem Verstände, der hier einhei- 
misch ist, die Sphäre des Wirklichen, er aber strebe, aus 
dem Bunde des Möglichen mit dem Notwendigen das 
Ideal zu erzeugen. Dieses präge er aus in Täuschung 
und Wahrheit, präge es in die Spiele seiner Einbildungs- 
kraft und in den Ernst seiner Taten, präge es aus in 
allen sinnlichen und geistigen Formen und werfe es 
schweigend in die unendliche Zeit.« 

Gewiß müssen diese Worte jedes Gemüt, das nicht in 
selbstgefälliger Zufriedenheit oder schwächHcher Unzu- 
friedenheit aufgeht, das der herrschenden Zivilisation ein 
Kulturideal entgegenzusetzen hat und entgegensetzen will, 
dem die Gegenwart nicht alles, und das stolz und edel 
genug ist, um auf augenbhckliche Erfolge zu verzichten, 
sympathetisch berühren und ergreifen. Wie soll aber die 
Kluft zwischem dem Ideal und der Wirklichkeit ausge- 
füllt werden, wenn der Philosoph und Künstler von dem 
Wirklichen abstrahieren, wie der die Wirklichkeit gestal- 
tende Verstand von dem Ideal? Wie soll das Ideal, das 
fortgesetzt bestimmt werden muß, zu der besonderen 
Aufgabe der Zeit in ein Verhältnis gesetzt werden, wenn 
es der Philosoph und Dichter nicht zeitgemäß bestim- 
men — eine Bestimmung, die von ihnen ausgehen muß, 
wenn der politische Wille das Ideal als solches emp- 
fangen und in die Wirklichkeit überführen soll? Wie 
kann der Künstler seinen »Stoff« der Gegenwart ent- 

92 



lehnen und ihn in eine gegebene Form prägen, da sich 
Stoff und Form niemals gleichgültig gegeneinander ver- 
halten, und der Stoff seine Form, der Inhalt des Zeit- 
bewußtseins seine Darstellung fordert, für welche zwar 
das Gesetz der Schönheit maßgebend, aber jede fertige 
und überlieferte Form unzureichend ist? Wie vermag der 
Philosoph, der das Ideal nicht wie der Künstler zu kon- 
kret abgeschlossener Erscheinung zu bringen, sondern als 
historisches auseinanderzusetzen hat, von den histo- 
rischen Gestaltungen der Menschheit in ihrer notwendi- 
gen Folge und von der Gegenwart insbesondere zu ab- 
strahieren, ohne daß seine Idee, insoweit sie eine soziale 
ist, eine an und in sich unbestimmte bliebe? Wie sollen 
der Künstler, der den Stoff, den ihm seine Gegenwart 
bietet, und eine überlieferte Form unvermittelt — denn 
die Vermittlung würde das Eingehen auf die Gegenwart, 
den lebendigen und erlebten Begriff derselben voraus- 
setzen — zusammenbringt, und der Philosoph, der von 
den historischen Bedingungen für die WirkUchkeit der 
Idee absieht, der Willkür oder der Einförmigkeit ent- 
gehen, und wie sollen beide, die infolge ihres abstrakten 
Verhaltens ihrer Zeit nicht gerecht wurden, irgendeiner 
späteren Zeit gerecht werden? Wer sich in abstrakter 
Weise außer seine Zeit stellt, nimmt nicht minder einen 
beschränkten Standpunkt ein wie derjenige, der sich von 
ihr befangen läßt, und wer als geistiger Schöpfer auf die 
Zukunft einwirken will, darf die Gegenwart nicht um- 
gehen, sondern muß sie, kritisch und gestaltend, über- 
winden. Demnach ist es die Aufgabe des Künstlers wie 
des Philosophen — eine Aufgabe, die beide in verschie- 
dener Weise zu fassen und zu lösen haben — ihre Zeit 
zu begreifen, die in ihr wirkenden Tendenzen zur Klar- 

95 



heit zu erheben, und die Möglichkeit des Notwen- 
digen, welches zur Bestimmtheit des historischen Ideals 
zu bringen ist, aus der Wirklichkeit abzuleiten. Diese Auf- 
gabe schließt die »eitle Geschäftigkeit, welche dem flüch- 
tigen AugenbHcke ihre Spuren eindrücken möchte«, und 
den »ungeduldigen Schwärmergeist«, welcher das »Un- 
bedingte« verwirkhcht will, von selbst aus, da jener Ge- 
schäftigkeit das umfassende Ideal und die Hingabe 
an seine Darstellung und VerwirkHchung, diesem Schwär- 
mergeiste die Einsicht in die reale Möghchkeit oder Un- 
möglichkeit des notwendig Geglaubten, also die Kenntnis 
des Wirklichen, die das durchdachte Ideal voraus- 
setzt, fehlen. Beide, die eitle Geschäftigkeit, sich be- 
merkbar zu machen, welche als solche mit der Mode 
des Tages buhlt, und der ungeduldige Schwärmer- 
geist, welcher, wenn auch nicht Ideen, so doch schein- 
idealistische Pläne ausspinnt und sie unmittelbar ver- 
wirklichen zu können meint, stehen sich keineswegs 
derart gegenüber, daß sie nicht oft genug in derselben 
Persönlichkeit vereinzelt vorkämen, und erzeugen in die- 
sem Falle eine der »kaufmännischen« verwandte Ideen- 
schwindelei, welche auch die solide Arbeit des refor- 
matorischen Gedankens, gegen welchen sich die Selbst- 
gefälligkeit des Jahrhunderts an sich auflehnt, in einen 
gern gehegten Mißkredit bringt. Wie aber die Selbst- 
gefälligkeit, welche sich der Kritik der herrschenden 
Zivilisation und dem Willen einer gründlichen Umbildung 
entgegensetzt, eine enthusiastische, von der Eile des »Fort- 
schritts« berauschte, und eine nüchterne, mit der Be- 
schränktheit des egoistischen Interesses und des einseitig 
»praktischen« Verstandes zusammenhängende sein kann^ 
so trägt der auf das »Unbedingte« gerichtete moralische 

94 



Trieb, den der Briefsteller in Anspruch nimmt, insoweit 
er sich zum Gedanken formiert, entweder den Charakter 
der Schwärmerei an sich, eben weil er sich nicht für die 
Zeit bestimmt, oder den der nüchternen theoretischen 
Verständigkeit, deren Postulate aus einem einseitigen und 
engherzigen Begriffe der »Sittlichkeit« hervorgehen, und 
nicht das Gefühl, welches die Entwürdigung der mensch- 
lichen Natur empfindet, sondern die Gefühllosigkeit gegen 
ihre Rechte zur Voraussetzung haben. Wenn daher der 
Briefsteller weiterhin von dem Freunde der Wahrheit und 
Schönheit, der »dem edeln Triebe in seiner Brust bei 
allem Widerstände des Jahrhunderts Genüge tun will«, 
verlangt, daß er sich darauf beschränke, der Welt, auf 
die er wirke, die Richtung zum Guten zu geben, in- 
dem dann »der ruhige Rhythmus der Zeit die Ent- 
wicklung bringen werde«, so spricht er eine allgemeine 
pädagogische Forderung aus, die für jede erziehliche und 
bildende Wirksamkeit, und sei der Erzieher welcher er 
wolle, ihre Gültigkeit hat, sofern das Erziehen nicht in 
ein mehr oder minder gewaltsames Abrichten oder ein 
mechanisches Gestalten auslaufen soll, aber zugleich eine 
Aufgabe, welcher durch die objektiv-theoretische Dar- 
stellung des Ideals, und zwar insbesondere durch eine 
solche, die von der Zeit, den Verhältnissen und den 
Bedingungen eines besseren Zustandes abstrahiert, niemals 
an sich genügt wird. 

Ohne eine reale Lebensgestaltung, welche das Indivi- 
duum nicht sowohl frei läßt — was nur sporadisch ge- 
schehen kann — als vielmehr frei macht, bleibt der 
Begriff der Erziehung unerfüllt, und ohne daß sich dieser 
Begriff erfüllt, verliert sich die »zum Guten gegebene 
Richtung« in dem steten Zwange der Verhältnisse und 

95 



Gewohnheiten und in der Willkür, für welche dieser 
Zwang Raum läßt. Eine einseitig theoretische Erziehung 
ist keine, mag es sich um die Erziehung im engeren 
Sinne, die der Jugend, oder um die im weiteren Sinne, 
die Volkserziehung handeln. Die Faktoren, welche für die 
erstere und für die letztere zusammenwirken müssen, sind 
wesentlich dieselben, aber im Gebiete der Jugenderzie- 
hung näher zusammengerückt, unmittelbarer verbunden 
und idealer, weil unbedingter gestaltet als in dem Ge- 
biete der Volkserziehung. Daraus folgt unter anderem, 
daß die »Arbeitsteilung« in dem letzteren Gebiete eine 
entschiedener durchgreifende sein muß als in dem der 
Jugenderziehung, daß aber das ausdrückHche Zusammen- 
greifen der selbständigen Bildungs- und Gestaltungsfak- 
toren erforderlich bleibt, und daß »das Werk der Volks- 
erziehung« nicht einseitig angegriffen und durchgesetzt 
werden kann. Demnach haben zwar der Philosoph und 
Künstler als solche zu wirken, d. h. das Ideal zu ge- 
stalten, aber bei dieser Gestaltung weder von den wirk- 
lichen Zuständen noch von der Praxis, welche die Wirk- 
lichkeit zur Form bringt, zu abstrahieren, wie andrerseits 
die praktischen Pädagogen und Politiker von dem Ideal, 
das sie zu empfangen haben und das für ihre Empfäng- 
lichkeit bestimmt sein muß, nicht abstrahieren dürfen. 
Damit ist nicht vereinbar, daß der Philosoph und der 
Künstler »fremd« in ihr Zeitalter eintreten, und noch 
weniger darf ihre Erscheinung eine »schreckende« sein, 
wenn wenigstens der Künstler, wie jetzt der Briefsteller 
fordert, die »Grundsätze«, deren Ernst seine Zeitgenossen 
nicht ertragen, spielend an sie heranbringen, an ihrem 
Müßiggange seine bildende Hand versuchen und ihre Ver- 
gnügungen veredeln soll. Indem der Briefsteller diese 

96 



Aufgabe des erziehenden Künstlers dahin bestimmt, daß 
er »die Willkür, die Frivolität und die Rohigkeit aus 
den Vergnügungen der Zeitgenossen verjagen soll, um sie 
unvermerkt auch aus ihren Handlungen und endlich aus 
ihren Gesinnungen zu verbannen, läßt er ihn zwar eine 
»reinigende« Wirkung üben, aber seine Erscheinung 
müßte doch, um diese Wirksamkeit zu sichern, eine »er- 
freuende« und keine »erschreckende« sein. Oder sollte 
die tragische Darstellung, welche erschütternd erhebt 
und die stärkste Schmerzempfindung zum Durchgangs- 
punkte des Genusses macht, die einzige sein, mittels 
deren der Künstler auf ein zugleich rohes und frivoles 
Zeitalter zu wirken hätte? Daß der Briefsteller dieser 
Meinung nicht ist, ergibt sich schon aus den unmittel- 
bar folgenden Worten, sowie aus der späteren Entwick- 
lung des Eindruckes, den die Schönheit machen soll — 
einer Entwicklung, welche, wie wir beiläufig schon be- 
merkt haben, das Tragische nicht zu seinem vollen 
Rechte kommen läßt. Abgesehen hiervon aber will gerade 
der Genuß der tragischen Darstellung vorbereitet sein, 
und überhaupt läßt sich das Genußbedürfnis den Gegen- 
stand des Genusses nicht aufdringen, sondern behauptet 
seine »Freiheit« um so eifersüchtiger, je mehr die son- 
stige Betätigung eingeengt und mechanisiert, und je mehr 
der materielle Genuß vereinförmigt oder die Willkür auf 
seinem Gebiete gepflegt ist. Deshalb ist die Aufgabe, das 
Genußbedürfnis zu bestimmen — von der allerdings keine 
Pädagogik absehen darf — keine leichte, und muß eben 
so gründlich angegriffen werden, wie die, die Hand- 
lungsweise zu formen; die sittliche Gesinnung aber kann 
nicht einseitig als das schließliche Resultat pädago- 
gischer Einwirkungen, mögen es künstlerische oder andere 

Deiohardt, Schiller. 7 

91 



sein, sondern muß eben so entschieden als die notwen- 
dige Voraussetzung ihrer Wirksamkeit, folglich als ein Re- 
sultat, welches sich für jede Bildungsstufe zu bestimmen 
hat, angesehen werden, und um sie als solches hervor- 
zubringen, ist ein stetiges Gebiet ihrer Übung erforder- 
lich, das ein anderes als das geregelte Gemeinschafts- 
leben nicht sein kann. Was daher der Briefsteller in den 
folgenden Worten fordert, welche, wie angedeutet, die 
notwendige Kunstleistung als eine allseitige charakteri- 
sieren: »wo du sie findest, umgib sie mit edlen, mit 
großen, mit geistreichen Formen, schHeße sie ringsum 
mit den Symbolen des Vortrefflichen ein, bis der Schein 
die Wirklichkeit und die Kunst die Natur überwindet«, 
ist ein Verlangen, dem einerseits die Kunst für sich, und 
zwar schon deshalb, weil ihr ohne die Hilfe des Staats 
die nötigen Mittel fehlen, nicht genügen kann, und wel- 
ches andrerseits zwischen der existierenden Erscheinung 
und der lebendigen Wirklichkeit einen Widerspruch setzt, 
der sich keineswegs, weil er gesetzt ist, »von selbst« 
löst. 

21. Der Briefsteller sieht die eigentliche Schwierigkeit 
für die Wirksamkeit der Kunst und ihres Produktes, der 
Schönheit, darin, daß sie, um die Roheit und Frivolität, 
die ungestaltete Natur und die Unnatur zugleich auf- 
zuheben, zu gleicher Zeit mildernd und kräftigend, oder, 
wie er es ausdrückt, abspannend und anspannend 
wirken muß. Die erstere Wirkung wird, wie er weiter 
ausführt, allgemein anerkannt, nicht aber die letztere, da 
für sie die Erfahrung fehlt. Daß die Kunst die Sitten 
»verfeinert«, ist ein gang und gäber Satz, es gibt aber 
»Stimmen«, und zwar nicht bloß von Pedanten und 
prosaischen Nützlichkeitsmenschen ausgehende, sondern 

98 



»achtungswürdige«, welche den Wert der Sittenverfeine- 
rung überhaupt in Zweifel ziehen oder geradezu leugnen, 
weil sie dieselbe mit dem Verluste der physischen und 
sittlichen Kraft in einem durch die Erfahrung bewiesenen 
Zusammenhange sehen. In dieser Annahme liegt aller- 
dings noch keine eigenthche Anklage der Kunst, da 
sich diese als eine Seite und Erscheinung der gestei- 
gerten ZiviHsation betrachten läßt und bei dieser Be- 
trachtungsweise als ein Faktor für die sittliche Korrup- 
tion nicht angenommen wird. Trägt aber die Kunst nicht 
wesentlich zur sittlichen Korruption bei, wenn diese 
einmal eingerissen ist, so kann auch die mildernde Wir- 
kung, die sie auf die noch rohe Natur ausübt, nicht 
sehr hoch angeschlagen werden, womit sie als ein Er- 
ziehungsfaktor negiert ist. Wird ferner der Verlust der 
physischen und sittlichen Kraft schlechthin als ein un- 
ersetzbarer, wie als ein durch den Fortschritt der 
Zivilisation an sich bedingter, angesehen, so kann auch 
dem Kunstgenüsse, den die Perioden der Sittenverfeine- 
rung gewähren, der Wert eines Ersatzes nicht zuer- 
kannt werden, und diesen sprechen ihr in der Tat die- 
jenigen Kritiker der ZiviHsation, um die es sich hier 
handelt, ausdrücklich ab, ohne zwischen der edlen und 
entarteten Kunst zu unterscheiden. Was die Kunst pro- 
duziert, ist Schein, und sich an dem Scheinbilde einer 
Kraft und Würde, die aus dem Leben verschwunden 
sind, zu ergötzen, eine Schwäche, oder vielmehr eine 
Oflfenbarung der Schwäche, welcher sich diejenigen, 
denen sie zum Bewußtsein kommt, schämen müßten. 
Dieser Betrachtungsweise, so einseitig sie ist, können 
wir unsrerseits eine gewisse Berechtigung nicht abspre- 
chen; die »Flucht« vor der Wirklichkeit in die »Welt 

99 



der Ideale« ist in der Tat kein Beweis sittlicher Energie 
und kann diese nicht erzeugen, wie eine Kunst, die 
einem derartigen Fluchtbedürfnisse entgegenkommt, nicht 
die rechte Kunst sein kann, sofern wir von dieser einen 
erziehlichen Einfluß verlangen dürfen, den sie allerdings 
nur dann übt, wenn sie ihn nicht unvermittelt üben soll. 
Der Umsatz der Ideale, welche die Kunst vergegenwär- 
tigt, in Willensstrebungen wie in den Gewinn der Er- 
kenntnis muß möglich sein, und ist es nur dann, 
wenn einerseits der Kunstgenuß kein passives Verhalten 
ist, sondern die Tendenz und Fähigkeit, das Schöne 
selbsttätig darzustellen, hinter sich hat, und wenn an- 
drerseits das Kunstwerk, wie es früher der Briefsteller 
treffend ausgedrückt hat, die Einheit des Möglichen und 
Notwendigen, und daher das Jenseitige als ein immer 
Diesseitiges darstellt. Geben der Künstler und sein Pu- 
blikum, wo es sich nicht um eine »Abspiegelung« der 
Wirklichkeit, die als solche den Charakter der Selbst- 
gefälligkeit hat, handelt, die Beziehung zwischen der 
idealen und wirklichen Welt unbedingt auf, so ist das 
Interesse an dem idealen Spiele eine Befriedigung der 
Illusionssucht, aus welcher nur eine geistlose Zufrieden- 
heit oder eine energielose Unzufriedenheit resultieren 
kann. Daher ist weiterhin die förmliche Anklage der 
Kunst und des Kunstgenusses, daß sie den Charakter 
verderben — eine Anklage, zu welcher die Kritiker der 
Zivilisation fortzugehen pflegen und welche von dem 
Briefsteller formuliert wird — insoweit begründet, als 
das Bedürfnis, welchem die Kunst dient, auf eine leicht- 
hin »übertünchende« Darstellung der WirkHchkeit oder 
auf die zeitweilige »Verzauberung« in eine fremdartige 
Welt, die als ein Produkt der Willkür gewußt wird, 

lOO 



hinausläuft. Eine Kunst, welche entweder der verschö- 
nernde »Spiegel« des Lebens sein, d. h. über die Leer- 
heit und Häßlichkeit desselben täuschen, oder aus dieser 
Leerheit und HäßHchkeit eine »Zuflucht« gewähren soll 
und will, hat die sittliche Korruption zur Voraussetzung 
und ist ein fördernder Faktor derselben. Wenn aber der 
Briefsteller im Namen der Kunstankläger noch besonders 
hervorhebt, daß die Leidenschaften aus den Gemälden 
der Dichter eine gefährhche Dialektik erlernen, und daß 
»gegenwärtig«, wo die Schönheit dem Umgange Ge- 
setze gibt — »zwar alle Tugenden blühen, die einen 
gefälHgen Eindruck in der Erscheinung machen, dafür 
aber auch alle Ausschweifungen und Laster herrschen, 
die sich mit einer schönen Hülle vertragen«, so ist zu 
bemerken, daß der MoraHst, welcher die Sittlichkeit ein- 
seitig in die Beherrschung der Leidenschaft setzt, die 
Perioden der Sittenverfeinerung gegenüber denen der 
Sittenroheit oder Sittenrauheit als »unmoralischer« zu 
kennzeichnen, weder psychologisch noch durch die histo- 
rische Erfahrung berechtigt ist, daß aber auch die So- 
phistik der Leidenschaft keineswegs der gesteigerten 
Zivilisation insbesondere zukommt, sondern im Wesen 
der Leidenschaft liegt und von den Dichtern der Natur 
abgelauscht wird, so daß sie sich nur formell entwickelt 
und ausbildet, und daß endlich, wenn »gegenwärtig« in 
der Tat der Umgang sein Gesetz in der Schönheit fände, 
der Zustand, den der Briefsteller als Voraussetzung und 
Einleitung für die moralische Wiedergeburt der Gesell- 
schaft verlangt, eingetreten wäre, der Briefsteller also 
diese Behauptung, die er den Anklägern der Kunst in 
den Mund legt, ausdrücklich negieren müßte — wie er 
es indirekt in seiner Kritik der Arbeitsteilung getan hat 

lOI 



— und hierzu die Schönheit von ihrer Alterform, der 
modischen Eleganz, bestimmt zu unterscheiden hätte, was 
weder jetzt noch späterhin geschieht. Denn, wie wir 
schon erwähnt haben, appelliert der Briefsteller, nachdem 
er eine Reihe historischer Tatsachen, welche für die Un- 
vereinbarkeit der Freiheit und der volkstümlichen Kraft 
mit der Kunstblüte zu sprechen scheinen, von der Er- 
fahrung an den »Vernunftbegriff« der Schönheit, dessen 
Entwicklung den größten Teil der »Briefe« in An- 
spruch nimmt und in eine Nutzanwendung ausgeht, 
über deren Tragweite wir uns im voraus ausgesprochen 
haben. 

22. Der Kritiker der »Sittenverfeinerung« oder der ge- 
steigerten Zivilisation xat' I^oxtjv ist Rousseau, der für 
diese Kritik von der Frage des Einflusses, den die Künste 
und Wissenschaften auf die Sitten ausüben, ausging und 
bis zu der entschiedensten Negation der zivilisierten Ge- 
sellschaft oder vielmehr der Gesellschaft schechthin ge- 
langte. Daher erscheint das meiste, was der Briefsteller 
die Ankläger der Kunst sagen läßt, als ein Extrakt der 
Rousseauschen Ausführungen, deren Ausführlichkeit durch 
ihren entschieden rhetorischen Charakter bedingt ist — 
obgleich dabei ein Moralbegriff hervortritt, der dem Rous- 
seauschen Standpunkte nicht entspricht, sofern wir uns 
an die Konsequenz Rousseaus haken, also von seinen 
Inkonsequenzen und dem Standpunktswechsel, den eine 
rhetorische Darstellung bedingt, absehen. Über das Ver- 
hältnis aber, in welchem die Schillersche Betrachtungs- 
weise zu der Rousseauschen steht, haben wir uns im 
allgemeinen schon ausgesprochen, und heben hier nur 
hervor, daß die Gegenüberstellung von Natur und Kunst, 
die allerdings im Sprachgebrauche begründet ist, ein Ver- 

102 



dammungsurteil über die Kunst im engeren Sinne " an 
sich einschließt, wenn der »Naturzustand« als derjenige 
proklamiert ist, den die Menschheit nicht hätte verlassen 
sollen, daß Rousseau die Künste, ohne den Charakter 
der Kunstleistung zu unterscheiden, unter den Begriff 
des Luxus — der überflüssigen und deshalb unnatür- 
lichen Befriedigung — bringt, also das Kunstbedürfnis 
als ein der menschlichen Natur innewohnendes nicht 
anerkennt, und diese überhaupt ihres spezifischen 
Inhaltes entleert, um dennoch den Adel ihrer Form 
für den zurückbleibenden Inhalt, der mit dem der Tier- 
heit identisch ist, festzuhalten. Wie dagegen Schiller die 
Freiheit von der Natur, mittels deren der Mensch den 
natürlich gegebenen Zustand selbsttätig umschafft, als sein 
eigentliches Wesen auffaßt, so ist ihm die Freiheit von 
der Notdurft, also der Überfluß, der Anfang und die 
Vorbedingung einer menschenwürdigen Existenz, und 
insbesondere auch die Vorbedingung der Kunst, die er 
als ein ursprüngliches, aber vom Zwange der Notdurft 
zurückgehaltenes Bedürfnis begreift. Aber die Entwick- 
lung des Luxusbegriffes und der Genesis der Kunst, also 
der ersten und notwendigen Offenbarungen des Kunst- 
triebes folgt erst in den späteren Briefen, und der Brief- 
steller kommt, wie schon gesagt, nicht darauf zurück, 
derjenigen Kritik der Kunst und Zivilisation, die er hier 
sich aussprechen läßt, ausdrücklich entgegenzutreten und 
sie von der seinigen abzuscheiden, also den Unterschied 
zwischen der falschen und wahren Kunst wie zwischen 
der naturwidrigen und der naturgemäßen Zivilisation ge- 
nügend auseinanderzusetzen, weil er sich begnügt, die 
»Barbarei« der gegenwärtigen Zivihsation seinerseits cha- 
rakterisiert zu haben, und, von dem Begriffe der Schön- 

103 



hcit ausgehend, den diesem Begriffe entsprechenden Kunst- 
genuß als eine notwendige Vermittlung der freien 
Sittlichkeit nachzuweisen. Wir könnten hiermit wohl zu- 
frieden sein, insofern die Briefe im allgemeinen das Er- 
gebnis herausstellen, daß der unästhetische Charakter 
einer Zivilisation zugleich ihre Naturwidrigkeit ausdrückt, 
daß demnach, um die menschliche Natur in der Zivili- 
sation zu entwickeln und zu erhalten, die ästhetische 
Erziehung notwendig, und daß es der Mangel dieser 
ist, auf welchen sich die Ausartungen der Kunst wie die 
Ausartungen der Zivilisation überhaupt zurückführen las- 
sen. Aber ein Beweis, der historis che Einwendungen 
umgeht oder unberücksichtigt läßt, ist niemals imstande, 
uns völlig zu überzeugen, und obgleich die Vergangen- 
heit nicht den einfachen und unbedingten Maßstab für 
das in der Zukunft Mögliche abgibt, sondern vielmehr 
die historische Aufgabe jedes Zeitalters eine neue wird, 
so muß sich doch andrerseits die historische M!öglich- 
keit, an die wir glauben sollen, als eine solche in teil- 
weiser und zeitweiliger Verwirklichung herausgestellt 
haben. Wenn es daher eine historische Tatsache wäre, 
was der Briefsteller weiterhin die Gegner der Kunst ohne 
Entgegnung behaupten läßt, daß sich die Freiheit und 
Volkskraft mit der Blüte der Künste niemals zusammen- 
finden, so müßte uns diese Tatsache gegen die Forde- 
rung einer erziehlichen Wirksamkeit der Kunst und des 
Kunstgenusses sehr bedenklich stimmen, und über diese 
Bedenklichkeit könnte uns die weitere Forderung einer 
Kunst, die noch nicht existiert hat und sich dem Ver- 
nunftbegriffe der Schönheit gemäß gestalten soll, un- 
möglich hinwegsetzen, da diese zweite Forderung nur 
eine fortgesetzte Appellation an die Zukunft ist, und der 

104 



Briefsteller selbst die ideale Kunst als die Erbschaft einer 
schöneren Zeit charakterisiert hat. 

Sollen wir uns daher überzeugen können, daß in der 
ästhetischen Erziehung, welche den Kunstgenuß allge- 
mein ermöglicht und ihm die rechte Form gibt, die 
Bürgschaft einer gesunden Kultur liegt, so dürfen wir 
die Annahme, daß die Kunstblüte durchweg abgeschwäch- 
ten und verderbten Zeiten angehöre, und daß sich hier- 
nach die ästhetische Kultur als unvereinbar mit der poli- 
tischen Freiheit und der Charakterenergie darstelle, nicht 
ohne weiteres, d. h. überhaupt nicht gelten lassen. In 
der Tat beruht diese Annahme auf einer einseitigen und 
unzulänglichen Betrachtungsweise, welche einesteils histo- 
rische Tatsachen, die gegen sie sprechen, übersieht, an- 
dernteils zwischen der originellen und erkünstelten Kunst- 
blüte keinen Unterschied macht, die Freiheit wie die 
sittliche Energie nur unter einer bestimmten Form be- 
greift und die Bedingtheit historischer Zustände ausein- 
anderzusetzen unterläßt. Das Mittelalter hat seine Kunst: 
eine eigentümliche und großartige Architektur, eine Bild- 
nerei, die sich mit der griechischen nicht vergleichen 
läßt, aber der Sinnigkeit nicht entbehrt, eine Poesie, die 
weder an Dürftigkeit noch an Formlosigkeit leidet, und, 
wie die übrigen Künste, im Volksleben wurzelt; das 
Mittelalter aber, welche Beinamen man ihm beilegen 
mag, ist sicher keine Zeit der Erschlaffung und Ver- 
sunkenheit. Die Araber, welche besonders erwähnt wer- 
den, haben sich allerdings auf die Künste und Wissen- 
schaften, die ihrer Eigentümlichkeit zusagten, erst dann 
geworfen, als der religiöse und kriegerische Enthusias- 
mus, der sie zu stürmischen Eroberern machte, zurück- 
getreten war, aber ein solcher Enthusiasmus muß sich 

105 



notwendig erschöpfen, ohne daß mit dieser Erschöpfung 
eine physische und moraHsche Abschwächung ausge- 
sprochen wäre, wie es sich von selbst versteht, daß die 
kriegerische und die friedlich schaffende Kraftentfaltung 
nicht gleichzeitig stattfinden können, insofern sie unge- 
wöhnliche sind, daß aber ihr Wechsel möglich ist und 
bei Völkern, die ihre geschichtliche Bedeutung allmäh- 
lich entwickeln, und nicht, wie die Araber, aus der ge- 
schichtlichen Bedeutungslosigkeit heraus und in sie, nach- 
dem sie eine glänzende Rolle rasch abgespielt haben, 
zurücktreten, wirklich stattfindet. Daß eine ungewöhn- 
liche Energie, die sich in kriegerischen und friedlichen 
Erfolgen offenbart, die Fähigkeit, ein freies Staats- 
wesen zu begründen, nicht notwendig einschließt, be- 
weist das Beispiel der Araber wie noch andere, daß 
aber die Freiheitsbewegung den Künsten und Wissen- 
schaften nicht nachteilig ist, das Reformationszeitalter, 
welches, in seiner Ausdehnung gefaßt, die sogenannte 
»Wiederherstellung der Künste und Wissenschaften« ein- 
schließt. Was die Griechen und Römer betrifft, deren 
Erbschaft in dieser Restauration angetreten wurde, so 
sind die Römer von Haus aus kein Kunstvolk und es 
nie geworden; ihr Pathos war die nivellierende Herr- 
schaft, ihre Aufgabe eine praktisch-kosmopolitische, 
und erst, nachdem sie diese als praktisch-politische ge- 
löst hatten und damit sich die Konzentration des Volks- 
geistes und Volkswillens löste, begannen sie, sich fremde 
Bildungen formell anzueignen und Rom zu einem Sam- 
melplatze der vorhandenen Kulturschätze und der tradi- 
tionellen Kulturfertigkeiten zu machen. Bei den Griechen 
aber, denen die Bezeichnung eines Kunstvolkes im ent- 
schiedensten Sinne zukommt, war die Kunstüburig eine 

io6 



ursprüngliche und allseitige, und durch sie der Charakter 
der griechischen Freiheit und Staatsgestaltung, aber nicht 
nur sie, sondern auch ihre schöne Kampffähigkeit 
bedingt. Allerdings trat dann weiterhin der Verfall der 
Kunst mit dem politischen Verfalle und der sittlichen 
Erschlaffung nicht zu gleicher Zeit ein, vielmehr hatten 
die Künste, insbesondere die Plastik, wie die Wissen- 
schaften ihre letzte Entwicklungsepoche, nachdem die 
politische Auflösung begonnen hatte; aber diese letzte 
Entwicklungsepoche der griechischen Kunst und Wissen- 
schaft als ihre Blütezeit zu bezeichnen, ist kaum zulässig, 
da sie sich einerseits durch den formellen Abschluß und 
die scheidende Ausarbeitung des Gegebenen, andrerseits 
durch eine Mannigfaltigkeit der Darstellung, welche dem 
Privatbedürfnis gerecht werden will, charakterisiert, also 
die Auflösung des sittlichen Volksgeistes dokumentiert 
und zu einer Erscheinung bringt, welche allerdings an 
sich und der politisch-sittlichen Zerrüttung gegenüber 
eine schöne bleibt, aber schon die Spuren der Geschmacks- 
verweichlichung auf der einen, der Erschöpfung des eigent- 
lich schöpferischen Vermögens auf der anderen Seite an 
sich trägt. Hierbei ist im allgemeinen zu bemerken, daß 
wir Modernen uns gewöhnt haben, die Fülle und Höhe des 
Kunsttriebes einseitig nach den Produkten abzuschätzen, 
welche als Kunstschätze späteren Zeiten überliefert wer- 
den, also von der unmittelbaren und lebendigen Betäti- 
gung des Kunsttriebes, an welcher das ganze Volk teil- 
nehmen kann und wirklich teilnimmt, abzusehen, wäh- 
rend es doch gerade auf diese für die genußvolle und 
ästhetische Existenz ankommt. Kunstwerke, die der 
Überlieferung fähig und würdig sind und die für alle 
Zeiten ihren Wert behalten, kann ein Volk allerdings 

107 



nur dann produzieren, wenn es ein Kunstvolk ist oder 
doch eine Periode künstlerischer Tendenz und Fähigkeit 
als Volk hat; aber damit ist keineswegs gesagt, daß die 
größte Lebendigkeit des Kunsttriebes im ganzen Volke 
mit der höchsten Produktivität der Künstler der Zeit 
nach zusammentrifft, vielmehr kann die letztere eintreten, 
nachdem sich die allgemeine Tendenz und Fähigkeit 
der Kunstschöpfung, die sich in allen Volkstätigkeiten 
offenbart und das lebendige Kunstwerk für den Moment 
des Genusses hervorbringt, also die sich stetig fortsetzende 
schöne Gestaltung des Volkslebens ist, erschöpft hat. 
Dies war bei den Griechen in der Tat der Fall, sofern 
wir unter der höchsten Produktivität der Künstler die 
weiteste Ausdehnung der künstlerischen Tätigkeit ver- 
stehen, und sonach in gewisser Weise der Eifer, mit 
welchem die plastische Schönheit fixiert und vervielfäl- 
tigt wurde, in dem Bedürfnisse eines Ersatzes, also in 
dem Hinschwinden der lebendigen Schönheit, die eine 
sich immer neu erzeugende ist, begründet. 

23. Die vorstehenden Bemerkungen genügen, um zu 
zeigen, daß die Gegner der Kunst, welche ihre Unverein- 
barkeit mit der Energie des Volkscharakters und der poli- 
tischen Freiheit behaupten, an die historische Erfahrung 
nicht so leicht und unwiderlegbar, wie sie meinen, ap- 
pellieren können. Daß es aber insbesondere falsch ist, 
die eigentliche Kunstblüte in den Perioden zu suchen, in 
denen der Luxus, wie man das Wort zu verstehen 
pflegt, herrscht, und als eine wesentliche Bedingung der- 
selben das Mäzenatentum zu betrachten, werden wir 
späterhin besonders hervorzuheben Gelegenheit erhalten, 
da der Briefsteller den Luxus zwar nicht in dem Sinne 
der raffinierten Bedürfnisbefriedigung, aber in dem ein- 

108 



fächeren des Überflusses an Bedürfnismitteln als Vor- 
bedingung des ästhetischen Verhaltens darstellt — 
eine Vorbedingung, deren Notwendigkeit aufhört, sobald 
das ästhetische Verhalten eingetreten ist, da die ästhe- 
tische Befriedigung zwar das Gestilltsein der Notdurft 
voraussetzt, aber des realen Stoffes nur insoweit bedarf, 
als er zur Herstellung des Scheines erforderlich ist. 
Von dem Luxus in dem Sinne der raffinierten Bedürfnis- 
befriedigung, d. h. derjenigen, welche das materielle Be- 
dürfnis als solches übertreibt und vervielfältigt, scheidet 
der Briefsteller die ästhetische Befriedigung streng genug 
ab, und zwar schon durch die nächstfolgenden Erörte- 
rungen, welche den Formtrieb als den Ausdruck der 
spezifisch menschlichen Natur charakterisieren. Zu diesen 
Erörterungen aber geht der Briefsteller über, indem er 
die historischen Einwände gegen die erziehliche Wirk- 
samkeit der Kunst, die er selber formuliert hat, auf sich 
beruhen läßt und den Vernunftbegriff der Schönheit ent- 
wickeln zu wollen erklärt. Wie wir indessen nicht um- 
hin konnten, diese Einwände wenigstens vorübergehend 
zu berücksichtigen, so müssen wir jetzt daran erinnern, 
daß der Briefsteller in dem gegenwärtigen Zeitalter, wel- 
ches die Charaktermerkmale der Roheit und Erschlaffung 
vereinigt, die »schmelzende« und die »anspannende« Wir- 
kung der Schönheit gleichzeitig in Anspruch nimmt. 
Liegt nun diese gleichzeitige Wirkung als solche im Be- 
griffe der Schönheit, so kommt mittels des erziehlichen 
Zweckes, welcher der Kunst beigelegt ist, zu der inneren 
Notwendigkeit, welche der Begriff der Schönheit ent- 
hält, eine äußere: der in der gegenwärtigen Zivilisa- 
tion gegebene Dualismus der Unbildung und der ein- 
seitigen Überbildung. Diese äußere Notwendigkeit wäre 

109 



bei dem einfachen Fortschritte von dem rohen Natur- 
zustande zu der Sittenverfeinerung nicht vorhanden, son- 
dern die anspannende Wirkung der Schönheit hätte zu 
beginnen, wenn ihre schmelzende erzielt wäre. Da aber 
die »Erfahrung«, welche der Briefsteller sprechen läßt, nur 
die schmelzende Wirkung der Schönheit kennt, so müßte, 
wenn diese Erfahrung richtig wäre, die Kunst bisher eine 
einseitige, nur der schmelzenden Wirkung fähige ge- 
wesen sein, oder ohne diese Einseitigkeit die anspan- 
nende Wirkung dennoch verfehlt haben. Gegen die erstere 
Annahme hat sich der Briefsteller dadurch ausgesprochen, 
daß er auf die Kunst einer bestimmten Vergangenheit, auf 
die griechische Kunst, als eine ewig mustergültige zurück- 
weist; daß aber diese oder irgendeine Kunst in einem 
schon verderbten Zeitalter anspannend, also stärkend 
und restaurierend gewirkt habe, wird von ihm nicht be- 
hauptet und kann nicht behauptet werden. Die Erfah- 
rung ist berechtigt, die restaurierende Wirkung der Kunst 
zu leugnen, obgleich sie, wie wir kurz ausgeführt haben, 
nicht berechtigt ist, die Unvereinbarkeit des Kunstgenusses 
mit der Charakterenergie zu behaupten und eine zugleich 
mildernde und kräftigende Wirkung desselben für die 
Zeiten zu leugnen, in denen sich die Zivilisation noch 
nicht ausgeprägt hat. 

Wodurch soll also die restauratorische Wirkung 
der Kunst in der Gegenwart erreicht werden, da sie 
die einseitig anspannende Wirkung nicht herauskehren 
darf, indem sie zugleich mildernd und schmelzend auf 
die Roheit zu wirken hat? Diese Frage läßt der Brief- 
steller unbeantwortet hinter sich, und das höchste Kunst- 
ideal, das er entwickeln und dessen Verwirklichung er 
von der Zukunft fordern mag, kann als eine genügende 

iio 



Antwort nicht gelten. Denn wenn auch Geschmack und 
Bedürfnis die schöpferische Kunsttätigkeit nicht beherr- 
schen, d. h. die letztere wenigstens teilweise eine freie 
ist, so wird doch das Kunstwerk bedürfnis- und ge- 
schmacksgemäß genossen, und die schmelzende Wirkung 
muß gerade für die Roheit, die anspannende gerade für 
die Erschlaffung verloren gehen, sofern dasselbe Kunst- 
werk, das auf diese doppelte Wirkung angelegt ist, einem 
rohen und einem verweichlichten Publikum unvermittelt 
entgegentritt. Was also die Kunst erzielen soll, die Aus- 
gleichung des Dualismus, der sich in dem Nebenein- 
ander des rohen und des erschlafften Geschmackes, der 
Unbildung und der Verbildung ausdrückt, ist die Voraus- 
setzung der rechten, d. h. derjenigen Empfänglichkeit, 
welche im Kunstgenüsse die innere Ergänzung und Wie- 
derherstellung sucht. Die Roheit läßt die schmelzende, 
die Entnervung läßt die anspannende Schönheit nicht an 
sich herankommen, beide aber finden in dem dargebo- 
tenen Kunstwerke ihnen zusagende Elemente, also die 
Befriedigung des unmittelbaren Bedürfnisses, welches trotz 
dieser Unmittelbarkeit bei der Roheit nicht weniger wie 
bei der Entnervung ein entartetes ist Damit ist gesagt, 
daß die Roheit und die Entnervung als solche eines bil- 
denden und stärkenden Kunstgenusses unfähig sind, daß 
sie aufgehoben werden müssen, um das wahre Kunst- 
bedürfnis zu erzeugen und die rechte Kunstwirkung zu 
ermöglichen, indem ein Genuß, für welchen das Organ 
nicht vorhanden oder abgestumpft ist, die Bedürfnisent- 
artung fördert, daß also eine Bildung für den Kunst- 
genuß, welche nicht die Aufgabe des schaffenden Künst- 
lers sein kann, unerläßlich ist, um diesen letzteren mit 
Erfolg eintreten und s e i n e Wirksamkeit entfalten lassen 



III 



zu können. Nur unter der Voraussetzung der ästheti- 
schen Genußfähigkeit ist ein freies ästhetisches Verhalten 
des Künstlers möglich und zulässig; ohne diese Voraus- 
setzung sieht er sich entweder genötigt, das unästhe- 
tische Bedürfnis einfach zu befriedigen, oder den päd- 
agogischen Zweck in einer Weise aufzufassen und her- 
auszustellen, die mit seiner ästhetischen Freiheit so wenig 
verträglich ist wie die unedle Hingabe an das entartete 
Bedürfnis. Jedenfalls aber würde er bei einem pädago- 
gischen Willen unpädagogisch verfahren, wenn er 
auf das vorhandene Bedürfnis in keiner Weise eingehen, 
sondern sich ihm entgegensetzen und seine Umwand- 
lung durch das dargebotene Genußobjekt erzwingen wollte, 
statt das höhere Interesse, an das vorhandene anknüpfend, 
zu erzeugen, und das gegebene Bedürfnis durch seine 
Befriedigung zu veredeln. Eben um dies zu tun, muß 
der Künstler, wie der Briefsteller früher verlangte, seinen 
»Stoff der Gegenwart entnehmen«, da dieser »Stoff« kein 
anderer sein kann als die Leidenschaften und Interessen, 
welche in der jedesmaligen Gegenwart die herrschenden, 
das Leben bewegenden und gestaltenden sind, und welche 
dasjenige Bedürfnis, das sich auf die Darstellung 
richtet, in einer künstlich geschaffenen Wirklichkeit wie- 
derfinden will. Dieses Bedürfnis aber, dem der Künstler, 
um zu wirken, gerecht werden muß, ist weder an sich 
ein ästhetisches, noch verliert es als ästhetisches die 
historische Bestimmtheit. Wir finden demnach, daß die 
Freiheit des Künstlers, welche der Briefsteller in An- 
spruch nimmt, mit einer so ausdrücklichen und ein- 
gehenden pädagogischen Tendenz und Wirksamkeit, wie 
sie durch den Zweck, die Geschmacksverrohung und Ge- 
schmacksverweichhchung zu überwinden, geboten wäre, 

112 



nicht vereinbar ist, daß also jene Freiheit durch die ästhe- 
tische Erziehung, und zwar durch eine gründliche wie 
allgemeine ermöglicht werden muß, aber auch dann, 
wenn sie diese Voraussetzung hat, in und mit der Ab- 
straktion von der historischen Bestimmtheit des Zeit- 
alters nicht bestehen kann, sofern sich die Kunst nicht 
in ein inhaltsloses Formenwesen verlieren und der Wirk- 
samkeit, welche ihr die ästhetische Erziehung ermög- 
licht, verlustig gehen soll. Eben deshalb kann und muß 
zwar das allgemeine Gesetz der Schönheit »auf dem 
Wege der Abstraktion« gesucht werden, es hat aber als 
solches nur eine negative Kraft und Bedeutung, indem 
es, in das allgemeine Bewußtsein übergegangen, die ge- 
dankenlose Genügsamkeit auflöst und eine Schranke gegen 
die Verirrungen und Entartungen der Kunst ist, deren 
positive Aufgaben sich aus dem Verständnis der Zeit, 
dem Verständnis dessen, was in ihr treibt, wozu sie 
angelegt und was ihr notwendig ist, ergeben. Läßt sich 
dieses Zeitverständnis als ein pädagogisches bezeichnen, 
so hat der Künstler die Resultate der Pädagogik an- und 
aufzunehmen, wie die Wirksamkeit des Pädagogen fort- 
zusetzen, er kann aber nicht an die Stelle desselben treten 
und ihn ersetzen. • ' 

24. Von dem Gegensatze der »Person« — des Selbst — 
und des Zustandes ausgehend, bestimmt der Briefsteller 
die Person als das Unveränderliche, den Zustand als das 
Veränderliche, und folgerecht die Veränderung des Zu- 
standes als ein »Erleiden«, an welchem das Selbst seine 
Unveränderlichkeit herausstellt und welches es durch 
seine Tätigkeit aufhebt. »Nur indem sich der Mensch 
verändert, existiert er; nur indem er unveränderlich 
bleibt, existiert er«. Ohne die Veränderung des Zustandes 

Deinhardt, Schiller. 8 



bliebe das Ich in sich, also unentwickelt, in der Ver- 
änderung, die es aufhebt, hat es seine fortgesetzte 
Offenbarung und Verwirklichung. Das Ich kann aber die 
Veränderung nur dadurch aufheben, daß es dieselbe selbst 
und sich gemäß setzt, also die Folge der Verände- 
rungen normiert und das Veränderliche formt. Norm und 
Form sind die Erscheinung des Unveränderlichen in 
der Veränderung und an dem Veränderlichen, welches 
letztere die Materie ist. Um also das Unveränderliche, 
welches es selbst ist, fortgesetzt zur Erscheinung zu 
bringen, bedarf das Ich der Materie, deren Veränderungen 
es zu erleiden hat, um sie bestimmen zu können, und 
an welcher es die Form trotz der Veränderungen, die 
von ihm unabhängig sind, fortsetzt. Hieraus folgt für 
das Ich die Notwendigkeit des Erleidens — der Emp- 
findung — und einer Tätigkeit, welche das Innere — 
die Form — veräußert, indem sie das Äußere formt. 
Wird diese doppelte Notwendigkeit als Trieb ausgedrückt, 
so ist der Trieb der Empfindung und der Trieb der 
Formtätigkeit zu unterscheiden. Der Briefsteller setzt beide 
Triebe einander entgegen, indem er den ersteren den 
sinnlichen nennt und aus dem physischen Dasein des 
Menschen ableitet, während der zweite aus seinem ab- 
soluten Dasein, seiner vernünftigen Natur hervorgehen 
soll. Dieser Gegensatz aber kann kein ursprünglicher, 
sondern muß in der Einheit des menschlichen Seins von 
vornherein gelöst sein, weil er sonst überhaupt nicht 
zur Lösung gelangen könnte, und, wie der Briefsteller 
später mit Recht bemerkt, die einfache Unterordnung 
des einen unter den anderen Trieb eine solche Lösung, 
d. h. die Herstellung der an sich vorhandenen Einheit 
nicht ist. Soll der Empfindungstrieb dem physischen 

114 



Dasein des Menschen entspringen oder angehören, so 
muß es auch der Formtrieb, da jedes besondere Sein ein 
sich, d. h. die Materie, die es hat und erhäh, formen- 
des ist, und nicht diese Formtätigkeit, wohl aber die 
Empfindung die Reflexion, also eine InnerHchkeit und 
Äußerlichkeit oder ein Verhalten des besonderen Seins 
zu dem, was außer ihm ist, bedingt. Die Pflanze formt 
sich, wie wir annehmen, empfindungs- und bewußtlos, 
das Tier, welches empfindet, unterscheidet sich deshalb 
von der Außenwelt und weiß sich als Zweck. Wäh- 
rend daher der Formtrieb, insofern er ohne Empfindung 
wirkt oder plastisches Prinzip ist, das Äußere, das ihm 
Materie ist, tatsächlich in der gestaltenden Verinne- 
rung aufhebt, wird in der reflektierten Empfindung das 
Äußere verinnert, ohne seinen objektiven Bestand zu 
verHeren, d. h. die Empfindung ist die höhere Form 
der Assimilation, der Tätigkeit, welche das Äußere 
zum Zwecke der Selbstgestaltung, die als solche Ob- 
jektivierung des Selbst ist, verinnert. Denn indem die 
Empfindung das gestaltete oder sich gestaltende Äußere 
zur Reflexion bringt, indem sie also die Objekte als 
solche verinnert, gewinnt sie einen Inhalt der Innerlich- 
keit, der als das andere des Selbst gegenständlich bleibt 
und dennoch in seinem Besitz ist; sie verwirklicht mit 
anderen Worten, indem sie die Objekte in Vorstellungen 
umsetzt, das Bewußtsein. Allerdings ist diese Ver- 
wirklichung des Bewußtseins mittels der Empfindung als 
extensive und intensive durch die an sich gegebene 
Innerlichkeit, die zu dem Begriffe des Selbst ein be- 
stimmtes Verhältnis hat, bedingt, sie ist also eine be- 
schränkte und partielle, wo die gegebene Innerlichkeit 
den Begriff des Selbst nicht erfüllt. Eben hieraus folgt 

115 



aber, daß, wenn man den Formtrieb, dessen bewußtlose 
Wirksamkeit eine Tatsache, der also in dem physischen 
Dasein gegeben ist, als Äußerung des Vernunftdaseins 
auffaßt oder ihn aus der vernünftigen Natur des Men- 
schen ableitet, auch den Empfindungstrieb, wie er im 
Menschen wirksam ist, also weil er im Menschen das 
menschliche Bewußtsein verwirklicht, aus dem Ver- 
nunftdasein hervorgehen lassen muß. Da nun einerseits 
der Empfindungs- wie der Formtrieb in dem physischen 
Dasein als solchem gegeben sind und sich entwickein, 
andrerseits im Bereiche der menschlichen Natur eine spe- 
zifische, durch das Selbstbewußtsein, welches sie ver- 
wirklichen, bedingte Gestalt annehmen, so ist klar, 
daß keiner von beiden Trieben einseitig aus dem phy- 
sischen oder dem Vernunftdasein abzuleiten ist. Seinem 
Begriffe gemäß muß sich das Selbst der Wirksamkeit 
beider Triebe, insofern sie eine ihm äußerliche und selb- 
ständige ist, entgegensetzen; dies kann aber, da das 
Selbst durch sein Verhältnis zur Objektivität ist, nur 
so geschehen, daß es beide Triebe in sich aufnimmt 
und zu »Vernunfttrieben« umsetzt, oder vielmehr als 
existierendes aufgenommen und umgesetzt hat. Dieser 
Umsatz indessen wäre unmöglich, wenn der Empfin- 
dungs- und Formtrieb, soweit ihre Wirksamkeit eine 
objektive ist und bleibt, der Vernunft schlechthin äußer- 
lich und nicht vielmehr die Äußerungen der absoluten 
Vernunft wären, welche zu dem existierenden, d. h. fort- 
gesetzt in die Existenz und ihre Bedingtheit eintretenden 
Selbstbewußtsein zurückgelangen. 

Hieraus folgt, daß der Formtrieb, wie der Empfin- 
dungstrieb, im menschlichen Dasein als ein natürlicher, 
d. h. als ein an sich gegebener und von der Tätigkeit 

ii6 



des Selbstbewußtseins unabhängiger wirksam ist, daß 
aber die natürliclie Existenz des Menschen seiner Be- 
stimmung entsprechen, also der Empfindungstrieb, wie 
der Formtrieb, von vornherein dem Bedürfnis des Selbst- 
bewußtseins gemäß bestimmt sein muß. Denn wäre dies 
nicht der Fall, so wäre das entwicklungsfähige Selbst 
nicht als solches in die Existenz getreten, und es würde 
ihm demnach die zu seiner Entwicklung unerläßliche 
Voraussetzung, die reale Möglichkeit des Verhältnisses 
zur Objektivität fehlen. Wir haben also, um die Sache 
einfach auszudrücken, zu sagen, daß der Mensch not- 
wendig seiner Bestimmung gemäß, d. h. zur Betätigung 
des Selbstbewußtseins organisiert ist, und daß in 
dieser Organisation seine Existenz schlechthin, also alle 
seine Triebe und Vermögen und alle Organe derselben 
begriffen sind. Insofern der Formtrieb als plastisches 
Prinzip wirkt, verwirklicht er — die Materie assimilie- 
rend und rezeptiv aufhebend — den an" sich gegebenen 
Organismus, der zum »Ergreifen der Welt« allseitig an- 
gelegt ist; insofern er aber der Trieb des Wirkvermö- 
gens ist, also die Objekte als äußerliche umzugestalten 
strebt, assimiliert er dieselben teils dem menschlichen 
Da^einsbedürfnisse, teils der von ihnen gewonnenen An- 
schauung gemäß. Zwischen diesen beiden Betätigungen 
des Formtriebes, die in verschiedener Weise assimilie- 
rende sind und von denen die erstere, die rezeptive, den 
Charakter der Bewußtlosigkeit, die zweite, die aktive, 
das Bewußtsein der Existenzzwecke und das Bewußtsein 
der Form als solcher hinter sich hat, liegt die Betäti- 
gung des Empfindungstriebes und Empfindungsvermö- 
gens, welche einerseits den als plastisches Prinzip wir- 
kenden Formtrieb in gleicher Weise wie die Betätigung 

117 



des Wirkvermögens erregt und bestimmt, und mittels 
deren sich andrerseits das Bewußtsein produziert, und 
zwar als Bewußtsein des Existenzzweckes und als Be- 
wußtsein der Objektivität, die ihre Einheit in dem Selbst- 
bewußtsein haben und finden. Hieraus ergibt sich, daß 
der Formtrieb, insofern wir ihn dem Assimilationstriebe 
gleichsetzen oder als solchen ausdrücken können, drei 
unterschiedene Formen der Betätigung hat, deren mitt- 
lere und das Bewußtsein vermittelnde die Betätigung des 
Empfindungstriebes ist. Bezeichnen wir aber als die hö- 
here Form des Assimilationstriebes — diejenige, durch 
welche der Mensch genötigt und befähigt ist, die Ob- 
jektivität selbst zu setzen — den Offenbarungstrieb, 
den Trieb, die im Bewußtsein gestaltete Innerlichkeit zu 
objektivieren oder zu formeller Existenz zu bringen, so 
muß derselbe zu den unterschiedenen Arten der Assimi- 
lation ein bestimmtes Verhältnis haben, also in ihnen 
und durch sie zu einer unterschiedenen, aber zusammen- 
greifenden Wirksamkeit gelangen. Insofern der Offen- 
barungstrieb sich des plastischen Prinzips bemächtigt, ist 
er die Tendenz der bewußten, aber unmittelbaren Selbst- 
gestaltung und Selbstdarstellung, insofern er im Emp- 
findungsvermögen wirkt, strebt er die Innerlichkeit der 
Objekte zu erschließen und zu fixieren, und die sub- 
jektive Innerlichkeit als bewegte zu produzieren; inso- 
fern er die Aktivität, welche die Objekte als äußere um- 
formt, beherrscht, ist er objektiver Darstellungstrieb. 
Während also in der Assimilation die Tätigkeit, mittels 
deren sich der Mensch, das »Erleiden« aufhebend, der 
eindringenden »Materie« entgegensetzt, insoweit eine ne- 
gative bleibt, als sie der Nötigung entspringt, und inso- 
weit sie das Erleiden, d. h. das Eindringen des Anderen, 

ii8 



und die Bedürftigkeit, d.h. die Leere, aufheben muß, 
eine unfreie ist, bedingt der Offenbarungstrieb die freie, 
nicht von dem Gefühl des Leidens und der Leere, son- 
dern von dem des Vermögens ausgehende Tätigkeit, und 
hat als Produkt den positiven Gegensatz der gege- 
benen Objektivität, in welchem diese als nicht gegebene 
reproduziert ist. Sonach erhält das Moment der Re- 
aktion, welches in allen Assimilationstätigkeiten ent- 
halten ist und in der Empfindung die Reflexion bedingt, 
soweit der Offenbarungstrieb in Wirksamkeit tritt, einen 
positiven Inhalt und eine positive Form, es schlägt also, 
indem es zur Selbständigkeit gelangt, in eine schöpfe- 
rische Tätigkeit um, die unmittelbar für das Bewußt- 
sein oder für eine Empfänglichkeit, die der Produktions- 
tendenz nicht nur entspricht, sondern diese in der Form 
der Bedürftigkeit ist, hervortritt und wirkt, folglich das 
Gegenüber dieser rezeptiven Tätigkeit bedarf, um 
sich selber durchzusetzen, und zu dem zu werden, was 
sie an sich ist, einem fortgesetzten idealen Zeugungs- 
akte. 

25. Es ist leicht zu sehen, daß wir mittels der vorigen 
Auseinandersetzung auf dem kürzesten Wege zu der 
Notwendigkeit des ästhetischen Verhaltens und zu der 
Genesis der Kunst gelangt sind, da jene Notwendigkeit 
und diese Gestaltung eines Vermögens, das sich in den 
Künstlern zur zeugenden Aktivität potenziert, aus der 
spezifischen Anlage der menschlichen Natur, die wir als 
Offenbarungstrieb bezeichnet haben, abgeleitet werden 
können und müssen. Dessenungeachtet dürfen wir die 
weitere Erörterung des zwischen der sinnlichen und ver- 
nünftigen Natur des Menschen angenommenen Gegen- 
satzes nicht umgehen, um von diesem Ausgangspunkte 

119 



aus und indem wir der Deduktion des Briefstellers 
folgen, die Begriffe der Freiheit und Sittlichkeit und 
das Verhältnis des sittlichen zu dem ästhetischen Ver- 
halten unsererseits festzustellen. Der Briefsteller sucht, 
nachdem er den sinnlichen und den Vernunfttrieb ein- 
ander entgegengesetzt hat, ihre Vermittlung, die, wie er 
sagt, in einem dritten Grundtriebe nicht bestehen kann, 
und daher als ein herzustellendes Wechselver- 
hältnis beider bestimmt wird. Für dieses Verhältnis aber 
kommt es nach seiner Darstellung zunächst darauf an, 
die Wirksamkeit beider Triebe gegeneinander abzugrenzen 
und den einen wie den anderen zu möglichster Voll- 
kommenheit zu entwickeln. Sie sollen also neben- 
einander und ohne ihre Grenzen zu überschreiten, 
wirken, und können dies, weil »sich zwar ihre Tendenzen 
widersprechen, aber nicht in denselben Objekten, und 
was nicht aufeinander trifft, nicht gegeneinander stoßen 
kann«. Der sinnliche Trieb soll Veränderung nur im 
sinnlichen Gebiete, der Vernunfttrieb Einheit und Be- 
harrlichkeit nur im Gebiete der Persönlichkeit, d. h. so- 
weit die Person in und bei sich selbst ist, fordern. 
Weiterhin soll der sinnliche Trieb die größtmöglichste 
Veränderlichkeit, also die größtmöglichste Ausdehnung 
der Berührungsfläche zwischen der Welt und dem Sub- 
jekt, der Formtrieb die höchste Unabhängigkeit und In- 
tensität des Vernunftvermögens verlangen und durch die 
Kultur erhalten. Damit ist aber nur die Koordination, 
d. h. eine Art der Koordination, aber nicht die gegen- 
seitige Subordination, d. h. ein wirkHches Verhältnis der 
beiden Triebe ausgesprochen, und dieses Verhältnis ist 
undenkbar, wenn sie in der Tat unabhängig voneinander 
wirken, und wenn die Unabhängigkeit, die ihnen zu- 

120 



kommt, ausdrücklich durchgesetzt wird. Entwickeh sich 
das empfangende Vermögen unabhängig von dem be- 
stimmenden, so dürfen die Eindrücke, die es »leidend« 
erhält und zu erleiden sucht, nicht zur Reflexion kom- 
men und durch diese die faktische Mannigfaltigkeit, das 
äußerliche Neben- und Nacheinander derselben aufge- 
hoben werden; soll das bestimmende Vermögen unab- 
hängig von dem empfangenden wirken, so darf es keinen 
gegebenen Inhalt bestimmen, es muß also von dem Sein, 
das zur Empfindung gelangt, fortgesetzt abstrahieren — 
eine Abstraktion, welche der Rückzug von der Realität 
und von der realen Tätigkeit ist. In der Entwicklung 
des empfangenden Vermögens als solchem würde sich 
demnach das Selbst an die Welt, in der abstrakten Selbst- 
bestimmung in sich selbst verlieren, oder der Mensch 
würde, wie es der Briefsteller selbst bezeichnend aus- 
drückt, »in dem einen Falle nie er selbst, in dem an- 
deren nie etwas Anderes, mithin in beiden Fällen keines 
von beiden, folglich Null sein«. Diese Nullität kann aber 
durch die Gleichzeitigkeit oder das Nebeneinander der 
sich unabhängig entwickelnden Empfänglichkeit und der 
abstrakten Selbstbestimmung nicht aufgehoben werden, 
da ein doppelter Verlust kein Gewinn ist, und während 
der Briefsteller das Resultat — die Nullität des Selbst — 
einseitig in dem Über- und Vorgreifen des einen Triebes 
in das Gebiet des anderen begründet sieht, müssen wir 
den Grund desselben in der abstrakten Scheidung beider 
Gebiete, also gerade darin finden, daß für die wider- 
sprechenden Tendenzen auch noch ein getrenntes Ob- 
jekt gesetzt wird. 

Allerdings haben wir anzuerkennen, daß der Eindruck 
oder das Erleiden nicht unmittelbar auf die Selbstbestim- 



121 



mung einwirken oder die bestimmende Tätigkeit zu einer 
bestimmten machen, die bestimmende Tätigkeit die Ein- 
drücke nicht im voraus abschneiden, die Empfänglich- 
keit einengen und das Bedürfnis des Erleidens zurück- 
drängen darf, wenn der Mensch sein eigenstes Wesen 
darstellen, also zur Freiheit und Sittlichkeit gelangen soll. 
Aber wenn die sittliche Freiheit sowohl bei dem Über- 
greifen des Willens, das die Empfindung aufhebt, als 
bei dem Übergreifen der Empfindung, das den Willen 
aufhebt, unmöglich ist, weil der Mensch in dem einen 
Falle auf die Selbstverwirklichung, in dem anderen auf 
die Selbstbeherrschung verzichtet, so ist sie ebenso un- 
möglich, wenn der Wille nicht durch die Empfindung, 
die Empfindung nicht durch den Willen bestimmt 
wird, und zwar ganz aus demselben Grunde, da der 
nicht durch die Empfindung bestimmte Wille entweder 
unwirksam ist oder die Empfindung aufhebt, die nicht 
durch den Willen bestimmte Empfindung die Willen- 
losigkeit beweist und hervorbringt. Wille und Empfin- 
dung haben sich also durch einander zu bestimmen, diese 
Bestimmung aber darf von keiner Seite eine vorgreifende 
und dadurch negierende, folglich keine unmittelbare 
sein, weil sie als solche eine äußerliche und äußerlich 
zwingende ist. Der unvermittelt durch die Empfindung 
bestimmte Wille ist nicht von innen und aus sich, die 
unvermittelt durch den Willen bestimmte Empfindung 
ist nicht ihrer Natur gemäß bestimmt und kann sich 
nicht zu dem entwickeln, was sie ist. Die Vermittlung 
aber, die zur Verwirklichung der menschlichen Emp- 
findung und des menschlichen Willens notwendig 
ist, muß eine in der Natur des Menschen an sich ge- 
gebene sein, und liegt einfach in derjenigen Form 



122 



des Weltbewußtseins, welche das Selbstbewußtsein hinter 
sich hat. Sonach soll und muß der Wille durch die 
Empfindung bestimmt werden; aber durch die Empfin- 
dung, welche mittels der Reflexion zum Bewußtsein ge- 
langt und zu einer Bestimmtheit desselben, und zwar zu 
einer Bestimmtheit des Welt- und Selbstbewußtseins 
geworden ist; umgekehrt soll und muß die Empfindung 
durch den Willen bestimmt werden, aber durch den 
Willen, der auf die fortgesetzte Verwirklichung 
des Welt- und Selbstbewußtseins gerichtet ist, also in 
diesem seinen Trieb hat. Der Wille soll durch die Emp- 
findung mittelbar seinen Inhalt empfangen, die Empfin- 
dung durch den Willen mittelbar ihre zweckgemäße, 
d. h. dem Zwecke der Weltergreifung und Selbstverwirk- 
lichung entsprechende Form erhalten; jener soll aus der 
Empfindung wie seinen Inhalt so seine Beweglichkeit 
schöpfen, diese soll durch den Willen zu einer tenden- 
ziösen, von dem Zufall der Eindrücke unabhängigen 
Tätigkeit werden. Erst hiemit ist ein Wechselverhältnis 
ausgesprochen, welches seine erste Möglichkeit in dem 
Vermögen, die empfangenen Eindrücke innerlich umzu- 
setzen oder zu reproduzieren, d. h. in dem Vorstellungs- 
vermögen und seine zweite in der Tendenz des Selbst- 
bewußtseins, sich zu verwirklichen hat. 

Diese Tendenz, welche sich des Empfindungsvermö- 
gens wie des Wirkvermögens bemächtigt, haben wir als 
Offenbarungstrieb charakterisiert, wobei zu bemerken ist, 
daß, wo sich Empfindungs- und Wirkvermögen findet, 
die Vermittlung des Vorstellungsvermögens nicht fehlen 
kann, und daß die Triebe der Empfindung und der 
Wirksamkeit als verschiedene Formen des Assimilations- 
triebes in diesem ihre ursprüngliche Einheit haben 



12 



müssen; daß aber der Assimilationstrieb mit jeder be- 
sonderen Existenz, die sich entwickelt und gestaltet, ge- 
geben, also Existenztrieb ist, und für jede höhere Exi- 
stenz eine höhere Form gewinnt, ohne daß seine Be- 
zeichnung als Trieb auch in der höchsten Form, die im 
Bereiche unserer Erfahrung liegt, unzulässig würde. Wenn 
wir ihn aber da, wo es sich um die Existenz des selbst- 
bewußten Wesens handelt, als OfFenbarungstrieb be- 
zeichnen, so muß er uns zwar auch in dieser Form als 
ein ursprünglicher, in der menschlichen Organisation an 
sich gegebener gelten; wir haben aber zugleich anzuer- 
kennen und hervorzuheben, daß er einerseits in der un- 
beherrschten Wirksamkeit der Assimilationstriebe, welche 
für die Existenz als solche notwendig ist, andrerseits in 
der Zufälligkeit der objektiven Existenzverhältnisse eine 
Schranke hat, welche er, um zur Entwicklung und Ge- 
staltung zu kommen, fortgesetzt überwinden muß, aber 
als bloßer Triebe d. h. ohne daß seine Entwicklung und 
Gestaltung der ausdrückliche Zweck des bewußten Wil^- 
lens wäre, nicht überwinden kann. Die Endlichkeit des 
Individuums, durch welche sein Existenztrieb ein ge- 
gebener und bestimmter ist, steht im Widerspruche zu 
der Freiheitstendenz, die in dem OfFenbarungstriebe wirkt, 
und diesen Widerspruch zu heben, also die Freiheits^ 
tendenz zum Durchbruch und zur Herrschaft zu bringen, 
ist eine Aufgabe, welche sich das Individuum als sol- 
ches, als vereinzeltes und sich selbst überlassenes, nicht 
einmal zu stellen, viel weniger also zu lösen vermag. 
Der Offenbarungstrieb verlangt, wie schon früher gesagt, 
seiner Natur gemäß das Gegenüber der empfangenden 
und produzierenden Tätigkeit, wenn er sich entwickelt 
hat; er verlangt aber dieses Gegenüber ebenso ent- 

124 



schieden und noch entschiedener, um sich zu entwickeln, 
d. h. er muß durch zweckbestimmte Einwirkungen zur Emp- 
fänghchkeit und Betätigung gebracht, geweckt, befrie- 
digt und bestimmt, mit einem Worte gebildet werden. 
Obgleich wir daher den Gegensatz der sinnlichen und 
vernünftigen Natur des Menschen, wie ihn der Brief- 
steller faßt, nicht anerkennen können, so hat er doch 
Recht, die Aufgabe der »Vermittlung«, die er als not- 
wendig für die Verwirklichung des menschhchen Wesens 
darstellt, als eine Aufgabe der Kultur, d. h. der Erzie- 
hung zu bezeichnen. Für die Bestimmung der Erziehungs- 
aufgabe aber ist es selbstverständlich nichts weniger als 
gleichgültig, wie das Verhältnis des sogenannten sinnlichen 
zu dem sogenannten Formtriebe, der die Wirksamkeit der 
Vernunft vertritt, gedacht worden ist, da die Konsequenzen 
dieses Grundgedankens, auch wenn die Schärfe derselben 
durch wesentliche Modifikationen aufgehoben scheint, 
immer wieder hervortreten müssen, wo es sich darum 
handelt, die herausgestellten Postulate für die Praxis zu 
bestimmen und auszuführen. 

2(i. Indem der Briefsteller die Notwendigkeit der ästhe- 
tischen Erziehung zu beweisen unternommen hat, kann 
er nicht die Unterdrückung der sinnlichen Natur des 
Menschen gerechtfertigt finden; was er verlangt, ist die 
Einschränkung des sinnlichen durch den Formtrieb, 
wie umgekehrt die Einschränkung des Formtriebes durch 
den sinnlichen, und weiterhin die Abspannung beider 
durch einander, welche nicht durch den Wechsel, sondern 
durch die Gleichzeitigkeit ihres Wirkens, oder dadurch 
hervorgebracht werden soll, daß sie einander in Schran- 
ken halten. Wenn aber die beiden Triebe sich ein- 
schränken sollen, indem sie neben einander wirken, d. h. 

125 



sich nicht in positiver Weise gegenseitig bestimmen, 
so ist die Schranke, die der eine dem anderen setzt, 
eine einseitige, welche jeden insoweit, als er für sich 
wirkt, freiläßt. Der Briefsteller behauptet nun mit vollem 
Recht, daß dieses Verhältnis der Unabhängigkeit nicht 
an sich besteht, sondern hergestellt werden muß, ob- 
gleich er auch, zwar nur nebenbei, aber in Konsequenz 
des Satzes, daß der sinnhche und der Formtrieb sich 
nicht in denselben Objekten begegnen, behauptet, daß 
die Überschreitung der jedem gegebenen Sphäre aus einer 
freien Übertretung der Natur folge — ein Widerspruch, 
der nur teilweise und nicht ausdrücklich gelöst wird. 
Daß bei dem Naturmenschen die Empfindung in das Ge- 
biet des Willens unmittelbar übergreift, ist eine unleug- 
bare Tatsache; ebenso aber wird die Empfindung un- 
mittelbar von dem Willen bestimmt, d. h. vor ihrer 
Entfaltung, also scheinbar geformt und tatsächlich unter- 
drückt, wo der Wille sein Gesetz nicht gewinnt, son- 
dern als solches empfängt und veräußert, wo dem- 
nach der Mensch, wenn wir in der früher angedeuteten 
Weise Wildheit und Barbarei unterscheiden, sich im Zu- 
stande der Barbarei befindet. Die unmittelbare Bestimmt- 
heit des Willens durch die Empfindung ist die Begierde, 
und auf diese, die im Willensgebiete hervortritt, muß 
sich der von einem jenseitigen bestimmte Wille zunächst 
richten, obgleich er in das weitere und äußerste Gebiet 
der Empfindung »regelnd« eingreift. Wie soll sich nun 
die Erziehung, die in einer äußerlichen Willens- und 
Lebensregelung nicht bestehen, aber ebensowenig die Be- 
gierden als solche walten lassen kann, zu diesen ver- 
halten? Der Briefsteller fordert, daß die Erziehung und 
Selbsterziehung die Kraft der Begierden nicht durch 

126 



Abstumpfung überwinden, sondern dieselben trotz ihrer 
Lebendigkeit beherrschen soll. Aber offenbar ist die Be- 
gierde ein »Übergriff« der Empfindung in das Gebiet des 
Willens, gegen welchen der Wille, um die Scheidung 
der Empfindungs- und Willenssphäre zu behaupten, re- 
agieren muß, und wie diese Reaktion, sofern der Wille 
durch die Empfindung absolut nicht bestimmt werden 
soll, nur negativ, also durch die Unterdrückung der Be- 
gierde stattfinden kann, so ist es dem Willen unter der- 
selben Voraussetzung einer abgesonderten Wirksamkeit 
allerdings nicht »erlaubt«, die Begierde bis zu ihrem 
Grunde zu verfolgen, also sie nicht entstehen zu lassen. 
Damit wäre als die normale Tätigkeit des Willens die 
fortgesetzte Unterdrückung der hervortretenden Begierden 
ausgesprochen, welche sich sicher nicht als eine Herr- 
schaft über dieselben und ebensowenig als eine Beherr- 
schung des Empfindungslebens, aus welchem die Be- 
gierden sich erzeugen, bezeichnen läßt. Wir müssen dem- 
nach sagen, daß die Aufgabe, die der Briefsteller der 
Selbsterziehung und deshalb der einwirkenden Erziehung, 
welche die Selbsterziehung ersetzt und ermöglicht, nach- 
träglich stellt, eine unausführbare ist, wenn durch eben 
diese Erziehung das Neben- und Außereinander der Emp- 
findung und des Willens hergestellt werden soll. Anders 
verhält es sich, wenn wir annehmen, daß die Empfin- 
dung den Willen an sich nicht bloß unmittelbar, son- 
dern auch mittelbar bestimmt, und daß dieses an sich 
gegebene Verhältnis durchgesetzt werden soll. Von die- 
sem Standpunkte aus ist es eine Aufgabe der Erziehung, 
die Begierden zur Entwicklung zu bringen, und die im 
Bewußtsein erfüllten und erhöhten Begierden zu befrie- 
digen; diese Aufgabe aber ist durchführbar, weil alle 

127 



Empfindungen, also auch diejenigen, welche zu Begierden 
ausschlagen, indem sie sich zu Vorstellungen umwan- 
deln, die Tätigkeit des Bewußtseins, die eine absondernde 
und kombinierende, eine konzentrierende und ausdeh- 
nende zugleich ist, bestimmend erregen, weil folglich die 
Vorstellungen, durch welche sich die Begierde vermittelt, 
indem sie ungebrochen auf das Selbstgefühl und den 
Willen wirken, zurückgehalten, aufgelöst und zu Be- 
stimmungen des objektiven und Selbstbewußtseins ent- 
wickelt werden können, ohne daß sie aufhören den 
Willen in Spannung zu setzen. Denn was diese Vor- 
stellungen für das Bewußtsein enthalten, ist die Korre- 
spondenz zwischen bestimmten Objekten und denjenigen 
Bedürfnissen, welche die tatsächliche Assimilation der 
Objekte, durch welche ihr Bestand aufgehoben wird, in 
Anspruch nehmen, also auf die tatsächliche oder äußer- 
Hche Existenzerfüllung und Existenzerweiterung gerichtet 
sind. Insofern aber diese Korrespondenz zum Bewußt- 
sein kommt, wird einerseits das besondere Objekt als 
Gegenstand der Reflexion schlechthin, andrerseits die Be- 
friedigung als Zweck gesetzt, der in der Bestimmtheit 
des Selbstgefühls seinen unmittelbaren Ausdruck hat. 
Sonach bleibt der Wille durch die Begierde, obgleich 
dieselbe eine höhere Form angenommen hat, bestimmt, 
oder er ist vielmehr erst jetzt als eigentlicher Wille, d. h. 
als Energie des Selbst bestimmt, während dem Objekt 
die Selbständigkeit, die es in der tatsächlichen Befriedi- 
gung verlieren soll, durch seine Aufnahme in das Be- 
wußtsein im voraus wiedergegeben ist. 

Wie aber das Selbstbewußtsein ohne die wechselnde 
Bestimmtheit des Selbstgefühls ein leeres und eben des- 
halb gestaltloses bleibt, so entwickelt sich das theore- 

128 



tische Interesse, dem die Objektivität als solche »inter- 
essant« ist, als energische Aneignungstendenz an den- 
jenigen Objekten, welche den Bedürfnissen der tatsäch- 
lichen Assimilation entsprechen oder widersprechen, sonach 
das Selbstgefühl, Lust oder Unlust wirkend, bestimmen, 
insofern sie zu allseitiger Vorstellung gebracht werden, 
und zwar geschieht dies, indem einerseits die Objekte, 
die als befriedigende gewußt werden, interessant bleiben 
und durch die Momente ihrer Erscheinung an die Mo- 
mente der Befriedigung erinnern, andrerseits die außer 
dem Kreise der tatsächlichen Befriedigung liegenden Ob- 
jekte, weil sie durch ihre momentane Ähnlichkeit an 
die zum Genuß gebrachten oder schmerzlich empfun- 
denen erinnern, die Empfindung berühren und hier- 
durch als innerliche und bedeutende vorstellig werden. 
Das Kind setzt sich zu allen Gegenständen, die seinen Sinn 
frappieren, in ein persönliches Verhältnis, indem es sie 
zu Gegenständen des Verlangens oder der Furcht macht, 
es gibt also seinem praktischen Interesse die weiteste 
Ausdehnung, und was der »werdende Mensch« an sich 
tut, hat der Erzieher in dieser wie in allen anderen Be- 
ziehungen zu regeln und durchzusetzen. Sonach ist es 
seine Aufgabe, die Gegenstände des theoretischen Inter- 
esses, das bei dem Zögling erst zu entwickeln ist, in 
den Umkreis des praktischen Interesses mittels der Vor- 
stellungen, die er von ihnen erweckt, hereinzuziehen; um 
dies aber zu können, vorerst die Gegenstände, zu denen der 
Zögling an sich ein unmittelbares und praktisches Verhältnis 
hat, zu objektivieren d. h. zu Objekten, mit denen sich 
die Vorstellung frei beschäftigt, zu erheben. Diese dop- 
pelte Operation, welche die Grenzlinien zwischen dem 
praktischen und theoretischen Interesse aufhebt, läßt all- 

Deinhardt, Schiller. 9 



mählich eine Objektivität für das letztere entstehen, d. h. 
aus dem Bereiche des praktischen Interesses teils heraus-^ 
teils zurücktreten. Der Erzieher kann aber, wie aus dem 
Bisherigen hervorgeht, in der geforderten Art nicht ope- 
rieren, ohne die Begierde in Spiel zu setzen, ohne 
sie also zweckmäßig, d. h. scheinbar willkürlich zu er- 
regen und zurückzuhalten, um ihre Befriedigung zu ver- 
mitteln. Auch wird das Spiel mit der Begierde von allen 
Erziehern, den natürlichen und den berufenen, denen, die 
es gelegentlich, und denen, die es ausdrücklich sind, min- 
destens instinktiv, also mit mehr oder weniger Bewußt- 
sein und mehr oder weniger zweckgemäß geübt. Indessen 
es ist dieses Mittel, um das theoretische Interesse zu ent- 
wickeln und die Freiheit des Willens zu begründen, ob- 
gleich unerläßlich, ein sehr unzureichendes und einsei- 
tiges. Die Erregung und Befriedigung haben Grenzen,, 
welche nicht überschritten werden können und dürfen, 
und ihr Gebiet ist ein viel zu enges, als daß es für die 
Bestimmung der Empfindung durch den Willen, und des 
Willens durch die Empfindung — eine Bestimmung, die 
wir als notwendig für die ausdrückliche Verwirklichung 
des Menschen aufgezeigt haben, und die, wie eine mittel- 
bare, so eine allseitige sein muß — die »Brücke« ab- 
geben könnte. Soll die Empfindung durch den Willen 
allseitig bestimmt werden, so muß vor allen Dingen 
die allseitige Betätigung und Übung der Sinnlichkeit als 
Zweck gesetzt sein, da der bewußte Zweck für die be- 
stimmende Tätigkeit des Willens notwendig ist, diese 
Tätigkeit aber eine durchgreifende sein muß, um keine 
einengende zu sein und die volle Entwicklung des »emp- 
fangenden« Vermögens zu sichern. Daher ist »allseitige 
Übung der Sinne« ein berechtigtes Losungswort der mo- 

130 



dernen Pädagogik, das freilich noch lange nicht zur 
»Wahrheit« geworden ist, und zwar unter anderem des- 
halb, weil man die Notwendigkeit, die Empfindung 
mittelbar zu bestimmen, übersieht. Nur als vermittelte 
ist die Übung der Sinne eine zwanglose, wie sie es sein 
muß, und da das theoretische Interesse, welches die 
Übung motiviert, erst zu erzeugen, dasjenige Inter- 
esse aber, welches sich aus der Begehrlichkeit entwickeln 
läßt, ein beschränktes ist, so fragt es sich, worin die 
weitere Vermittlung der allseitigen Sinnentätigkeit be- 
stehen soll. Um diese Frage zu beantworten, haben wir 
uns daran zu erinnern, daß der Wille ein gleiches Ver- 
hältnis zu dem Wirkvermögen, wie der Erkenntnis- 
trieb zu dem Empfindungsvermögen hat, woraus von 
selbst folgt, daß für die Entwicklung des Willens als 
solchen, d. h. seiner Energien die allseitige Entwick- 
lung des Wirkvermögens notwendig ist. Hiermit aber 
ist ein »Gebiet« gegeben, auf welchem der noch unent- 
wickelte und unbewußte Wille durch den entwickelten 
und bewußten Willen — den erziehenden — unmittelbar 
bestimmt werden kann und muß, wo sich also die Selbst- 
bestimmung des Willens in dem Verhältnis des Erzie- 
hers und des Zöglings realisiert, so daß dieses Verhältnis, 
soweit das Wirkvermögen zu der Betätigung gelangt, 
für welche es angelegt ist, als ein entsprechendes und 
freies empfunden wird. 

Demnach hat der Erzieher, wenn er die Empfindung 
bestimmen will, den Willen des Zöglings in Anspruch 
zu nehmen, und muß, um dies zu können, den Willen 
für sich, also auf seinem Gebiete, dem der wirkenden 
Tätigkeit, entwickelt haben, womit die pädagogische 
Reglung der Wirktätigkeit als die eine Seite der Er- 

131 



Ziehung und als das notwendige Mittel für die Entwick- 
lung des Empfindungsvermögens und die des theoreti- 
schen Interesses, welches als die Tendenz für jene Ent- 
wicklung hervortreten soll, ausgesprochen ist. Wir haben 
daher die Forderung, die wir vorhin mit Bezug auf die 
erzieherisch zu entwickelnde, zu bildende und zu be- 
nutzende Begehrlichkeit aussprachen, daß der Erzieher 
die Gegenstände und Materien, die dem ZögHnge indiffe- 
rent sind, weil das theoretische Interesse für dieselben 
noch nicht vorhanden ist und vorhanden sein kann, in 
das Bereich des praktischen Interesses hereinziehen 
müsse, festzuhalten, aber den Begriff des praktischen 
Interesses auszudehnen und in denselben das Betäti- 
gungsbedürfnis und die Betätigungstendenz des Wirk- 
vermögens aufzunehmen. Jenes — das Betätigungsbe- 
dürfnis — ist durch die Notwendigkeit bedingt, die 
Gegenstände der tatsächlichen Assimilation herzustellen, 
also die gegebenen Objekte dem Zwecke der Assimila- 
tion gemäß umzuformen ; diese — die Betätigungs t e n- 
denz — hat in dem gegebenen Vermögen ihre orga- 
nische Realität und ist auf diejenige Assimilation der 
Objekte gerichtet, welche eine objektive Existenzsphäre, 
die dem allgemeinen Existenzbedürfnisse und der per- 
sönlichen Existenzform entspricht, schafft und ausprägt. 
Sie hat also die Tendenz der Selbstdarstellung hinter 
sich, und ist die Tendenz der realen Darstellung 
dessen, was innerlich Form gewonnen hat, während die 
den unmittelbaren und besonderen Existenzbedürfnissen 
dienende Tätigkeit nicht die Form als solche herausstellt, 
sondern den Gegenständen eine »dienende«, für sich be- 
trachtet gleichgültige Form gibt. Wie aber die unmittel- 
bare, so ist auch die vermittelte, nämlich durch die 

132 



Herstellungstätigkeit vermittelte Befriedigung eine be- 
schränkte und beschränkende, und zwar beides um so 
mehr, je weniger das Herstellungsvermögen entwickelt 
und je drängender dabei das Bedürfnis der organischen 
Betätigung und Entfaltung ist, so daß sich einerseits das 
Unvermögen zu der bestimmten Leistung, andrerseits die 
mit dieser Bestimmtheit gegebene Beschränktheit, über 
welche das an sich vorhandene Vermögen hinausreicht 
und hinausstrebt, gleichzeitig fühlbar machen. Hieraus 
folgt für die pädagogische Tätigkeitsreglung, daß das 
Wirkvermögen vorerst als Darstellungs vermögen in 
Anspruch genommen und entwickelt, die Herstellungs- 
tätigkeit dagegen allmählich und zwar derartig ein- 
treten muß, daß sie als solche, also abgesehen von 
der schließHchen Benutzung, durch das Bewußtsein einer 
zweckentsprechenden und das Vermögen bildenden Be- 
tätigung anzieht und befriedigt. Damit scheidet die Er- 
ziehung allerdings von vornherein das Gebiet der Be- 
gehrlichkeit, in dem sich der Zögling wesentlich emp- 
fangend verhält, und das der Tätigkeit, welche zuerst 
auf die Form als solche gerichtet ist, sie bestimmt aber 
auf dem einen wie auf dem anderen Gebiete die Emp- 
findung wie den Willen, indem sie die Begierde, welche 
die unmittelbare Bestimmtheit des Selbstgefühls durch die 
Empfindung ist, zum bewußtvollen Verlangen, welches 
den Willen füllt, erhebt, und die unmittelbare Betäti- 
gung der Willensenergie für ein Schaffen in Anspruch 
nimmt, das nicht nur an sich Sinnenübung ist, son- 
dern auch für die Sinnenbefriedigung stattfindet, soweit 
diese an sich eine theoretische, von der materiellen Be- 
dürftigkeit freie ist, woraus sich von selbst ergibt, daß die 
Entwicklung des theoretischen Interesses an den Stoffen 



und Objekten, mit denen der Zögling zu tun hat, aus 
dem praktischen Interesse der Darstellung und Herstellung 
keiner weiteren und ausdrücklichen Vermittlung bedarf, 
sondern eine durchaus naturgemäße ist, wogegen die syste- 
matische und zwecklos erscheinende Übung der Sinne als 
solcher als ein unnatürlicher Zwang empfunden werden muß. 
27. Wir sehen demnach in dem »Spiel mit den Be- 
gierden« und in der pädagogisch geleiteten Wirktätigkeit 
die unentbehrUchen Mittel, um in der Tat den Willen 
durch die Empfindung und die Empfindung durch den 
Willen mittelbar zu bestimmen, wie es, nach der obigen 
Ausführung, notwendig ist, wenn die Entwicklung des 
Menschen, soweit sie von der einwirkenden und Selbst- 
erziehung abhängt, d. h. soweit sie Entwicklung der 
höheren Menschlichkeit ist, eine zugleich einheithche und 
volle sein soll. Fragen wir aber nachträglich, worin das 
Spiel mit den Begierden, d. h. ihre pädagogische Er- 
regung, Auflösung und Verinnerung zu bestehen hat, 
insofern es ein geregeltes, von dem Zufall, der dem 
Zöglinge Gegenstände der Begierde oder des Abscheus 
entgegenbringt, unabhängiges sein soll und sein muß, 
so müssen wir die Entwicklung der Begierde von vorn- 
herein als eine innerliche, folghch sich nicht nur in 
Vorstellungen auflösende, sondern auch durch Vorstel- 
lungen vermittelte fordern, wozu die Möglichkeit, auf 
die vorstellende Tätigkeit bewegend und bestimmend ein- 
zuwirken, vorhanden sein muß und in der Sprache 
gegeben ist. Demnach ist es die Aufgabe des Erziehers, 
das Gebiet der Vorstellung von dem der gegebenen Wirk- 
lichkeit abzuscheiden und inne;rhalb dieses Gebietes die 
Begierden mit ihren Modifikationen, also die Hoffnung 
und Furcht, das Wünschen und Bangen, die Freude und 

134 



■den Schmerz in Spiel zu setzen, oder ein eigenes Phan- 
tasieleben, dessen Gefühlserregungen nicht minder ener- 
gisch und teilweise energischer sind wie die des wirk- 
lichen Erlebens, zu wecken und zu gestalten. Was aber 
die Welt der Phantasie, in welche der werdende Mensch 
versetzt werden soll und versetzt zu werden verlangt, 
von der wirklichen zunächst unterscheidet, ist dies, daß 
in dieser die Objekte in der gegebenen Gestalt und 
in ihrem selbständigen Bestände verharren, während sie 
in jener flüssig werden und in einander übergehen. Die 
Phantasiewelt, wie sie der Tendenz des Kindes ent- 
spricht, ist eine Welt der Verwandlungen, und zwar 
von Verwandlungen, die dem Wunsche und der Furcht 
gemäß stattfinden, in welchen sich demnach diejenige 
Vorstellungstätigkeit, die Verlangen und Furcht bedingt, 
durchsetzt und frei wird. Indem das Kind, wie früher 
gesagt, das Ferne und Fremde wie das Nahe und Be- 
]{annte, aber für seine Zuständlichkeit gleich Indifi"erente, 
zu sich selber in ein persönliches Verhältnis bringt, leiht 
seine Phantasie der äußeren Erscheinung einen Hinter- 
grund oder ein Geheimnis, durch welche sie zum ber- 
genden Schein oder zu einer Maske wird, hinter welcher 
die eigentliche Gestalt lauert. Diese Vorstellung aber ist 
dne verschwindende, weil und insofern der Gegenstand 
in seinem Bestände verharrt, während sie im Gebiete 
der Phantasie das zunächst bestimmt vorgestellte Objekt 
umwandelt und damit das gleichzeitig, aber unbe- 
stimmt vorgestellte Geheimnis offenbart. Hiernach ent- 
bindet und befriedigt sich die dem Kinde eigene Phan- 
tasietendenz erst und nur in der Phantasie weit, die es 
sich selbständig zu schaffen und zu gestalten nicht ver- 
mag, in welche es also einzuführen ist. Diese Phantasie- 
Mi 



weit aber, die dem kindlichen Bedürfnis entspricht, 
ist die Märchenwelt, das Produkt des naiv spielenden 
Glaubens, welches eine Generation der anderen überliefert, 
weil es nur im Kindheitsalter des ganzen Volkes pro- 
duziert werden kann, das Bedürfnis aber ein sich fort- 
gesetzt erneuendes ist. Wir haben sonach in dem Mär- 
chen — der Volksdichtung, deren mannigfach variiertes 
Thema das Wunder und der Zauber, der Wunsch und 
die Verwandlung abgeben — als ein erstes und not- 
wendiges Bildungsmittel der Phantasie, und zwar als ein 
Mittel, welches, indem es die Phantasietätigkeit befreit, 
der Begehrlichkeit eine höhere Form und einen tieferen 
Inhalt gibt, anzuerkennen. Wie aber neben der dar- 
stellenden die herstellende Arbeit rechtzeitig eintreten 
muß, um das Wirkvermögen allseitig zu entwickeln, das- 
selbe zu einem energischen zu machen und für die Dar- 
stellung einen realeren Inhalt zu gewinnen, als es bei 
der einseitigen Übung der Darstellungstätigkeit möglich 
ist, so muß von dem Märchen aus einerseits der Über- 
gang zu der Reproduktion des wirklichen Ereignisses, 
also zu einzelnen Geschichten und schließlich zur Ge- 
schichte gefunden werden, w^ährend es andrerseits, indem 
die Bewegung der Sprache wie die Bewegung der Phan- 
tasie eine feste Regel annehmen und ihren Inhalt der 
Wirklichkeit abgewinnen, zur Dichtung erhöht und 
ausgeprägt wird. Dieser Fortschritt aber hebt das Neben- 
einander der innerlichen Phantasiebeschäftigung und 
der auf das objektive Produkt gerichteten Betätigung des 
Wirkvermögens nicht auf, sondern es ist vielmehr von 
vornherein eine Vermittlung der innerlich verharren- 
den und der objektiv wirkenden Tätigkeit notwendig, 
die sich als notwendige im kindHchen Bedürfnis und der 

136 



selbsttätigen Befriedigung desselben deutlich genug aus- 
spricht, und nur in einer freien und allseitigen Betäti- 
gung des Wirkvermögens, welche die tätige Befriedigung 
des Phantasievermögens ist, oder in der Selbstbetätigung 
und Selbstdarstellung, welche sich unmittelbar eine 
eigene Objektivität schafft, bestehen kann. 

Damit haben wir das Bedürfnis und das Wesen des 
Spiels ausgesprochen, welches, indem es sich zu ver- 
schiedenen Spielen auseinandersetzt, bald das Moment 
der Selbstdarstellung, bald das der objektiven Darstellung 
entschiedener heraustreten läßt, aber ohne daß die Selbst- 
darstellung jemals als abstrakter Zweck gesetzt würde 
und ohne daß die Darstellung oder Nachahmung einer 
objektiven Wirksamkeit in diese selbst überginge und 
die Freiheit der Bewegung aufhöbe. Die objektive Wirk- 
samkeit bleibt im Spiele Schein und insofern eine 
»zwecklose« Tätigkeit, die zwecklose Selbstbetätigung 
aber verlangt eine Regel, in welche sie sich, ihre Frei- 
heit bewährend, einfügt, oder eine Form, deren Darstel- 
lung ihr objektives Interesse ist. Da das Spiel demnach 
die gleichzeitige Befriedigung der Phantasietendenz 
und des objektiven Wirktriebes ist, so kann es zwar die 
ausdrückliche und innerHche Phantasiebefriedigung auf 
der einen, die ausdrückhche und reale Betätigung des 
Wirkvermögens auf der anderen Seite nicht ersetzen, 
vielmehr hat es erst in diesen beiden die Möglichkeit 
einer fortgesetzten Entwicklung und Ausbildung, es ist 
aber als die unmittelbare Einheit des Phantasierens 
und Tuns die erste Betätigung des Offenbarungstriebes, 
die bei der menschlichen Anlage »von selbst« eintreten 
muß, und wird weiterhin seine höchste, indem es den 
Inhalt des Bewußtseins, der aus der innerlichen Phan- 



137 



tasiebefriedigung und der praktischen Bewältigung der 
Objekte resultiert, in sich aufnimmt, und die in jener 
wie in dieser entwickelten Energien in Wechselwirkung 
treten läßt. Damit ist ausgesprochen, daß die Erziehung, 
indem sie das Phantasievermögen als innerliche Beweg- 
lichkeit auf der einen, das Wirkvermögen auf der anderen 
Seite ausdrücklich in Anspruch nimmt und bestimmt, 
dem frei gegebenen und von selbst zur Übung gelangen- 
den Spiele mittelbar einen höheren Inhalt und eine 
höhere Form gibt, als es ohne die erzieherische Einwir- 
kung zu erlangen vermag. Die Erziehung darf es aber 
nicht dabei bewenden lassen, daß sie den Spieltrieb 
mittelbar erhöht und vertieft, sie muß sich vielmehr des- 
selben, ohne ihm einen unnatürlichen Zwang anzutun, 
bemächtigen, weil sie nur hierdurch den Zusammen- 
hang ihrer Einwirkungen sichert und durchsetzt. 
Denn obgleich das Kind den Spieltrieb notwendig selbst 
und selbständig befriedigt, weil zunächst seine ganze 
Betätigung im Spielen aufgeht, d. h. seine Lebensäuße- 
rung schlechthin eine spielende ist, so liegt doch die 
Gestaltung vollkommen bestimmter Spiele — die 
als solche notwendig gemeinsame sind — über seinem 
Vermögen, und es verhält sich mit diesen wie mit den 
Märchen: sie gehören der Tradition an, und die Auf- 
gabe des Erziehers besteht auch hier nicht in der will- 
kürlichen Erfindung, sondern in der Erhaltung und be- 
dürfnisgemäßen Modifikation des Überlieferten, eine Auf- 
gabe, die sich allerdings noch anders stellt, wo die 
lebendige Tradition — infolge einer unästhetischen Zivili- 
sation — abgeschwächt, also die Restauration notwen- 
dig ist, als da, wo sie in Volk und Jugend mit der Kraft 
der Fortpflanzung auch die der Neugestaltung hat. 

138 



28. Die verschiedenen Aufgaben der Erziehung, welche 
wir hiermit charakterisiert haben, sind die Auseinander- 
setzung der einen Aufgabe, den in der menschlichen 
Natur und Organisation gegebenen Offenbarungstrieb von 
vornherein, d. h. sobald die erzieherische Einwirkung 
beginnt, zu allseitiger und geregelter Betätigung zu brin- 
gen, um ihn derartig zu stärken und zu bilden, daß er 
die durchgreifende Form des Assimilationstriebes abgibt. 
Die Erziehung, welche sich diese Aufgabe stellt und sie 
durchführt, ist die ästhetische — ein Begriff, der ein 
notwendiges, noch näher zu bestimmendes Verhältnis zu 
dem der Schönheit hat — die ästhetische Erziehung 
aber ist die ganze Erziehung, d. h. durch ihren Zweck 
sind alle Erziehungs- und Bildungsmittel derartig be- 
dingt, daß sie in demselben ihren notwendigen Zusam- 
menhang haben, obgleich das Verhalten und die Betäti- 
gung der Zöglinge nicht durchweg eine ästhetische im 
engeren Sinne, also ästhetisches Genießen und Produ- 
zieren sein kann und sein soll. Dieses verschiedene Ver- 
hältnis der verschiedenen Erziehungsmittel zu dem einen 
Zwecke der ästhetischen Bildung haben wir schon an- 
gedeutet, und heben noch hervor, daß, wie die prak- 
tische Betätigung zu der zweckgemäß herstellenden Ar- 
beit fortgehen muß, so das theoretische Interesse und 
die theoretische Fähigkeit in demselben Maße, als sie 
entwickelt sind, für sich in Anspruch genommen und zu 
einer konsequenten Betätigung, welche nur in der syste- 
matischen Wissensaneignung bestehen kann, gebracht 
werden müssen, daß ferner das Moment der Selbstdar- 
stellung, welches im Spiel als bestimmendes enthalten 
ist, sobald sich der Organismus genügend entwickelt und 
befestigt hat, für sich zu fassen und als Zweck der aus- 

139 



drücklichen Selbstgestaltung zur Geltung zu bringen 
ist, womit wir die pädagogische Notwendigkeit der Gym- 
nastik aussprechen. — Die ästhetische Erziehung schließt 
die praktische, die intellektuelle und sittliche ein; sie 
treibt also weder das theoretische noch das praktische 
Interesse und Vermögen zu einer einseitigen Entwick- 
lung — eine Einseitigkeit, welche trotz der Übertreibung 
die Mangelhaftigkeit und Beschränktheit bedingt — und 
sie ist die »wirkliche« Erziehung zur sittlichen Freiheit, 
d. h. sie begnügt sich nicht, dieselbe zu ermögHchen — 
sofern die Möglichkeit negativ, d. h. als Unbestimmtheit 
gefaßt wird — sondern stellt sie dadurch her, daß sie 
zu der Betätigung, in welcher der Mensch wahrhaft frei 
ist, bestimmt und befähigt. Allerdings liegt in dem Be- 
stimmtwerden zu einem freien Verhalten ein Widerspruch, 
aber dieser Widerspruch ist der der Erziehung überhaupt, 
indem diese die Aufgabe hat, aus dem Menschen zu 
machen, was er an sich ist, er liegt also weiterhin in 
der Natur des Menschen, der seine Bestimmung nur er- 
füllt, insofern er sich selbstbewußt zur Existenz bringt, 
während doch das Selbstbewußtsein nur in demselben 
Maße, in welchem die Existenzgestaltung durchgesetzt 
ist, zu der Freiheit, d. h, Klarheit gelangt, die im Be- 
griffe desselben gefordert ist. Dieser schließliche Wider- 
spruch ist ein lösbarer, weil einerseits die Verwirklichung 
des Menschen in der Zeit stattfindet und notwendig eine 
stufenweise ist, der Trieb aber, von welchem sich das 
Selbstbewußtsein noch nicht abgelöst hat, die verdeckte 
Wirksamkeit desselben ist und unmittelbar das Selbst- 
gefühl verwirklicht, also durch seine Befriedigung das 
Gefühl der Freiheit hervorbringt, und weil andrerseits 
das Wesen des Menschen nicht in dem einzelnen In- 

140 



dividuum, sondern nur in dem Verhältnis oder der ver- 
mittelten Einheit der Individuen zur Darstellung und 
Verwirklichung kommen kann, da der Gattungsbegriff 
selbstbewußter Individuen zunächst den wesentlichen 
Unterschied derselben voneinander und sodann die aus- 
drückliche Ausgleichung dieses Unterschiedes, durch welche 
die Gattung als solche wirklich wird, bedingt, weil es 
demnach dem Postulate der menschlichen Selbstbestim- 
mung nicht widerspricht, daß sie durch bestimmende 
und bestimmte Individuen dargestellt wird, insofern der 
bestimmende Wille mit der unbewußten Tendenz zu- 
sammentrifft und das bestimmte Individuum seinerseits 
zum bestimmenden werden kann und soll, also das aus- 
gesprochene Verhältnis ein sich fortsetzendes und um- 
kehrendes ist. 

Hieraus folgt, daß die Erziehung, die systematische 
Bestimmung des Triebes durch den bewußten Willen, 
möglich, und daß sie, um die Selbstbestimmung zu ver- 
wirklichen und fortzusetzen, notwendig ist. Ihre Auf- 
gabe, den Menschen zu dem zu machen, was er an sich 
ist, enthält also keinen Widerspruch, insofern sie den 
Trieb nicht willkürlich, sondern in Gemäßheit seiner 
Natur und Tendenz bestimmt, folglich das freie Ver- 
halten des Zöglings nicht nur als schließliches Resultat 
erzielt, sondern von vornherein und fortgesetzt dadurch 
verwirklicht, daß sie mittels der Befriedigung des Trie- 
bes, dessen jedesmalige Betätigung ein Akt der Befreiung 
ist, das G e f ü h 1 der Freiheit, das die momentane Er- 
hebung des Selbstgefühls zum Selbstbewußtsein ist, er- 
zeugt. Der Begriff der Sittlichkeit aber drückt weiter 
nichts als die Wirklichkeit der menschlichen Freiheit aus, 
deren Grundbedingung das Gegenseitigkeitsverhältnis der 

141 



Individuen zueinander — die Gemeinschaft — ist. Der 
Mensch ist sittlich, wenn er in den Anderen sich selbst 
findet, das gemeinsame Bewußtsein »offenbarend« her- 
zustellen und die ihm entsprechende gemeinsame Exi- 
stenz zu verwirklichen strebt, folglich mit der Freiheit 
Ernst zu machen den Willen und die Fähigkeit hat. 
Hieraus folgt, daß die ästhetische Bildung die sittliche 
vollkommen einschließt, da in ihr der Trieb schlechthin 
zur Menschlichkeit erhoben ist, und die Fähigkeit zu 
einem positiv freien Verhalten, die Energie des Offen- 
barungstriebes ohne die Entwicklung des Gemeinschafts- 
bewußtseins und des Gemeinschaftssinnes nicht gedacht 
werden kann. Daß die ästhetische Erziehung als Einzel- 
erziehung unmöglich ist, daß sie die faktische Gemein- 
schaftlichkeit der Betätigung verlangt und die Fähigkeit, 
der Gemeinschaft die gerade nötige Form zu geben, her- 
ausbildet, ist schon wiederholt angedeutet, und läßt sich, 
wenn die sittliche Seite der Erziehung betont werden 
soll, aus der Natur der ästhetischen Bildungsmittel auf 
das bestimmteste nachweisen. Während die darstellende 
Arbeit allerdings als Betätigung des Einzelnen denkbar 
ist, aber die Tendenz, der jenseitigen Empfindung zu 
genügen, hinter sich hat, ist bei der herstellenden 
Arbeit die ineinandergreifende, faktisch gemeinsame Tätig- 
keit durch die ihr zukommende Zweckmäßigkeit bedingt, 
und während die innerliche Reproduktion des Geschehenen 
und Geschehenden, also der Lebendigkeit mensch- 
licher Verhältnisse die sozialen Begierden und Leiden- 
schaften zur Reflexion bringt und veredelt, stellt das 
Spiel an sich die sich frei formende Gemeinschaft dar 
und die Spielfreude ist wesentlich Gemeinschaftsgenuß. 
Daraus ergibt sich, daß für das Moment der sittlichen 

142 



Bildung auf die herstellende Arbeit und auf das Spiel 
ein vorzugsweises Gewicht zu legen ist, da sie die prak- 
tischen Erziehmittel zur Sittlichkeit sind, ohne welche 
die theoretischen unwirksam bleiben, während sie neben 
und mit ihnen nicht nur die sittliche Tendenz, son- 
dern auch die sittliche Fähigkeit, insoweit diese in der 
Beweglichkeit des Gemüts und dem Vermögen der Mit- 
leidenschaft beruht, herausbilden. Was also notwendig 
ist, um die ästhetische Bildung durchzusetzen, d. h. zu 
einer zusammenhängenden, nachhaltigen und wahrhaft 
persönlichen zu machen, ist gleich notwendig, um nicht 
nur sittliche Tendenzen anzuregen, sondern den sittlichen 
Menschen herzustellen, und wie ohne den ästhetischen 
Erziehungszweck, der alle Erziehmittel zusammenfaßt, 
der einheitliche Erfolg der Erziehung überhaupt unmög- 
lich ist, so kann insbesondere aus der unästhetischen 
oder »nebenbei« ästhetischen Erziehung unmöglich die 
sittliche Persönlichkeit, die eine mit sich einige sein muß, 
hervorgehen, während sie das gewisse Resultat- der ästhe- 
tischen Erziehung, die ihren Zweck erreicht, ist. 
Das letztere kann allerdings niemals durchgängig der 
Fall sein, weil die Wirksamkeit der Erziehung immer 
und notwendig eine relative ist, und zwar, in ihrer 
Naturgemäßheit und Vollkommenheit gedacht, als mehr 
oder minder starres Hemmnis einerseits der Schwäche 
oder Abnormität der individuellen Naturen oder Or- 
ganisationen, andrerseits die Natur des an sich freien 
Willens hat, der sich nicht nur immer als Willkür ankün- 
digt und, negativ gefaßt, Willkür ist, sondern auch seinen 
negativen Charakter zu reservieren oder seine eigentliche 
Energie in die Negation zu legen, also sich jeder Be- 
stimmung entgegenzusetzen vermag. In diesem Vermögen 

143 



offenbart sich das, was Schiller die dämonische Natur 
des Menschen nennt, und es muß in dem Entwicklungs- 
prozesse der Freiheit zu momentaner Betätigung kom- 
men, um die Gewißheit der Selbstbestimmung zu geben 
und zu erhalten, drückt aber als festgehaltene Tendenz 
und einseitige Energie eine innerliche Abnormität aus, 
die als solche nur eine Ausnahme sein kann. 

Damit ist ausgesprochen, daß der Erzieher wie jeder 
Künstler durch seinen Stoff, der ein unzureichender oder 
schlechthin widerstrebender sein kann, beschränkt ist, 
und daß er insbesondere den sittlichen Willen nicht un- 
mittelbar, d. h. durch Einwirkungen auf die innerlichste 
Willenstätigkeit zu erzeugen vermag, aber keineswegs, 
daß er auf die Herstellung der sittlichen Persönlichkeit 
zu verzichten hat. Die Erziehung, aus welcher die sitt- 
liche Persönlichkeit nicht resultiert, soweit dieses Re- 
sultat bei den gegebenen Individualitäten möglich ist, 
ist eine halbe oder verkehrte, und wenn wir behaupten, 
daß die ästhetische Erziehung als ausgeprägte und aus- 
gestaltete die ganze Erziehung ist und demnach die 
ganze Erziehung i n der ästhetischen begriffen sein muß, 
so dürfen wir nicht zugeben, daß mit der Herstellung 
des ästhetischen »Zustandes«, insofern dieser als die Zu- 
ständlichkeit der Person begriffen wird, nur die Mög- 
lichkeit des »moralischen, wie des logischen Zustan- 
des« hergestellt werde, so daß es außer der ästhetischen 
noch eine moralische Erziehung geben müßte oder die 
moralische Erziehung überhaupt unmöglich wäre. Den 
Gedanken aber, daß der moralische, nämlich der frei 
sittliche und der logische Zustand nur durch den ästhe- 
tischen möglich wird, führt der Briefsteller durch meh- 
rere Briefe hindurch in der Art aus, daß er in dem 

144 



ästhetischen Zustande auch nicht mehr als die Mög- 
lichkeit des moralischen und logischen anerkennen 
will, um den SittlichkeitsbegrifF, den er mit der Ent- 
gegensetzung der sinnlichen und vernünftigen Natur des 
Menschen angenommen hat, nicht aufgeben zu müssen. 
Allerdings versteht er unter- dem ästhetischen Zustande 
nicht sowohl den ästhetischen Charakter der zur Wirk- 
lichkeit gebrachten Persönlichkeit als die durch ästhe- 
tische Einwirkungen — die Schönheit — hervorgebrachte 
»Stimmung«, und wir müssen mit ihm zugestehen 
oder vielmehr hervorheben, daß die ausdrücklich hervor- 
gebrachte ästhetische Stimmung sich verflüchtigt, ohne 
ein Resultat für »den Verstand und die Gesinnung« ab- 
zusetzen, insofern die Fähigkeit, nicht nur die Wirk- 
lichkeit fortgesetzt ästhetisch zu b e handeln, sondern auch 
aus der gehobensten ästhetischen Stimmung und Be- 
stimmtheit heraus, diese Stimmung und Bestimmtheit 
betätigend, zu handeln, also die ästhetischen Eindrücke 
nicht sowohl in ästhetische Taten als in Taten ästheti- 
schen Charakters zu übersetzen, nicht ausdrücklich 
herausgebildet ist, daß demnach auch die bleibende 
ästhetische Stimmung die Energie des sittlichen Willens 
keineswegs verbürgt. Aber die ganze und ausgestaltete 
ästhetische Erziehung bildet in der Tat| die doppelte 
Fähigkeit, die wir eben bezeichnet, heraus, weil sie von 
vornherein und konsequent fortschreitend die ästhetische 
Betätigung bis zum äußersten Tun fortsetzt, und die 
Ideale schöner Gemeinschaft, die sie erzeugt, zu un- 
mittelbarer und lebendiger Darstellung bringt, folglich 
das ästhetische Genußbedürfnis in das ästhetische Dar- 
stellungsbedürfnis und zwar in ein über die ästhetische 
Produktion im engeren Sinne hinausgreifendes umsetzt. 

Deinhardt, Schiller. lO 



Offenbar schließt aber die Fähigkeit, die Schönheit im 
Leben darzustellen, den bewußten Willen hierzu ein, 
weil sie ohne diesen Willen nicht entwickelt und ge- 
bildet werden könnte, und wenn die Schönheit des Le- 
bens die schöne Gemeinschaft und diese die sittUche 
Wirklichkeit oder die wirkUche SittUchkeit ist, so er- 
zeugt die ästhetische Erziehung den Sittlichkeitsbegriff 
wie die Energie seiner Verwirklichung, indem sie ihn 
aus dem Erleben und Tun hervorgehen wie das Er- 
leben und Tun fortgesetzt bestimmen läßt. 

Dieser aus dem Erleben und Tun entwickelte Sittlich- 
keitsbegriff ist der erfüllte, der durch die Betätigung 
entwickelte Wille der wahrhaft freie, während ein Sitten- 
gesetz, welches sich als ein in der Vernunft gegebenes 
der Wirksamkeit des Naturtriebes entgegensetzen und, 
nachdem die Nötigung des Triebes aufgehoben ist, seiner- 
seits zu freier Wirksamkeit kommen soll, notwendig den 
Charakter einer abstrakten Moral an sich trägt, und den 
Kampf des Willens mit dem Triebe, den es eingeleitet 
hat, fortgesetzt fordern muß. Denn wenn das Sittengesetz 
als ein in der Vernunft gegebenes erscheint und 
als solches in seine Bestimmungen auseinandergesetzt 
wird, so geschieht dies, weil der unbefriedigte, in seiner 
Äußerung gehemmte Form- oder Offenbarungstrieb sich 
zurück- und zusammennimmt, um sich vorerst den Aus- 
druck einer unbedingten Notwendigkeit zu geben, dieser 
Ausdruck ist aber in der Tat ein bedingter, und zwar 
die ausdrückliche, aber abstrakte Negation der erfah- 
renen Hemmungen oder des formlos wirkenden Trie- 
bes, dessen sich die Formtendenz nicht zu bemäch- 
tigen vermag. Eine »Moral«, welche auf diese Art »ent- 
steht«, ist also keineswegs das Produkt der frei wirkenden 

146 



sondern der gehemmten Vernunfttätigkeit, und kann, 
weil ihre Bestimmungen wesentlich negative, und zwar 
einseitig und vorgreifend, negative sind, nicht die Posi- 
tion der wirklichen und freien Sittlichkeit enthalten. Sie 
beschränkt sich, insoweit sie positive Bestimmungen 
hat oder ein positiv Notwendiges ausdrückt, auf die 
Grundbedingungen der sozialen Existenz, ohne welche 
diese überhaupt nicht gedacht werden kann, ist also, so- 
weit sie positiv ist, der Ausdruck eines unfreien Zu- 
standes, während ihr das positive Ideal des freien Zu- 
stand es fehlt, folglich dieser einseitig in die negative 
Tätigkeit, die sich gegen die überall durchbrechende 
Wirksamkeit des nur äußerlich beschränkten Triebes richtet, 
gesetzt werden muß. Ebenso verhält es sich mit der 
Betätigung des objektiven Bewußtseins, welches sich der 
Objektivität nur scheinbar und formell bemächtigt, wenn 
es aus der Zurückgezogenheit von der Welt der 
Empfindungen und Erscheinungen heraus in Tätigkeit 
treten will und soll, ohne daß die Zurückgezogenheit 
wirklich und sich fortgesetzt erneuende Sammlung, 
folglich das Bewußtsein fortgesetzt in dem Empfin- 
dungstriebe tätig gewesen wäre und sich entwickelt 
hätte. Jede Weltanschauung aber, welche aus der vor- 
eiligen Zurückgezogenheit von der Welt der Empfin- 
dungen und Erscheinungen oder aus einem Akte gewalt- 
samer Abstraktion, welcher die Äußerlichkeit als solche 
negiert, hervorgeht, objektiviert notwendig den Bruch 
mit der Wirklichkeit als den Gegensatz des Geistes und 
der Materie, und macht, indem sie diesen Gegensatz 
festhält, die Betrachtung der natürlichen und geschicht- 
lichen Tatsachen zu einer nur formell zusammenhängenden, 
entweder dogmatischen oder quasirationellen, zu einer 

147 



solchen, welche von den Tatsachen, die nicht in ihr 
Schema passen, abstrahiert, oder bei den vereinzelten 
Tatsachen und ihrer »Sektion« stehen bleibt. 

Wir folgern hieraus, daß die Erziehung, um keine 
halbe oder verkehrte zu sein, wie sie die sittliche Per- 
sönlichkeit herzustellen hat, so das »Weltbewußtsein« 
insoweit zu entwickeln und zu gestalten hat, als es für 
ein bewußtes und sicheres Verhalten zur Objektivität 
notwendig ist, und daß die ästhetische, aber auch nur 
die ästhetische Erziehung diese Aufgabe löst, indem sie 
das theoretische Interesse überall vorbereitet, also sich 
entwickeln läßt und befriedigt, um das gegenständlich 
Gewordene überall wieder der Darstellungstendenz zu- 
zuführen und dem Darstellungsvermögen zu akkommo- 
dieren. Bei dem Einzelnen die eigentlich produktive Denk- 
kraft, welche sich dem allgemeinen Bewußtsein entgegen- 
setzt oder ihm Form gibt, zu entwickeln, liegt nicht in 
der Aufgabe der Erziehung, so wenig wie sie die eigent- 
lich künstlerische Produktivität als individuelles Vermögen 
hervortreiben kann und soll, und so wenig sie die mäch- 
tigen oder herrschenden sittlichen Persönlichkeiten, deren 
Willensenergie den allgemeinen Willen überwindet, zu 
bilden vermag und dies versuchen darf. Sie ist nach 
dieser Seite hin ebenso beschränkt, wie sie es durch die 
Schwäche und Abnormität der vorhandenen Individuen 
ist, aber sie macht als ästhetische Erziehung das Denken 
und das Wollen Aller zu einem produktiven, d. h. sie 
erzeugt und bildet die gesellschaftliche Produktivität. 

29. Insofern es ein Hauptzweck unserer Erörterungen 
ist, den von Schiller gegebenen Begriff der ästhetischen 
Erziehung aufzunehmen und für die allgemeine Erzie- 
hungspraxis weiter und näher zu bestimmen, so weit es 

148 



geschehen kann und darf, ohne in das Gebiet der spe- 
zifischen Pädagogik überzugehen, sind wir gegenwärtig 
zum Abschlüsse berechtigt, wie durch die UnmögHch- 
keit, den Expositionen der Briefe nach allen Richtungen 
mit gleicher Eingängigkeit und Konsequenz zu folgen, 
verpflichtet. Die eben gegebene Darstellung der ästheti- 
schen Erziehungszwecke und Erziehungsmittel schließt 
sich mit dem, was früher, dem Gange der Briefe teil- 
weise vorgreifend, über das Verhältnis der Jugenderzie- 
hung zu der Volkserziehung, über die Faktoren der ge- 
schichtHchen Lebensgestaltung, zu denen die Erziehung 
wesentHch gehört, über den Charakter der falschen Zivili- 
sation und der wahren Kultur und über die Aufgabe, 
die letztere inmitten der ersteren zu begründen, gesagt 
ist, auf das genaueste zusammen, und der denkende Leser 
wird die MittelgHeder dieses Zusammenschlusses leicht 
entdecken und die Korrespondenz, die zwischen den frü- 
heren »historischen« undj der späteren »anthropologischen« 
Darstellung der Erziehungsaufgabe besteht, anerkennen. 
Auch die Gesichtspunkte, von denen wir für die Be- 
trachtung der Kunst und der Kunstwirkungen ausgehen, 
sind teilweise schon herausgestellt und das Verhältnis, 
in welchem wir nach dieser Seite zu der Schillerschen 
Darstellung stehen, im allgemeinen bezeichnet. Wenn 
wir aber hiernach der Versuchung, bei den weiteren Ausein- 
andersetzungen der Briefe, wo sie dazu einladen — was 
fast überall der Fall ist — zu verweilen, widerstehen 
müssen, so dürfen wir doch nicht unmittelbar und ohne 
die wichtigsten Themen, die noch zu besonderer Be- 
handlung kommen, berührt zu haben, abbrechen. Hierbei 
möge ausdrücklich bemerkt sein — was ohnedies keinem 
aufmerksamen Leser entgehen kann — daß wir uns mit 

149 



Schiller um so mehr in Übereinstimmung befinden, je 
weiter er sich einerseits von den abstrakten Begriffs- 
scheidungen, die der Kantischen Philosophie eignen, ent- 
fernt, und je entschiedener andrerseits sein philosophi- 
scher Gedanke mit den Ideen, die seinen größten poe- 
tischen Schöpfungen zugrunde liegen, zusammenhängt. 
Überall, wo sich dieser Zusammenhang zeigt, ist das 
Schillersche Philosophieren ein selbstständiges und, ob- 
gleich die Darstellung weniger methodisch erscheint, ein 
selbstgewisses. In dieser Beziehung verweisen wir zu- 
nächst auf die folgenden Besprechungen des »Spazier- 
ganges« und der »Braut von Messina«, welche, ihrer 
Natur nach weniger kritisch als exponierend, unserer 
Kritik der Briefe zur Ergänzung dienen können, und so- 
dann auf die übersichtliche Charakteristik der philosophisch- 
ästhetischen Abhandlungen Schillers, welche diese durch- 
weg auf die »Briefe« beziehen soll. — 

Der Spieltrieb, den wir unsererseits in ein be- 
stimmtes Verhältnis zu dem Offenbarungstriebe schlecht- 
hin und zu der Aufgabe der praktischen Erziehung ge- 
setzt haben, wird von dem Briefsteller schon in dem 
vierzehnten Briefe vorläufig eingeführt und als der Trieb, 
in welchem der sinnliche und Formtrieb verbunden 
wirken, bezeichnet, in dem fünfzehnten Briefe auf den 
Begriff der Schönheit bezogen, und, nachdem in den 
folgenden Briefen die Wirkungen der Schönheit und das 
Wesen der ästhetischen Stimmung auseinandergesetzt 
sind, in dem sechsundzwanzigsten Briefe mit der Ten- 
denz zum Scheine, die an sich die allgemeinere ist, 
zusammengestellt, in dem siebenundzwanzigsten und 
letzten Briefe aber als Bewährung des Überflusses, der 
seine Bedingung ist, charakterisiert, also mit dem Be- 

.150 



griffe des Luxus verknüpft. Während wir aber überall 
die weitreichende Bedeutung des Spieltriebes und der 
Spiele mit treffender Entschiedenheit hervorgehoben finden, 
geht doch der Briefsteller auf die unterschiedenen Äuße- 
rungen des Spieltriebes und auf die Arten des Spiels 
nirgends näher ein, er läßt demnach auch das Verhältnis, 
in welchem die unmittelbare Befriedigung des Spieltriebes 
zu der künstlerischen Produktion steht, unent- 
wickelt, obgleich dasselbe mehrfach angedeutet wird. 
Deshalb bleibt die Aufgabe, die Genesis der Kunst in 
dem Spieltriebe bestimmter nachzuweisen und die Kunst 
schlechthin unter den Begriff des Spiels zu bringen — 
wozu dieser Begriff allerdings erweitert und erhöht wer- 
den muß — noch auszuführen, da sie keiner der spä- 
teren Ästhetiker ausdrücklich übernommen hat, was doch 
unzweifelhaft für den Fortschritt der ästhetischen Wissen- 
schaft, insbesondere für die Bestimmung des Verhältnisses, 
in welchem die einzelnen Künste zueinander stehen und 
in welcher sie, um das Auseinandergehen der Kunst- 
wirkungen zu überwinden, also die einheitliche Wirkung 
der Kunst als solcher zu vermitteln, gesetzt werden müs- 
sen, von großem Belange wäre. Auch die im engeren 
Sinne pädagogische Bedeutung des Spiels ist bis jetzt, 
trotz der theoretischen Anerkennung, die sie vielfach 
findet, zu wenig auseinandergesetzt, und noch weniger 
getan worden, um das Spiel als ein allgemeines, schlecht- 
hin unentbehrliches Erziehungsmittel zu gestalten. Wir 
müssen uns hier, wie gesagt, darauf beschränken, die 
Gesichtspunkte, welche sich in dem Bisherigen für die 
eine und für die andere Aufgabe schon herausgestellt 
haben, teils noch ausdrücklicher zu bezeichnen, teils zu 
rekapitulieren, indem wir bemerken, daß die weitere Aus- 

151 



führung teilweise schon anderweitig gegeben ist, anderen- 
teils aber uns und Andern vorbehalten bleibt. Was ins- 
besondere die Aufgabe betrifft, das Spiel für die Schule 
— denn nur diese vermag den Begriff der Erziehung zu 
realisieren — zu gestalten und in sie einzuführen, so 
hängt sie nach unserer Ansicht mit der anderen, die dar- 
stellende und herstellende Arbeit zu einem allgemeinen 
Bildungs- und Erziehungsmittel zu machen, genau zu- 
sammen, weil beide im Begriffe der ästhetischen Erzie- 
hung liegen, und die Pädagogik mit dem Spiele nicht 
eher Ernst machen wird, als bis sie den vollen Begriff 
der ästhetischen Erziehung an- und aufgenommen hat. 
In diesem vollen Begriffe ist die Forderung, die Unfrei- 
heit der durch das äußerliche Bedürfnis bedingten Tätig- 
keit, also die Konsequenzen der Arbeitsteilung im vor- 
aus aufzuheben, enthalten, und wenn das Spiel ohne 
die x\rbeitsübungen in die Schule eingeführt würde — 
was nicht zu erwarten ist — so würde sich der Einfluli 
desselben inmitten einer Zivilisation, welche die Wirk- 
samkeit der Erziehung als eine restauratorische verlangt, 
schnell verflüchtigen. 

30. Daß der Briefsteller den abstrakten Gegensatz des 

Spiels und der Arbeit festhält, also von der letzteren,, 
soweit es sich um die Herstellung des ästhetischen Zu- 
standes handelt, abstrahiert oder sie doch nur insofern 
berücksichtigt, als ihre unfrei machenden Wirkungen auf- 
zuheben sind, haben wir schon früher ausgeführt. Damit 
stimmt aber zusammen, daß er zwar den Überfluß, und 
zwar den Stoffüberfluß oder den Überfluß der äußerlichen 
Befriedigungsmittel als eine Vorbedingung für das Her- 
vortreten des Spieltriebes erklärt, aber auf die Erzeu- 
gung des Überflusses nicht eingeht, sondern denselben, 

132 



auch hier von der Arbeit abstrahierend, als eine ge- 
gebene Tatsache verlangt und behandelt, obgleich er 
nicht den Überfluß, den eine üppige Natur an sich ge- 
währt, im Sinne haben kann; da ihm die »günstige 
Natur«, welche die Schönheit als solche hervorbringt und, 
damit sie überhaupt in die Wirklichkeit trete, hervor- 
bringen muß, keineswegs, wie die Schilderung derselben 
in dem sechsundzwanzigsten Briefe zeigt, die den Men- 
schen mit ihren Gaben überschüttende und ihm die Ar- 
beit ersparende Natur ist. Sonach ist die Beziehung, 
welche zwischen dem ökonomischen und ästheti- 
schen Zustande besteht, nur angedeutet, wie die zwischen 
der Ästhetik und Pädagogik sich zwar bestimmter heraus- 
stellt, aber ohne daß ihr Verhältnis ausdrücklich gefor- 
dert und auseinandergesetzt würde. Dagegen wird der 
ästhetische Zustand und zwar als durch den ästhetischen 
Genuß erzeugte Stimmung wie als Charakter ausführ- 
licher entwickelt, wobei die anthropologische von der 
kulturhistorischen Betrachtung abgelöst wird. 

Das Entstehen des Spieltriebes leitet der Briefsteller 
aus der Erfahrung von »Fällen« ab, in denen der Mensch 
sich zugleich seiner Freiheit bewußt wird und sein Da- 
sein empfindet, zugleich als Materie fühlt und als Geist 
kennen lernt, so daß er in dieser Erfahrung das Symbol 
seiner ausgeführten Bestimmung gewinnt. Damit wahrt 
der Briefsteller seine Behauptung, daß es außer dem 
Empfindungs- und Formtriebe keinen dritten ursprüng- 
lichen Trieb geben könne, stellt aber den aus der Er- 
fahrung entstehenden, »sekundären« Trieb als denjenigen 
dar, in welchem die Menschheit sich ankündigt und 
durch dessen Betätigung sie sich verwirklicht. Hiergegen 
kann man nicht umhin, zu bemerken, daß zu der Er- 

^53 



fahrung nicht nur ein Objekt, sondern auch die ent- 
sprechende Empfänglichkeit gehört, daß also die letztere 
in dem Menschen gegeben sein muß, und zwar, da der 
Trieb nur aus der Befriedigung heraus wächst, als ein 
entschiedenes Bedürfnis, mit diesem aber, wenn es der 
Mensch überhaupt selbsttätig befriedigen kann und soll, 
wie er es im Spiele tut, mindestens die Tendenz dieser 
Selbstbefriedigung; daß ferner erfahrungsgemäß die spie- 
lende Betätigung die erste des Kindes oder vielmehr 
seine Betätigung schlechthin ist, folglich nur von einem 
Übergange des noch unästhetischen zu dem ästhetischen 
Spieltriebe die Rede sein könnte. Wenn weiterhin der 
Briefsteller, nachdem er schon den kulturhistorischen Ge- 
sichtspunkt herausgestellt hat, die Erfahrung, welche den 
Spieltrieb weckt oder ihm wenigstens seine ästhetische 
Form gibt, von der Gunst des Zufalles abhängig macht, 
indem er die ästhetische Stimmung als das Produkt 
einer günstigen Natur, welche die Nötigung des Bedürf- 
nisses zuvorkommend aufhebt und dem Schönheitssinne 
Nahrung bietet, kennzeichnet, so ist zwar die Tatsache, 
daß der Mensch bis zu einem gewissen Grade das Pro- 
dukt der ihn umgebenden Natur ist, anzuerkennen, es 
folgt aber gerade aus dieser Tatsache, daß die ästhetische 
Stimmung und das ästhetische Verhalten eine relativ 
vollkommene Organisation verlangen, daß also da, wo 
diese vorhanden ist, die sinnliche und geistige Natur 
ihre Einheit nicht aus der Entgegensetzung gewinnen, 
sondern an sich haben — weshalb ein Moralgesetz, wel- 
ches sich dem sinnlichen Triebe entgegengesetzt, der 
Ausdruck einer durch die Einseitigkeit oder Schwäche 
der Sinnlichkeit gehemmten Vernunfttätigkeit ist — und 
daß der ästhetische Spieltrieb nicht sowohl der ästheti- 

154 



sehen »Einwirkung« als der ästhetischen Produk- 
tivität der Natur sein Entstehen verdankt, insofern 
diese eine gerade dem menschUchen Organismus »gün- 
stige« ist. Denn die Erfahrung beweist vielfach, daß die 
schöne Natur keineswegs notwendig den schönen Men- 
schen hervorbringt, daß aber die einmal gegebene Form 
eine von der Bestimmtheit der äußeren Natur unab- 
hängige Produktivität besitzt und bewährt, d. h. sich 
auch noch unter durchaus veränderten Naturumgebungen 
und Natureinwirkungen fortpflanzt. Ist demnach der Cha- 
rakter des Spieltriebes von der mehr oder minder voll- 
kommenen, gröberen oder feineren, kräftigeren oder 
schwächeren Organisation abhängig, sein Hervortreten 
aber unmittelbare organische Betätigung, so hat er auch 
die doppelte Tendenz, den an sich gegebenen Organis- 
mus auszugestalten und die Selbstempfindung desselben 
tätig, also durch die Bewegung, zu vermitteln, hinter 
sich, eine Tendenz, die als ästhetische auf die Produk- 
tion und den Genuß der schönen menschlichen Gestalt 
hinausgeht. Damit ist ausgesprochen, daß die Genesis 
des Spieltriebes nicht in einer »Erfahrung« liegt, welche 
die »vollständige Entwicklung der beiden Grundtriebe« 
zur Voraussetzung hat, daß er vielmehr in der Tat als 
ein ursprünglicher Trieb wirkt und aus seiner Betätigung 
die Erfahrungen, die er zunächst braucht, gewinnt, ob- 
gleich er weiterhin die Anschauungen der Wirklichkeit 
in sein Bereich zieht. Daß er aber der Tendenz nach 
von vornherein ästhetischer Trieb ist, liegt in dem Be- 
griffe der »Selbstproduktion«, welcher die äußere Nöti- 
gung ausschließt und das Gefühl wie das Verlangen 
der Freiheit voraussetzt. 

Wenn dennoch, wie wir früher ausgeführt haben, um 

« 155 



ihn als ästhetischen Trieb zu gestalten, bestimmte und 
zwar erzieherische Einwirkungen notwendig sind, so be- 
stehen diese doch nicht einseitig in der Vermittlung 
ästhetischer Eindrücke, d. h. der Spieltrieb entwickelt 
und gestaltet sich nicht infolge irgendwie bewirkter ästhe- 
tischer Stimmungen, sondern die ästhetische Stimmung 
ist das Produkt seiner Betätigung, wie es die Schön- 
heit ist. Wir haben dies zu betonen, weil der Briefsteller 
seinerseits zunächst die Wirkungen des Kunstschönen 
und sodann die des Naturschönen in den Vordergrund 
stellt und die Entwicklung und Gestaltung des Spiel- 
triebes von ihnen abhängig macht — gemäß dem Zwecke, 
der Kunst als solcher eine reformatorische Wirksam- 
keit beizulegen — während es uns darauf ankommt, die 
Möglichkeit und Notwendigkeit der praktischen ästhe- 
tischen Erziehung nachzuweisen, ohne deshalb den Ein- 
fluß der schöpferischen Kunst auf den Zeitcharakter zu 
leugnen und zu unterschätzen. Wie der Spieltrieb das 
Gebiet der Selbstdarstellung allmählich erweitert, indem 
er einerseits die gemeinsame Bewegung und Äuße- 
rung zu gestalten sucht, andrerseits die Nachahmung 
ernster Tätigkeiten und Vorgänge in seinen Darstellungs- 
kreis aufnimmt, haben wir früher angedeutet. Indem sich 
aber das Spiel, das zunächst die Betätigung des noch 
unentwickelten und unselbständigen Menschen schlecht- 
hin ist, entfaltet, scheidet sich zuerst die objektive For- 
mendarstellung, die einen Stoff fordert, von demselben 
ab, späterhin nehmen Gesang und Tanz eine selbständige 
Gestalt an und werden hierdurch zu den ersten Künsten, 
und endlich erhebt sich das Nachahmungsspiel, indem 
es einerseits Gesang und Tanz von neuem vereinigt und 
zur Folie der nachahmenden Darstellung: macht, andrer- 



'ö 



156 



seits der religiösen Feier, der es in dieser erhöhten Form 
dient, den DarstellungsstoflF entnimmt, also den Mythus 
vergegenwärtigt, zur dramatischen Kunst 

Diese ist demnach das höchste Produkt des Spieltrie- 
bes, der das Spiel bis zu ihr hinauf fortsetzt, indem er 
^ie übrigen Künste, die sich von demselben ablösten, 
von neuem zusammenfaßt, Die dramatische Kunst aber 
offenbart die Macht, welche das Freiheitsbewußtsein in 
der Entwicklung des Spieltriebes erlangt hat, dadurch, 
daß sie den tiefsten Ernst des Lebens, die Zertrümme- 
rung der menschlichen Existenz durch ein unvermeid- 
liches Geschick, die ein immer wiederkehrendes Ereignis 
ist, in ein Spiel umsetzt, um sich der Macht der Not- 
wendigkeit, die über alles menschliche Wollen und Tun 
unaufhaltsam hinwegschreitet, gewachsen zu zeigen. An 
die Tragödie schließt sich sodann die Komödie an, welche 
den Zufall als Gelegenheitsmacher von Geschichten auf- 
zeigt, die ebenso Karikaturen der Geschichte sind wie 
die in Spiel gesetzten Personen Karikaturen der ausge- 
prägten Persönlichkeit, um die Ausartungen des Mensch- 
lichen, welche die Heiterkeit des Bewußtseins trüben 
könnten, als oberflächliche Erscheinung darzutun und 
aufzulösen. Daß der Briefsteller sonderbarerweise gerade 
die dramatische Kunst zu dem Spieltriebe in kein Ver- 
hältnis setzt, und die Wirkungen derselben, wo er von 
dem notwendigen Charakter der ästhetischen Stimmung 
spricht, gewissermaßen entschuldigt, haben wir schon 
erwähnt. Seine Worte sind: »Künste des Affekts, der- 
gleichen die Tragödie ist, sind kein Einwurf (gegen die 
geforderte Gemütsfreiheit); denn erstlich sind es keine 
ganz freien Künste, da sie unter der Dienstbarkeit eines 
besonderen Zweckes — des Pathetischen — stehen, und 

157 



dann wird wohl kein wahrer Kunstkenner leugnen, daß 
Werke auch selbst aus dieser Klasse um so vollkom- 
mener sind, je mehr sie auch im höchsten Affekte die 
Gemütsfreiheit schonen.« Durch den ersten Entschuldi- 
gungsgrund ist nun offenbar die dramatische Kunst tiefer 
gestellt, als es sonst von Schiller geschieht, der zweit? 
aber würde die spezifische Bedeutung der dramatischen 
Kunst, welche sie über die übrigen erhebt, ausdrücken, 
wenn statt: »im höchsten Affekte die Gemütsfreiheit 
schonen«, gesagt wäre: aus dem höchsten Affekte die 
Gemütsfreiheit wiederherstellen oder hervorgehen lassen. 
Die ausbeugende Wendung dieser Stelle, die uns bei 
Schiller auffallen muß, ei'klärt sich daraus, daß er durch 
den Fortschritt seines Beweises für die Notwendigkeit 
des ästhetischen Zustandes gezwungen ist, die Freiheit 
von jeder Bestimmtheit des Gemütes, möge sie der Emp- 
findung oder dem Gedanken entstammen, zu betonen, 
und daß er die ästhetische Stimmung nicht als eine sich 
entwickelnde, sondern als einfaches Resultat charakteri- 
siert. Aber die Entschuldigung ist hiermit nicht entschul- 
digt, d. h. wir müssen in der angeführten Stelle einen 
Beweis unter anderen finden, daß die kantisch-philo- 
sophische Basis, welche Schiller seiner Erörterung ge- 
geben hat, keine ausreichende ist, um daraus die ver- 
schiedenartigen Kunstwirkungen zwanglos und jeder ge- 
nügend abzuleiten. 

31. Daß der Briefsteller die ästhetische Stimmung als 
eine mittlere zwischen der sinnlichen und logischen 
charakterisieren muß, ergibt sich von selbst aus der An- 
lage seiner Auseinandersetzungen. Den Gegenstand, wel- 
cher diese Stimmung erzeugt, bezeichnet er konsequent 
als »lebende Gestalt«, und definiert hiermit die Schön- 

158 



heit. Er hat aber die »lebende Gestalt« zuerst als 
Gegenstand des Spieltriebes ausgesprochen und gefordert, 
daß der Mensch »nur mit der Schönheit spielen solle«, 
während bei der weiteren Charakteristik der ästhetischen 
Stimmung unmerklich das Kunstwerk als der wirkende 
Faktor derselben eintritt. Sonach ließe sich annehmen, 
daß der Spieltrieb produktiv gedacht ist, wenn nicht 
weiterhin sein Entstehen, wie wir sahen, von dem Ein- 
druck des Schönen abhängig gemacht würde. Jeden- 
falls fehlt in den Briefen sowohl die ausdrückliche und 
auseinandersetzende Beziehung des Spieltriebes auf die 
künstlerische Produktivität, wie die ausdrückliche Unter- 
scheidung des produktiven und rezeptiven ästhetischen 
Verhaltens, indem er nur das letztere charakterisiert, die 
ästhetische Produktivität aber aus dem Spieltriebe nicht 
abgeleitet ist. Was die Definition der Schönheit als 
»lebende Gestalt« anbetrifft, so kann sie als ausreichend 
gelten, wenn einerseits die Gestalt als die notwendige 
und vollkommene Form einer gegebenen Existenz, an- 
drerseits das Leben als die Lebensempfindung, die sich 
für die Empfindung objektiviert, begriffen, beide Begriffe 
aber so zusammengefaßt werden, daß in der Gestalt 
der Ausdruck der bestimmten Lebensempfindung und 
diese als eine trotz ihrer Bestimmtheit volle, als unbe- 
schränktes Existenzgefühl gefordert ist. 

An die Wirksamkeit des Offenbarungstriebes anknü- 
pfend können wir die Schönheit als die ungehemmte 
und abgeschlossene Erscheinung eines in sich be- 
stimmten Inneren oder als ein Ganzes definieren, 
welches in seiner Veräußerung als solches erscheint. 
Die Schönheit befriedigt uns zunächst dadurch, daß sie 
Offenbarung ist, d. h. die Vorstellung eines Innern er- 

159 



zeugt, welches den Hintergrund der Erscheinung abgibt, 
weiterhin aber dadurch, daß wir die in der Erscheinung 
begriffene Existenz als eine ungehemmt veräußerte und 
in der Veräußerung zusammengehaltene empfinden, folg- 
lich die Offenbarung des bestimmten Seins als eine trotz 
ihrer Vermittlung unmittelbare und trotz oder wegen 
ihrer Begrenztheit unbegrenzte. Daher konzentriert der 
schöne Gegenstand unser Empfinden, Vorstellen und 
Denken auf sich, ohne daß wir uns beschränkt fühlen: 
er fesselt uns, indem er unsere Vorsteilungstätigkeit 
entbindet, und er setzt sie in eine ungehemmte Bewegung; 
indem er sie in seinen Schranken hält. Definieren wir 
aber die Schönheit und ihre Wirkung in dieser Art, so 
dürfen wir nicht zugeben, daß sie an sich für unsere 
Erkenntnis und Gesinnung unfruchtbar sei oder kein 
Resultat abgebe. Denn daß die Schönheit kein Resultat 
für unsere Erkenntnis abgeben soll, widerstreitet dem 
Begriffe der Offenbarung, daß sie für unsere Gesinnung 
unfruchtbar sein soll, ist unmöglich, weil die Befriedi- 
gung, die sie gewährt, das Verlangen nach Schönheit, 
also nach vollkommener Veräußerung des Innern zu- 
rückläßt, und zwar sind unsere Erkenntnis und unser 
Wille erweitert und bestimmt sowohl wenn die Schön- 
heit zu unserem Genüsse gelangte als wenn wir sie 
selbsttätig dargestellt haben. Wir können daher die ästhe- 
tische Stimmung nicht einseitig in eine Gemütsfreiheit 
setzen, welche mit der Unbestimmtheit des Gemütes 
gleichbedeutend ist, wenn es auch die Unbestimmtheit 
der Fülle sein soll, sondern finden in dem erneuten Be- 
wußtsein unseres allseitigen Vermögens nur das eine 
Moment derjenigen ästhetischen Stimmung, in welche 
der Schönheitsgenuß schließlich ausläuft, das andere 

i6o 



aber in der verstärkten Überzeugung, daß die Offen- 
barung des Innersten möglich und die Hingabe an das 
andere der Gewinn des Selbst ist. Diese Momente der 
Befriedigung aber hat der Schönheitsgenuß als solcher, 
nur in einer Bestimmtheit des Gefühls, welche unmög- 
lich als ein unästhetischer Zustand bezeichnet werden 
kann. Dabei bleibt zu bemerken, daß das ästhetische Ver- 
halten, das rezeptive wie das produktive, ein sich fort- 
setzendes und abstufendes ist und sein muß, das es also 
in dem höchsten Schönheitsgenusse und in der gesam- 
melten künstlerischen Produktion nur seine Konzentra- 
tion hat. 

32. Nach einer stellenweise wahrhaft glänzenden Dar- 
stellung der Aufeinanderfolge des sinnlichen, ästhetischen 
und logischen Zustandes in der Entwicklung der Mensch- 
heit — ein Nacheinander, das wir in seiner abstrakten 
Fassung nicht anzuerkennen vermögen — und nachdem 
insbesondere die Religiosität der beiden ersten »Entwick- 
lungsstufen« als Produkt der den eigenen Zustand ins 
Unendliche ausdehnenden Imagination ge- 
schildert ist, kommt der Briefsteller auf den Spieltrieb 
zurück, und läßt ihn aus dem Zwange des Überflusses 
hervorgehen, der zunächst das physische Spiel und mit- 
tels dieses das ästhetische bedingen soll. Wenn aber zu- 
gegeben werden muß, daß der Zwang der Notdurft den 
Spieltrieb zurückhält — sofern wir darunter das nur be- 
schwichtigte oder nur mittels stetiger Anstrengung be- 
friedigte physische Bedürfnis verstehen, welches in dem 
einen Falle Verkümmerung und Schwäche, in dem an- 
deren den Verlust der natürlichen Elastizität bedingt — 
so folgt doch hieraus keineswegs, daß der Stoffüberfluß 
zum ästhetischen Spiele führt oder auch nur zum phy- 

Deinhardt, Schiller. II 

161 



sischen zwingt. Wäre dies der Fall, so müßte die ver- 
schwenderische Natur den Spieltrieb zu raschester 
Entfaltung bringen, daß dies aber nicht der Fall ist, hat 
der Briefsteller, wo er die der Schönheit günstige Natur 
charakterisiert, eingeräumt. Wir finden häufig genug im 
Schöße der üppigsten Natur die menschliche Verkümme- 
rung, und wenn nicht diese, so doch eine völlig unbe- 
herrschte Sinnlichkeit, die auch das Spiel beherrscht. 
Sehen wir aber von dem Reichtume der tropischen Natur 
mit ihren stiefmütterlich behandelten Menschen ab, so 
finden wir auch innerhalb der gemäßigten Zonen arme 
Bergvölker, die das Leben täglich erkämpfen und bei 
denen mindestens das physische Spiel in Blüte steht, 
aber nicht selten auch Ansätze zu dem ästhetischen zeigt, 
während die Bewohner fruchtbarer Ebenen, schwerfällig 
schaffend und bequem genießend, das Spiel verschmähen. 
Nicht das üppige BÖotien, sondern das magere Attika 
entwickelte die griechische Lebendigkeit und den grie- 
chischen Geist, und die dürftige Küste zwang die Phö- 
nizier, wenn auch nicht ein Kunstvolk so doch ein 
Luxusvolk zu werden. Die Erfahrung zeigt also, daß es 
nicht der Überfluß des gebotenen Stoffes ist, der das 
physische Spiel und die geistige Elastizität, die es zum 
ästhetischen macht oder ihm annähert, hervorbringt, daß 
es vielmehr in dieser Beziehung auf eine glückliche Or- 
ganisation ankommt, deren Urbedingungen sich teils der 
Untersuchung entziehen, teils zwar als geographische er- 
scheinen, aber nicht einseitig auf Temperatur- und Frucht- 
barkeitsverhältnisse zurückzuführen sind. Faßt man aber 
den geschaffenen, also erarbeiteten Überfluß in das 
Auge, so kann er erstens nur durch die notdürf- 
tige Befriedigung derer, die arbeiten, entstehen, da kein 

162 



Überfluß über die volle Befriedigung der Arbeitenden und 
die notwendigen Arbeitsanlagen hinausreicht, wobei so- 
gleich zu bemerken ist, daß die Befriedigung des Kunst- 
triebes bei einem Volke, welches ihn überhaupt zu ent- 
wickeln vermag, von vornherein eine Notwendigkeit ist 

— er setzt also die Unfreiheit voraus und wird als schon 
verarbeiteter, für das Bedürfnis bestimmter einer privi- 
legierten Klasse überHefert, wodurch die ästhetische Kultur 
zu einem Privilegium werden müßte, wenn sie in der 
Tat durch den Überfluß bedingt wäre; zweitens aber 
ist kein Grund vorhanden, warum dies bei dem Über- 
flusse schon zugerichteter Bedürfnismittel eher oder mehr 
der Fall sein sollte, wie bei dem Überflusse, den die 
Natur bietet, da der, welcher den Stoff nicht formt, son- 
dern geformt erhält, mit ihm nicht »spielen« kann, in- 
sofern er nicht das Spiel der zwecklosen Zerstörung 
treibt, und der, welcher die Arbeit beherrscht, allerdings 
seine Bedürfnisse zu raffinieren vermag, um die Arbeit 
im Gange zu halten und sich die Leere, die der Über- 
fluß für i h n bedingt, wie für den Arbeitenden der Mangel, 
zu verbergen, aber aus diesem Raffinement der Be- 
dürfnisse unmöglich die Lust und Fähigkeit der freien 
Kraftbetätigung hervorgehen kann, vielmehr notwendig 
eine Erschlafi^ung hervorgeht, welcher Reize zu gewähren 
auch eine Art von Kunst — die Luxuskunst — sich 
abmüht. 

Zwischen dem Überflusse und der Notdurft liegt das 
Notwendige, dessen Grenzen zu erreichen und ein- 
zuhalten Bedingnis der sozialen — wie der individuellen 

— Gesundheit und Fruchtbarkeit ist. Wo der Über- 
fluß Bestand gewinnt, also nicht, wie er entsteht, in der 
Gestaltung und Entwicklung aufgehoben wird, beweist 

163 



er die Schwäche des »Formtriebes« und läßt den Emp- 
findungstrieb ausarten, während allerdings da, wo der 
Überfluß überhaupt nicht entsteht, entweder die gegebene 
Objektivität eine besonders dürftige und reizlose, oder 
die gegebene Organisation — die mit der gegebenen 
Objektivität, wie schon bemerkt, nicht in einfacher Kor- 
respondenz steht — eine besonders beschränkte sein muß. 
Fassen wir den individuellen Organismus in das Auge, 
so ist der an ihm Bestand gewinnende Überfluß die 
Folge einer sich nicht durchsetzenden Assimilation, d. h. 
einer Assimilation, welche den verinnerten Stoff" in die 
Formation der höheren Empfindungs- und , Wirkorgane 
nicht eingehen läßt, sondern in der Sphäre der äußer- 
lichsten Selbstgestaltung festhält. Die Folge wird aber 
umgekehrt zur Ursache, d. h. der festgehaltene Überfluß 
wird ein Hemmnis für die Energie der Betätigung, wäh- 
rend er auf die Selbstempfindung einen Druck und Reiz 
ausübt, der teils abstumpfend wirkt, teils das Bedürfnis 
der äußeren Reizung steigert — eine Steigerung, deren 
Grad und Art derartige werden können, daß sie eine 
krankhafte Zersetzung des vorhandenen Überflusses, also 
einen Prozeß der Auflösung bedingen, den der Orga- 
nismus schlechthin erleidet. Sonach ist zunächst für die 
Gesundheit und allgemeine Kräftigkeit, und weiterhin für 
die Schönheit oder vollkommene Selbstgestaltung und 
für die vollkommene Produktivität des individuellen 
Organismus die stetige Aufhebung des stetig entstehen- 
den Überflusses notwendig. Was die Schönheit ins- 
besondere betrifft, so widerspricht ihrem Begriff die 
Erscheinung einer nur quantitativen Fülle oder der Mas- 
senhaftigkeit als solcher ebenso entschieden wie die Er- 
scheinung des Stoffmangels, die Produktivität aber er- 

164 



fordert als die höhere Form der Ab- und Ausscheidung 
die durchgesetzte Assimilation, kann also da, wo der 
Überfluß sich unmittelbar veräußert, nur unvollkommen 
statthaben. Dasselbe gilt von dem sozialen Organismus, 
dessen notwendige Form mit der gegebenen des in- 
dividuellen Organismus allerdings nicht in so einfacher 
Korrespondenz steht oder stehen soll, wie sie z. B. in 
dem Idealstaate Piatos dargestellt ist. In bezug hierauf 
ist insbesondere hervorzuheben, daß der soziale Orga- 
nismus notwendig um so vollkommener ist, je vollkom- 
mener die Individuen, die ihn durch ihre fortgesetzte, 
d. h. sich fortgesetzt erneuende Vereinigung bilden, für 
sich sind, je weniger sich also die im Begriff des Or- 
ganismus schlechthin gegebene Teilung der Funktionen 
zu einer die Allgegenwart des sozialen Geistes und die 
freie Entwicklung der Individuen aufhebenden Einteilung 
veräußert oder, um den Bestand der Gesellschaft zu 
sichern, veräußern muß. Aber die Unvollkommenheit 
einer solchen Organisation, die scheinbar nicht nur ihren 
eigenen Bestand, sondern auch die Freiheit der höheren 
Funktionen sichert, zeigt sich eben darin, daß sie einen 
Überfluß bedingt, der sich als solcher erhält und formt, 
also weder der Wirkkräftigkeit noch der höheren, den 
»schönen Schein« realisierenden Produktivität zugute 
kommt. Denn die wahre Kunst hat sich niemals mit 
und aus dem Luxus entwickelt, sondern immer nur aus 
der allgemeinen Spiellust und Spielfähigkeit, welche aller- 
dings einen Überschuß von Kräften, die in der notwen- 
digen Arbeit nicht aufgehen, verlangen, aber diesen Über- 
schuß durch sich selbst bedingen, indem sie die Ent- 
wicklung der Stoffbedürftigkeit begrenzen, den Umkreis 
derjenigen Befriedigung, welche »der Mensch am Men- 

165 



sehen« findet, deren »Material« also eip gegebenes ist, 
erweitern, und die Kraft zur Arbeit ihrerseits und positiv 
erhöhen, weil das Spiel nicht nur eine wohltätige Ab- 
spannung und Ausgleichung bewirkt, sondern auch das 
Zusammenwirken der Organe übt, die Zweckmäßigkeit der 
Bewegungen allseitig vergegenwärtigt, und den Mut und 
Willen erzeugt, in der Arbeit sich frei zu verhalten, also 
die Gezwungenheit, die ihre Schwere ausmacht, zu lösen. 
}}. Der Spieltrieb nimmt eine ästhetische Form an 
und wird zum Kunsttriebe, wo überhaupt die Voraus- 
setzungen und Anlagen zu einer Kultur historischen Cha- 
rakters vorhanden sind. Wie die Kunstübung aus dem 
Spiele erwächst, sich gestaltet und gliedert, haben wir 
früher andeutungsweise angegeben. Es versteht sich hier- 
bei von selbst, daß das ästhetische Verhalten und die 
ästhetische Betätigung, indem sie sich in der Kunstpro- 
duktion und dem Kunstgenüsse konzentrieren, wo die 
Kunst in der Tat eine organisch entwickelte ist, in dieser 
Konzentration nicht aufgehen, daß sie also das Gebiet 
des Spieltriebes, der die künstlerische Befähigung — die 
rezeptive und produktive — erzeugt, nicht verengen, seine 
Kraft nicht erschöpfen darf. Auch der Briefsteller, der 
auf das Verhältnis der allgemeineren und freieren Form 
des ästhetischen Verhaltens zu derjenigen Erhöhung des- 
selben, welche in der Absonderung der Darstellungs- 
arten und in dem Gegenüber der produzierenden und 
genießenden Tätigkeit liegt, nicht eingeht, führt doch da, 
wo er den dynamischen, den ethischen und den ästhe- 
tischen Staat entgegensetzen oder vielmehr das Inein- 
ander dieser drei »Staaten« charakterisieren will, einen 
neuen Begriff, den der »schönen Geselligkeit« oder des 
»schönen Umgangs« ein, was insofern unvermittelt ge- 

i66 



schiebt, als bei der Cbarakteristik des Spieltriebes das 
Moment der »zwecklosen« oder freien Gemeinschafts- 
verwirklichung und des Gemeinschaftsgenusses nicht aus- 
drücklich hervorgehoben ist. »Wenn in dem dynami- 
schen Staate der Rechte,« sagt der Briefsteller, »der 
Mensch dem Menschen als Kraft begegnet und sein Wir- 
ken beschränkt — wenn er sich ihm in dem ethischen 
Staat der Pflichten mit der Majestät des Gesetzes ent- 
gegenstellt und sein Wollen fesselt, so darf er ihm im 
Kreise des schönen Umgangs, in dem ästhetischen 
Staat, nur als Gestalt erscheinen, nur als Objekt des 
freien Spiels gegenüberstehen. Freiheit zu geben durch 
Freiheit ist das Grundgesetz dieses Reiches.« Weiterhin 
wird ausgesprochen, daß der dynamische Staat die Ge- 
sellschaft nur möglich, der ethische nur moralisch not- 
wendig machen könne, der ästhetische aber verwirkliche, 
indem er den geselligen Charakter hervorbringe, 
der weder aus dem Zwange, den das Bedürfnis übe, 
noch aus den geselligen Grundsätzen, welche die Ver- 
nunft pflanze, hervorgehen könne. 

Hierbei ist die Anschauung, nach welcher der Staat 
ein Produkt der Not und das Bedürfnis, welches sein 
Entstehen bedingt, am allerwenigsten der Gesellschafts- 
trieb ist, »Rousseauisch«, die Forderung aber, die Ge- 
selligkeit auszubilden, um die Gesellschaft zu verwirk- 
lichen, anti-Rousseauisch. Trieb und Vermögen der Ge- 
sellschaft werden demnach nicht als ursprünglich wirksam, 
sondern als bedingt und vermittelt vorgestellt, wie es 
der früher gegebenen Darstellung der Genesis des Spiel- 
triebes entspricht. Denn der Umkreis des Spieltriebes und 
der Umkreis des schönen Umgangs sind ofl"enbar als 
ineinanderhegende angenommen, obgleich der Briefsteller 

167 



unerörtert läßt, inwieweit sie sich decken und nicht 
decken. In dieser Beziehung genügt es, nach dem, was 
wir früher über die Bedeutung des Spieles gesagt haben, 
hervorzuheben, daß sich der Begriff desselben erst in der 
Gemeinsamkeit erfüllt, obgleich es auch ein einsames 
Spiel gibt, daß aber der Gemeinschaftsgenuß, den 'das 
Spiel ausdrücklich vermittelt, an die Form und Förm- 
lichkeit desselben nicht gebunden, also insofern der 
Umkreis des freien, »selbstzwecklichen« und dadurch 
schönen Umgangs ein weiterer ist als der des eigent- 
hchen Spieles, welches seinerseits, abgesehen davon, daß 
es als ein einsames außerhalb der Grenzen des Umgangs 
überhaupt liegt, sich zur künstlerischen Produktion er- 
höhen kann, und als solche einen Umkreis passiver 
Teilnahme gewinnt, der sich überall über die Sphären 
der faktischen — also nicht bloß möglichen — Gesellig- 
keit ausdehnt. Dasjenige Moment der Offenbarungsten- 
denz, welches wir als Mitteilungstrieb bezeichen, ist im 
eigentlichen Spiele ein verschwindendes, während es für 
den Geselligkeitsgenuß wesentlich ist und in ihm zur 
vollen Entfaltung gelangt. Da aber erst in der freien 
Mitteilung die geistige Natur des Menschen entbunden 
wird und das gemeinsame Bewußtsein sich erfüllt, so 
würde das Spiel ein geistloses sein und bleiben, wenn 
es den ganzen Raum der Geselligkeit einnähme, und 
seine Erhöhung zur Kunstproduktion besteht eben darin, 
daß es den Inhalt des gemeinsamen Bewußtseins, der 
sich aus der stetigen Übung des freien Mitteilens oder 
aus der »geselligen Unterhaltung« ergibt, in sich auf- 
nimmt und formiert. Ihrerseits ist die gesellige Unter- 
haltung insoweit Spiel — wenn auch nur im weiteren 
und uneigentlichen Sinne — als sie eben eine freie und 

168 



vermöge ihrer Freiheit schöne ist. Mit dem Spiele der 
Mitteilung — das sich als solches von der Mitteilungs- 
arb ei t unterscheidet — verknüpft sich naturgemäß und 
notwendig das spielende Herausstellen der Persönlichkeit 
und die spielende, also genießende Beobachtung der An- 
dern. Wenn aber hiernach' die Geselligkeit in demselben 
Maße zu einer schönen wird, in welchem die Einzelnen, 
die an ihr teilnehmen, sich von der Spannung der 
egoistischen und der Gesellschaftsinteressen frei machen 
und desjenigen Charakters, der ihnen die bestimmte 
Teilnahme an der gesellschafthchen Arbeit oder ihre ge- 
sellschaftliche Stellung leiht, entkleiden, um ihre Persön- 
lichkeit als solche in Spiel zu setzen; so wird andrer- 
seits die gesellige Mitteilung und die Geselligkeit über- 
haupt zu einer frivolen oder Luxusgeselligkeit, wo und 
soweit sie das naturgemäße und notwendige Verhältnis 
zu der gesellschaftlichen Arbeit — das Wort im weite- 
sten Sinne genommen — nicht hat, also eine »schein- 
selige« Indifferenz gegen die gesellschaftlichen Aufgaben 
und Interessen ausbildet und affektiert. Die Geselligkeit 
hat keinen ideellen Inhalt und Hintergrund, sofern sie 
nicht die realen Strebungen und Gegenstrebungen der 
Gesellschaft, indem sie die Spannung und Abgeschlossen- 
heit derselben löst, zu freier Reflexion bringt; da aber 
der inhaltslose Schein sich unmittelbar verflüchtigt, so 
ist für seinen Bestand ein Hintergrund unentbehrlich, der 
kein anderer sein kann als das möglichst veräußerte 
Gesellschaftsinteresse. Die Veräußerung des Gesellschafts- 
interesses aber besteht darin, daß die sozialen Aufgaben 
teils als ein für allemal gegebene, teils als willkürlich 
bestimmte aufgefaßt, die sozialen Gegensätze auf ego- 
istische Rivalitäten reduziert, und hervorragende Lei- 

169 



stungen einseitig unter die Gesichtspunkte des Erfolgs, 
wie ihn das Glück oder die Intrige bedingen, und der 
abstrakten »Auszeichnung« gebracht werden. Eine Gesell- 
schaft in der Gesellschaft, welche für sich die eigentliche 
Gesellschaft repräsentieren will und deren Gesellschafts- 
interesse sich nach den angedeuteten Richtungen veräußert 
hat, löst die Geschichte theoretisch und praktisch in Anek- 
doten, die sozialen Strebungen und Kämpfe in ein Spiel 
gemeinen Charakters auf, ohne die Persönlichkeiten als 
solche in Spiel treten zu lassen, indem sie vielmehr die 
Attribute der gesellschaftlichen Geltung und Stellung 
als notwendige »Bekleidung« fordert, statt der Gestalten 
Figuren verlangt und die Schranken eines künstlichen An- 
Standes ausbildet, um das Spiel egoistischer Leiden- 
schaften, Rivalitäten und Reibungen, das sie nicht aus- 
schHeßt, zu einem versteckten zu machen. Diese Ge- 
sellschaft, die sich schlechthin als solche bezeichnet, weil 
sie ihrer Natur nach exklusiv ist — le monde, wie die 
Franzosen sagen, die für dieselbe mustergebend waren, 
bevor sie für die Umkehr des Privilegienstaates in den 
Gleichheitstaat mustergebend wurden oder zu werden 
suchten — zeigt allerdings die Charaktermerkmale der 
schönen Geselligkeit, und zwar in entschiedener Ausprä- 
gung: die Freiheit und die Form; denn sie hält sich 
von dem Ernste der sozialen Arbeit und des sozialen 
Interesses frei, sie vergnügt sich am Schein und regelt 
die Beweglichkeit der Mitteilung und Berührung, die sie 
nicht nur zuläßt, sondern in Anspruch nimmt, durch 
strenge und minutiöse Gesetze. Aber dieses Gesetz ent- 
behrt der Notwendigkeit — es offenbart sich als will- 
kürliches im Wechsel der Mode, deren Herrschaft eine 
launenhafte, also im eigentlichsten Sinne despotische ist — 

170 



der Schein ist materieller Aufwand oder bleibt mit einer 
Realität, die er verbirgt, behaftet, und weil beides der 
Fall, weil das Gesetz ohne Notwendigkeit und der Schein 
kein Erscheinen ist, kann von einem wahrhaften Frei- 
heitsgenusse im Umkreise dieser organisierten Geselligkeit 
nicht die Rede sein, und 'Weit entfernt, den Begriff der 
Schönheit zu erfüllen, stellt sie nur die anspruchsvolle 
und aufgeputzte Widernatürlichkeit dar. 

34. Es ist hiernach nicht die abstrakte Abscheidung 
von den sozialen Arbeiten und Interessen, welche die 
schöne Geselligkeit ermögHcht und begründet, vielmehr 
geben jene für diese den notwendigen Inhalt ab, wel- 
cher, indem er zu ungehemmter und allseitiger, also 
spielender Reflexion kommt, sich abklärt und zum freien 
Eigentume des Gemeinbewußtseins wird, wie die Form, 
welche sich die Gesellschaft in der Geselligkeit gibt, not- 
wendig die spielende Selbstgestaltung derselben, die 
zu der Selbstgestaltungsarbeit an sich ein bestimmtes 
Verhältnis hat, sein muß, wenn sie nicht eine willkür- 
liche und dadurch unschöne sein oder werden soll. Das 
an sich bestehende Verhältnis aber, welches das Spiel 
zur Arbeit hat, ist dies, daß es deren freie, von der ma- 
teriellen Vermittlung unabhängige, durch die Vorstellung 
sich ergänzende und daher schöpferische Nachahmung 
ist, welche als solche, was sie nachbildet, idealisiert, und 
den Inhalt des Kennens und Könnens, den sie emp- 
fängt, vermehrt zurückgibt. Damit ist ausgesprochen, daß 
Arbeit und Spiel nicht nur einen, im einfachen Gegen- 
satze aufgehenden Wechsel des Zustandes und des Ver- 
haltens ausdrücken, sondern sich gegenseitig nach Inhalt 
und Form bestimmen und erhöhen, d. h. bestimmen und 
erhöhen müssen, wenn ihr Wechsel ein fruchtbarer sein 

171 



soll, daß also der ästhetische Charakter des Spiels sich 
auf die Arbeit ebensogut zu übertragen hat, wie das 
Spiel das in der Arbeit entwickelte Vermögen aufnimmt, 
und daß, wenn wir den Umkreis der Geselligkeit als 
die notwendige Erweiterung und Umgebung des Spiels 
auffassen, aus dem Selbstgenusse der Gesellschaft in der 
Geselligkeit die Fähigkeit der sozialen Formierung, des an- 
standsvollen Kampfes und der freien und freudigen Ver- 
einigung, mit einem Worte aus der schönen Gesellig- 
keit, welche die Teilnahme an der Selbstgestaltungsarbeit 
der Gesellschaft verlangt, der schöne Staat hervor- 
gehen muß, wie die Karikatur der schönen Geselligkeit 
das unfreie und dadurch unschöne Staatswesen nicht nur 
zur Voraussetzung hat, sondern auch die mit dieser Vor- 
aussetzung gegebenen unschönen Zustände ihrerseits aus- 
prägt. Damit ist die Möglichkeit einer exklusiven 
schönen Geselligkeit ausgeschlossen, obgleich die Ab- 
stufungen, die in der Teilnahme an der durchgreifenden 
Selbstgestaltung der Gesellschaft ebenso notwendig statt- 
finden wie die Teilung der Arbeit überhaupt notwendig 
ist, den Charakter der Geselligkeit vielfach modifizieren 
müssen. Denn während diejenigen, welche der Teil- 
nahme an der sozialen Arbeit enthoben sind oder sich 
selbst entheben, für die Darstellung der schönen Ge- 
selligkeit des Stoffes und der Kraft entbehren, tritt überall, 
wo die Teilnahme an der Gestaltung der Gesellschaft 
eine durch äußerliche Privilegien verengte ist, jene Ver- 
äußerung des gesellschaftlichen Interesses ein, welche 
zwar die förmliche Organisation der GeseUigkeit nicht 
nur zuläßt, sondern bedingt, aber die wahrhafte Leben- 
digkeit und Schönheit derselben unmöglich macht. Der 
Begriff der schönen Geselligkeit erfüllt sich also nur 

172 



da, wo sie vermöge der allgemeinen, obgleich abge- 
stuften Teilnahme an der Gestaltung der Gesellschaft 
eine allgemeine sein kann, und den ästhetischen Cha- 
rakter, den sie gewinnt, den verschiedenen Formen der 
Arbeit und der Vereinigung mitteilt. Während daher die 
Darstellung der Geselligkeit in einer durch das Privi- 
legium abgesonderten Gesellschaftssphäre nur eine aus- 
geprägte Karikatur des Gesellschaftsideales hervorbringen 
kann, bleibt die sporadische Verwirklichung der 
schönen Geselligkeit, wie sie unter besonders günstigen 
Verhältnissen stattfinden zu können scheint, immer nur 
eine ansatzweise und verschwindende, die eine dauernde 
Befriedigung nicht zu gewähren vermag. 

Wir können demnach auch die Antwort, welche der 
Briefsteller auf die Frage gibt, ob »ein solcher Staat des 
schönen Scheines — wie er ihn als Bereich des schönen 
Umgangs charakterisiert hat — existiere und wo er 
zu finden sei«, keineswegs befriedigend finden, abge- 
sehen davon, daß wir schon die Fragstellung, insofern 
sie das Verlangen nach einem Staate im Staate, einem 
abgesonderten Bereiche des schönen Umgangs voraus- 
gesetzt, nicht anerkennen können. Denn diese Antwort ver- 
weist das Bedürfnis nach einer ästhetischen und damit freien 
Existenz auf die sporadische Verwirklichung der schönen 
Geselligkeit, die nach unserer Ansicht nur eine unge- 
nügende sein kann, welche bei energischer Geselligkeits- 
tendenz dieses Ungenügen von vornherein herausstellt, 
bei schwächlicher ein die Auflösung in sich selbst tra- 
gendes Werden, ein zufälliges und vergängliches »Glück« 
ist. Die Worte des Briefstellers lauten: »Dem Bedürfnis 
nach existiert er — der Staat des schönen Scheines — 
an jeder feingestimmten Seele; der Tat nach möchte man 

1/3 



ihn wohl nur, wie die reine Kirche und die reine Re- 
pubHk, in einigen wenigen auserlesenen Zirkeln finden, 
wo nicht die geistlose Nachahmung fremder Sitten, son- 
dern eigene schöne Natur das Betragen lenkt, wo der 
Mensch durch die verwickeltsten Verhältnisse mit kühner 
Einfalt und ruhiger Unschuld geht, und weder nötig hat, 
fremde Freiheit zu kränken, um die seinige zu behaupten, 
noch seine Würde wegzuwerfen, um Anmut zu zeigen.« 
Diesen Worten gegenüber haben wir nicht nur auf das 
oben Gesagte, das sich auf die Unmöglichkeit bezieht, 
die schöne Geselligkeit für sich und abgesondert zu 
realisieren, sondern auf unsere ganze Besprechung der 
»Briefe« zurückzuweisen, da diese überall dem Genügen 
am Ideal als solchem und an seiner momentanen Verwirk- 
hchung entgegentritt. Die Charakteristik aber, die Schiller 
hier und zum Schlüsse von der schönen Geselligkeit, 
wie sie in »auserlesenen Zirkeln« herrscht, aufstellt, 
schließt offenbar einen kritischen, gegen die Verfälschung 
des Geselligkeitsideales durch die »auserlesene« Gesell- 
schaft gerichteten Gedanken ein, der insbesondere auch 
in der Erwähnung der »geistlosen Nachahmung fremder 
Sitten« hindurchschlägt. Dabei ist die Beziehung auf das 
mustergebende französische Geselligkeitswesen unzweifel- 
haft; gegen die Nachahmung aber nicht nur der fremden 
Geselligkeitsformen, sondern auch der fremden Staats- 
formen, und überhaupt der »fremden Fortschritte« kann in 
der Tat nicht ernst und entschieden genug gesprochen wer- 
den. Die Kraft und Zukunft eines Volkes liegt in seiner Ori- 
ginalität, in den Hilfsmitteln, die es aus sich selbst schöpft, 
während die Nachahmung nicht nur immer »zu spät« 
kommt, sondern auch als fortgesetzte die Schwäche, aus der 
sie hervorgeht, bis zur gänzlichen Energielosigkeit steigert. 

174 



35- In den »Reden an die deutsche Nation« nimmt 
Fichte für das deutsche Volk den Vorzug der Originalität 
als einem in seiner »Urtümlichkeit« und üngemischtheit 
begründeten derart in Anspruch, daß die Zuerkennung 
zugleich und sogleich zum energischen Postulat wird. 
In der Tat steht zu dem Vorzuge der Originalität, der 
bei einem Volke die Fähigkeit ist, seine historische 
Wirklichkeit frei und eigenartig, aus seinem angeborenen 
und unveräußerlichen Wesen schöpfend, zu schaffen, die 
Nachahmungssucht, deren Deutsche das deutsche Volk 
von jeher bezichtigt haben, in einem scharfen und schein- 
bar unlöslichen Widerspruche. W^enn wir aber nur die- 
jenige Originalität, welche eine historisch berechtigte und 
bedeutende ist, als einen Vorzug anzuerkennen haben, 
und demgemäß für die Eigenartigkeit einer volkstüm- 
lichen Existenz und Bildung den Charakter der relativen 
Allgemeinheit verlangen — wie es Fichte hypothe- 
tisch dadurch tut, daß er das deutsche Volk das Volk 
schlechthin nennt — so finden wir für die Erscheinung 
der Nachahmungssucht einen Erklärungsgrund, der den 
bezeichneten Widerspruch teilweise, d. h. insoweit löst, 
als jeder Trieb mit der Fähigkeit, die er einschließt, die 
Möglichkeit der Veräußerung und Entartung in sich 
trägt. Denn eine Volksbildung kann den Charakter re- 
lativer Allgemeinheit nicht durch ein abstraktes Ver- 
halten des Volkes — durch die Absonderung und Abge- 
schlossenheit — sondern nur dadurch gewinnen, daß 
das Volk seine Selbständigkeit in möglichst weiten und 
mannigfaltigen Beziehungen nicht sowohl erhält als ent- 
wickelt, und das Fremde oder Gegebene als Element 
— als Stoff und Reiz — der Selbstgestaltung aufnimmt 
und verarbeitet. Die historische Energie eines Volkes 

175 



liegt in der doppelten Fähigkeit, Beziehungen herzustellen 
und Gebildetes zu assimilieren, und sie wird in dem- 
selben Maße zu einer wahrhaft produktiven oder be- 
dingt die konkrete Darstellung freier, allseitiger und 
schöner Menschlichkeit, in welchem der Trieb und die 
Fähigkeit der Assimilation Verinnerungs- und Gestal- 
tungstrieb und Verinnerungs- und Gestaltungsvermögen 
sind, während die vorwiegende Kraft einer mehr äußer- 
lichen Aneignung, Ausgleichung und Beherrschung, welche 
einseitige Entwicklung der Wirkfähigkeit ist, als unge- 
wöhnliche die historische Bedeutsamkeit und Bestim- 
mung allerdings einschließt, aber wesentlich negative, 
wenn auch durch ihre Dimension großartige Resultate 
bedingt. Hiermit ist wie der gemeinsame Charakter aller 
historisch bedeutenden Völker so der tiefgreifende Unter- 
schied dessen, was sie sind und leisten, ausgesprochen, 
und die »Ausnahmen von der Regel« — die Erschei- 
nungen in und aus der Abgeschlossenheit entwickelter, 
historisch bedeutender Existenzen und Kulturen — können 
nur scheinbare sein, als welche sie gerade die gegen- 
wärtige Geschichtsforschung mit unbewußter und be- 
wußter Tendenz überall nachweist. Ein nahe liegendes 
und bekanntes Beispiel geben die Juden ab, welche — 
unzweifelhaft ein »originelles« Volk von großer histo- 
rischer Bestimmung und zur Absonderung und Ab- 
schließung geneigt oder genötigt, weil es seinen unbe- 
grenzten Herrschaftstrieb wegen der mangelnden reellen 
Befähigung nicht befriedigen konnte — sich gegen die 
orientalischen Kulturen, mit denen sie in Berührung 
kamen, und insbesondere auch gegen die religiösen Ideen, 
die sie kennen lernten, keineswegs abstrakt verhielten, 
sondern dieselben trotz des ausgeprägt oppositionellen 

176 



Standpunktes, den sie gegen die fremden Völker und 
Götter einnahmen, mit ihrem nationalen Monotheismus 
zu verschmelzen verstanden, eben hierdurch aber ihre 
rehgiöse Produktivität, die in ihrer Art einzig ist, be- 
währten und entwickelten. Wir haben also in der jüdi- 
schen Abgeschlossenheit, dem Ergebnis der zurückge- 
schlagenen Herrschaftstendenz, die umgrenzende und 
sichernde Verhüllung einer Assimilationstätigkeit zu sehen, 
die unbeschadet ihrer Energie eine »geheime«, und zwar 
für das jüdische Bewußtsein selbst, teilweise blieb, teil- 
weise, indem sie sich durchsetzte, wurde. Der strenge 
jüdische Geist aber, der die Abgeschlossenheit oder Rein- 
heit der nationalen Existenz und mit ihr die Innerlich- 
keit der sich stetig fortsetzenden Assimilation religiösen 
Stoffes vertrat, hatte mit der Sucht der Götzenaneignung 
und der Lüsternheit, verbotene Kulte buhlerisch zu ko- 
sten, einen unausgesetzten und harten Kampf zu bestehen, 
so daß gerade das jüdische Volk ein typisches Beispiel 
der Entartung gewährt, in welcher sich Trieb und Ver- 
mögen der Assimilation veräußern, verfälschen und auf- 
lösen — einer Entartung, die nur da als eine sich wieder- 
holende Entwicklungskrankheit auftreten kann, wo Trieb 
und Vermögen von vornherein auf die Verinnerung und 
selbständige Reproduktion des Angenommenen gerichtet 
sind, und gerichtet bleiben, während da, wo die Energie 
der äußerhchen Aneignung vorwiegt, nur von einer Er- 
schlaffung, die nach vollbrachter Arbeit -das Genußbe- 
dürfnis entfesselt, die Rede sein kann. Rom, welches 
die Weltherrschaft, von der die Juden träumten, durch- 
setzte und mit den fremden Ländern auch die fremden 
Götter eroberte und unterbrachte, hatte allerdings auch 
mit gefährlichen Geheimkulten, z. B. den geheimen Bac- 

Deinhardt, Schiller. 12 



chanalien zu kämpfen, aber dieser Kampf galt nicht den 
Kulten als solchen, sondern dem Geheimnis, das sie zur 
Hülle sozialer Verschwörungen praktischen Charakters 
machte; das Eindringen der griechischen »Bildung« aber 
läßt sich nur als Folge, nicht als Ursache der Abspan- 
nung betrachten, in welcher die spezifische Energie des 
römischen Wesens sich verlor, wie es keine noch vor- 
handene Produktivität schwächte, sondern eine kaum in 
der Anlage gegebene zu künstlicher Blüte brachte. 

Je älter die Klage über die Nachahmungssucht und 
Ausländerei der Deutschen ist, um so weniger begründet 
sie einen Zweifel an der Originalität des deutschen We- 
sens, ohne daß deshalb ein indifferentes Verhalten gegen 
das vorhandene Übel zulässig wäre. Wenn der Trieb 
und die Fähigkeit, sich vergangener Bildungen zu be- 
mächtigen, neue Kulturelemente schöpferisch aufzuneh- 
men und die Mannigfaltigkeit der Gestaltungen, welche 
die historische Gegenwart ausmachen, zu reflektieren, bei 
keinem Volke so groß sind wie bei den Deutschen und 
als ein Beweis für die Tiefe seiner Eigenartigkeit aner- 
kannt werden müssen, so haben wir die deutsche Nach- 
ahmungssucht, die alles Fremde leicht annimmt, obgleich 
das am leichtesten Angenommene nur schwerfällig re- 
produziert, und sich bis auf die Formen der ökonomi- 
schen und politischen Tätigkeit erstreckt, als die Ver- 
äußerung und Verfälschung einer historischen Energie 
anzusehen, welche diese Veräußerung und Verfälschung 
nicht erleiden kann, ohne in ihr teilweise und langsam 
absorbiert zu werden, und nicht erleiden würde, wenn 
sie nicht an sich in einseitiger Richtung gesteigert und 
in entgegengesetzter, nämlich als praktische Gestaltungs- 
und Produktionstendenz zurückgetreten wäre. Soll daher 

178 



das deutsche Volk seinen historischen Charakter be- 
haupten und entwickeln, soll es der Zukunft, auf die es 
einen wohlbegründeten Anspruch hat, sicher bleiben, so 
ist ihm ein zeitweiliger Reinigungs- und Ausscheidungs- 
prozeß, durch den es abstößt, was es äußerlich ange- 
nommen, ein unerläßliches Bedürfnis, die Nachhaltigkeit 
der Befreiung aber ist durch das Freiwerden des gebun- 
denen Gestaltungstriebes, also durch Schöpfungen be- 
dingt, die als unzweideutig selbständige und grund- 
legende die vorhandene Originalität neu bewähren. 

Das Postulat der Nationalerziehung, zu welchem Fichte 
gelangt, indem er einen gründlichen Reinigungs- und 
Ausscheidungsprozeß in Anspruch nimmt, ist ein un- 
praktisches insofern, als es die Forderung einer un- 
möglichen Absonderung und Abschließung, und zwar 
einer nicht nur nach außen, sondern auch nach innen 
durchzusetzenden, enthält und ausprägt. Der Gedanke 
aber, daß das deutsche Volk mittels der Erziehung aus 
sich machen müsse, was es seiner Natur und Bestim- 
mung nach ist, gehört Fichte nicht allein an; er erscheint 
bei allen Denkern und Dichtern unserer philosophisch- 
poetischen Epoche mehr oder weniger entschieden, mehr 
oder weniger »national« gefaßt und in mannigfachen 
Modifikationen, so daß sich schon hieraus seine innere 
Notwendigkeit ergibt. Er ist ebensowenig unpraktisch 
wie willkürlich, wenn in dem oft wiederholten Satze, 
daß die Deutschen das spezifisch pädagogische Volk der 
Neuzeit sind — in der Alten Welt waren es die Grie- 
chen — eine Wahrheit liegt, und wenn es praktischer 
ist, die spezifische Befähigung zu entfalten und zu ver- 
werten, als sich die Mittel aneignen zu wollen, die 
Andere voraus haben und Wege zu betreten, auf denen 

179 



sie uns zuvorgekommen sind. Das Verlangen nach reeller 
Macht ist ein natürliches und in gewissem Sinne die 
Rückkehr zu einer natürlichen Anschauungs- und Denk- 
weise; es ist aber auch durch die ideelle historische Auf- 
gabe, die dem deutschen Volke zugewiesen wird und 
zugewiesen ist, gerechtfertigt, so daß nur ein falscher 
Idealismus sich demselben entgegensetzen kann. Aber 
das deutsche Volk, das in dem gegenwärtigen »Industrie- 
kampfe« bei dem Charakter und mit den Mitteln des- 
selben nur mühsam »konkurriert«, und dem andrerseits 
die pohtische Zentralisation, welche die fertigen Kräfte 
wirksam zusammenfaßt, fehlt, wie sie als mechanische 
seiner Natur widerstrebt, ist, um die gebührende Mäch- 
tigkeit zu gewinnen, wenn auch nicht einseitig, so doch 
vorzugsweise auf die Erzeugung und Bildung von Kräften,, 
auf die gründliche Entwicklung der Wehr- und Arbeits- 
fähigkeit, auf die Gestaltung der »Einheit« von unten 
auf, die ein allgegenwärtiges Einigungsvermögen ver- 
langt, folglich auf die Organisation der allgemeinen Er- 
ziehung angewiesen. Mit dieser Überzeugung wird 
sich hoffentlich die andere ausbreiten und befestigen, 
daß die wahrhaft praktische Erziehung bei der An- 
lage und Bestimmung des deutschen Volkes die zu voller 
Wirklichkeit gebrachte ästhetische Erziehung ist, 
deren Begriff und Ideal fortgesetzt bestimmt werden muß. 
Für diese Bestimmung aber ist — wie sich aus den vor- 
anstehenden Erörterungen hoffentlich herausgestellt hat 
— das mit erneutem Ernste aufgenommene Studium 
Schillers ein unumgängliches, weil gegebenes Mittel. 



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